Die Kirche in Longwy mit durchschossenem Gewölbe und erhaltener Kanzel.
(Vgl. [Seite 68].)
So folgt die Barmherzigkeit in Gestalt der Heilkunst den Spuren des grauenvollen Krieges. Was sind all diese Ärzte, Assistenten, Sanitätssoldaten, Schwestern anderes als rettende Engel, die mit dem Engel des Todes um das Leben der Verwundeten kämpfen! Was sind die Krankenautomobile, Bahren und die eifrigen Schäferhunde anderes als der Verblutenden Freunde und Bundesgenossen, die die Ernte auf den blutigen Feldern bergen. Hier geht die Versöhnung getreulich mit dem Krieg Hand in Hand, wie das Symbol des Roten Kreuzes die Farben des Bluts mit dem Sinnbild der christlichen Liebe vereint.
[18. Der letzte Abend beim Kronprinzen.]
23. September. Den Tag verbrachte ich in Dun an der Maas, das durch die Beschießung besonders seitens der Franzosen sehr gelitten hatte. Gegen ½6 Uhr kehrte der Kronprinz mit seinen Herren von Romagne zurück; ich sollte ihn in Dun erwarten. Ich ging über die Brücke zur Stadt hinaus, als eben die vornehmen Automobile mit der Bezeichnung »Generaloberkommando der fünften Armee« in voller Fahrt dahergerast kamen. Beim Chauffeur auf dem ersten saß der Kronprinz im Mantel mit rotem Kragen. Er gab mir ein Zeichen, aufzusteigen, und ich nahm hinter ihm Platz. Er unterhielt sich eine Weile mit den Offizieren; dann ging es weiter. Aber langsam, denn wir begegneten gerade einem Infanterieregiment. Die Mannschaften faßten ihre Helme an der Spitze, hoben sie in die Höhe und stimmten ein Hurra an, als gelte es einen Bajonettangriff auf einen französischen Schützengraben; es galt aber dem Chef der fünften Armee und dem Erben des Reichs. Wir fuhren wie durch ein brausendes Meer von donnernden Hurrarufen, bis zu den letzten kleinen Gruppen von zwei und drei Mann. Zuletzt stand noch ein einsamer Wachtposten an der Straße; auch er schrie aus Leibeskräften! Als dann der Kronprinz wieder seine Automobilbrille aufsetzte und den Mantelkragen hochschlug, war er nicht mehr zu erkennen, am wenigsten von den Reitern, die auf ihre Pferde aufzupassen hatten. Aber, so versicherte er mir, nichts freue ihn mehr, als sich so von den Soldaten geschätzt und verstanden zu sehen; sei es doch die vornehmste Pflicht eines Fürsten, sich des Vertrauens seines Volkes würdig zu zeigen, und für ihn kein größeres Glück, als so zum deutschen Volk zu stehen.
Bei Tisch war die Stimmung so fröhlich und ungezwungen wie gewöhnlich, trotzdem man begeisterte Reden, Trinksprüche und Hurrarufe hätte erwarten können. Varennes war genommen worden, und die Nachricht von Weddigens Tat auf dem Meer war eingelaufen. Aber man hielt keine Reden und rief auch nicht Hurra. Der Kronprinz nahm die Neuigkeiten mit derselben würdigen Ruhe auf, er freute sich, verzog aber keine Miene, nur seine Augen bekamen einen feuchteren Glanz. Die Unterhaltung drehte sich dann eine Weile um die Frage, ob die Unterseeboote gegenüber den schwimmenden Festungen die gleiche Bedeutung erhalten würden wie die 42-cm-Mörser gegenüber den Landbefestigungen. Dann sprach man von andern Dingen, und die Stimmung war kameradschaftlich und gemütlich wie immer an diesem Tisch. Die unerschütterliche Ruhe der Deutschen, besonders der Oberbefehlshaber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Sie nehmen die Erfolge als die natürlichste Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg Woche für Woche ausbleibt, so bewahren sie dieselbe Ruhe in dem Bewußtsein, daß er kommen wird und kommen muß! Die Oberleitung weiß, was sie zu tun hat, um das Ziel zu erreichen; alle andern, vom Feldmarschall bis zum Rekruten, hegen blindes Vertrauen zu ihr, und das ganze deutsche Volk vertraut ebenso blind dem Heer und der Flotte. Solch ein Volk kann nicht besiegt werden! Alles geht mit mathematischer Genauigkeit und Notwendigkeit. Daher diese Sicherheit und Ruhe, und daher war am Tisch des Kronprinzen die Stimmung nicht aufgeräumter als sonst.
Gleich vor Dun, auf der nördlichen Seite der Straße nach Romagne, liegt ein einsames Grab, das Kreuz mit Kränzen überschüttet. Dort ruht ein Hauptmann, der mit seiner kleinen Schar inmitten des Feuers aushielt, als die Franzosen ihre eigene Stadt beschossen, und schließlich auf seinem Posten fiel. Sein Andenken war unter der Besatzung von Dun ebenso frisch wie die Blumen auf seinem Grab, die stets erneuert wurden. Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutschen scheint es die einfachste Sache von der Welt, sein Blut hinzugeben und zu sterben. Nein, ein solches Volk kann nicht besiegt werden!
Während des Essens kam der Generaloberarzt Professor Widenmann; er hatte im Lazarett nach unserm Freunde Freiherrn von Maltzahn gesehen, dem ein Automobilunglück zugestoßen war. Das Auto war an einer Straßenwendung gestürzt und kam mit seiner ganzen Schwere auf von Maltzahns Brust zu liegen. Ein paar Rippen waren ihm gebrochen, dazu ein Beinbruch, eine Gehirnerschütterung und der allgemeine Chock. Sein Zustand war sehr beunruhigend, aber der Arzt hoffte auf seine Wiederherstellung. Professor Widenmann wird mir unvergeßlich sein. Er hatte die ganze Welt bereist, war wohlbekannt in Afrika und nahe am Gipfel des Kilimandscharo gewesen, als Wind und Wetter ihn zwangen, umzukehren. Wir hatten gemeinsame Freunde nah und fern und unterhielten uns noch lange, nachdem die andern ihre Zimmer aufgesucht hatten, an diesem letzten Abend, den ich beim Kronprinzen des Deutschen Reichs verlebte.