Eine menschenfreundliche Seele im Hotel Staar hatte mir geraten, Proviant mitzunehmen, da es mehr als zweifelhaft sei, ob ich unterwegs etwas Eßbares auftreiben könnte. Also wurden mir mit dem übrigen Gepäck vier tüchtige Butterbrote mit Schinken und Käse, drei Eier und zwei Flaschen Mineralwasser ins Kupee gebracht.
Dann ging es hübsch langsam los, aus dem Luxemburger Bahnhof heraus, an einem stehenden Zug vorüber, der mit plaudernden, rauchenden, lachenden Soldaten vollbepackt war, die ausgezeichneter Stimmung zu sein schienen. Die Fahrt ging an gemütlichen Dörfern, Höfen und Wäldern vorüber, an Wiesen mit grasenden Rindern, Feldern mit pflügenden Bauern, an Landstraßen und Chausseen mit langen Baumreihen. In Luxemburg gab's keine zusammengeschossenen Häuser, keine obdachlosen Menschen. Wohl war die Einquartierung deutscher Truppen wenig angenehm, aber die Luxemburger haben alles bei Heller und Pfennig ersetzt bekommen.
Auf den Straßen keine Truppen, keine knarrenden Kolonnen. Wie das kommt, so nahe der Front? Nun, soweit die Eisenbahnen gehen und in Zusammenhang mit dem deutschen Eisenbahnnetz stehen, besorgen sie den ganzen Transport bis zum Beginn der Etappenstraßen, wo es keine Eisenbahnen gibt. Deshalb sieht das Land zu beiden Seiten der Bahn so idyllisch aus, und das einzige, was an den Krieg erinnert, ist der Trubel an den Haltestellen und die Posten, die die Bahn bewachen und oft so dicht stehen, daß der eine den andern sehen kann. Deutsche Eisenbahntruppen besorgen den Betrieb und Landsturm die Bewachung.
Unser Gleis führt über Mamer und Kapellen. Das Gelände ist schwach gewellt, nach allen Seiten breiten sich flache, sonnenbestrahlte Felder. Zwischen zwei Stationen halten wir. Warum? Auf dem Nebengleis kommt ein gewaltiger Zug mit lauter leeren Güterwagen; keine Menschenseele ist darin, man hört, wie leer sie sind; mit hohler Resonanz rasseln sie vorüber; sie haben irgendeiner Armee Verstärkungen gebracht und gehen nun nach Luxemburg zurück, um neue Mannschaften zu holen. —
Sterpenich! Wir sind also in Belgien. Die Landschaft ist die gleiche, auch hier deutsche Wachtposten, auch hier pflügende Bauern auf den Äckern wie in Luxemburg. Nicht einmal die Zollrevision erinnert uns daran, daß wir ein neues Land betreten: der Krieg reißt alle Schranken nieder.
In Arlon halten wir länger. Im Südwesten hört man Kanonendonner; ob er aber von Verdun oder vom Argonner Wald herkommt, können meine Reisekameraden nicht entscheiden; er klingt dumpf, aber deutlich.
Zuweilen fährt der Zug mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, aber bald bereut er das und fährt wieder langsam, als ob die Last von Toten, die er in Form von Geschossen mit sich führt, die Erschütterung nicht vertrüge. Der Bahnkörper liegt nun hoch, und wir fahren auf einer Brücke über eine Landstraße. Unten steht ein Soldat mit einem Gewehr und sieht zum Zug hinauf.
Da plötzlich ein Dorf, zusammengeschossen und eingeäschert, nur noch aus kahlen Mauern bestehend, die zwischen Bäumen hervorlugen. Eine Allee ist zum Teil umgehauen, auch die Bäume am Rande eines Gehölzes in der Nähe der Bahn sind gefällt. Wohl um die Bewachung zu erleichtern und Attentaten vorzubeugen? Nein; weiterhin sind die Stämme aufgestapelt, ein Güterzug wartet auf sie; sie sollen als Bahnschwellen dienen.
»Langsam fahren!« steht an scharfen Kurven auf großen Schildern; die deutschen Lokomotivführer fühlen sich noch nicht so heimisch. Doch ist der Verkehr nicht besonders lebhaft; man begegnet nur wenigen Zügen auf dieser zweispurigen Bahn.
Lavaux — Cousteumont — Hamipre, kleine Stationen; die Soldaten sitzen in guter Ruh, rauchen Zigarren und lesen die neuesten Zeitungen. Longlier-Neufchateau, eine größere Station; vom Kupeefenster aus werden einige zerstörte Häuser sichtbar. Bei Libramont geraten wir dicht neben einen gewaltigen Truppenzug, der wie wir Sedan zum Ziel hat. Der ganze Zug ist laubgeschmückt, als ging es zu einem Sommerfest. Draußen zwischen den Wagenfenstern liest man mit Kreide geschriebene Sprüchlein, die von der guten Laune der Passagiere zeugen, z. B. »Auf zum Mittagessen nach Paris; steht schon bereit«, und andere derartige Scherze. Unter fröhlichem Singen und Lachen rollt der Zug seinem unbekannten Schicksal zu.