Nach einstündigem Aufenthalt kommt die Reihe wieder an uns, und wir fahren über Felder, auf denen duftende Hafergarben wie Soldaten in Reih' und Glied stehen. Eine Brücke ist zu Beginn der Invasion gesprengt worden, offenbar um den Bahnverkehr zu stören, der unter ihrem Bogen hindurchführt. Nun sind Eisenbahnbautruppen damit beschäftigt, sie wieder herzustellen. Sonst sieht man von der Bahn aus in Belgisch-Luxemburg nicht viel von den Wirkungen des Kriegs.
Von Libramont aus geht die Fahrt endlich nach Südwesten. Auf einer kleinen Station halten wir wiederum unmittelbar neben einem Truppenzug und gleiten langsam an ihm vorüber. Im Wagen dritter Klasse haben die Soldaten Tornister, Gewehre, Waffenröcke und Patronentaschen aufgehängt, alles in malerischer, kriegerischer Unordnung. Einige Leute liegen auf den Bänken und schlafen, andere sitzen, die Beine übereinandergeschlagen, rauchen, lesen, plaudern oder betrachten das Leben draußen. In den Kupees erster und zweiter Klasse fahren Offiziere und Unteroffiziere. Es ist Kavallerie; den Schluß des Zuges bilden die Güterwagen mit den Pferden, in jedem Wagen sechs, je drei und drei mit den Köpfen gegeneinander; von der mittleren Wagenöffnung mit den Schiebetüren sind sie durch Balken getrennt, die an kurzen Ketten hängen; an den Balken sind ihre Halfter festgemacht. Zwischen den Balken, also in der Mitte des Wagens, steht auf Böcken ein Tisch mit zwei Bänken. Hier sitzen ein paar Leute, die gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt sind.
Bertrix! Wieder eine Stunde Aufenthalt. Ein leerer Zug aus Sedan verursacht die Verzögerung. Durch das Fenster fängt man unfreiwillig kleine Brocken von der Unterhaltung der Soldaten auf. »Hast du gehört, daß die Belgier in der Nähe von Arlon eine geheime Funkenstation haben sollen, der man noch nicht auf die Spur gekommen ist?« — »Auf alle Fälle war das eine Glanzleistung von Weddigen.« — »Aber die Verluste zu Land sind viel größer als die zur See. Der Untergang eines Unterseebootes bedeutet zwanzig Mann, ein Sturm zu Land aber zehn- oder hundertmal mehr.« — »Ist es wahr, daß Reims erobert ist?« — »Der rechte Flügel scheint ein gutes Stück zurückgegangen zu sein.« — Alle Gerüchte gedeihen üppig an den Bahnstationen.
Der Stationsvorsteher kommt in mein Abteil, um mir Gesellschaft zu leisten. Er erzählt mir, daß die Steinbrücke, über die wir vorher gefahren sind, am 19. August von den Belgiern gesprengt worden sei, als hier heiß gekämpft wurde. »Wir Eisenbahner,« fügt er hinzu, »wir müssen hier sitzen und dürfen den Kanonendonner nur aus der Ferne anhören. Ins Feuer, wie die andern, dürfen wir nicht.« — »Aber Ihre Arbeit ist doch ebenso wichtig; wie stände es mit dem Feuer an der Front, mit der Verpflegung und den Ersatztruppen, wenn Sie nicht den Eisenbahnbetrieb in Ordnung hielten!« — »Gewiß, aber es ist eine fürchterliche Geduldprobe.«
Endlich kommt der erwartete Zug heran. »Haben Sie keine neuen Zeitungen?« rufen Wachtposten und Eisenbahnarbeiter, als wir langsam vorüberfahren. »Ich habe schon alle weggegeben, die ich hatte«, antworte ich. Aber ich finde noch eine Nummer der Trierischen Zeitung, und am nächsten Ort, wo mehrere Soldaten beieinander stehen, werfe ich sie hinaus. Wie eifrig die Leute die Neuigkeiten verschlingen; einer liest vor, die andern hören zu.
Hier begegnen wir einem lustigen Zug: einige Wagen sind als Reparaturwerkstätten eingerichtet. Da stehen Hobelbänke und Schleifsteine, da liegen Sägen, Meißel, Äxte und Hämmer herum. Andere Wagen sind gestopft voll von Zweirädern, Schubkarren, Spaten, Spießen, Äxten und Hacken und andern Werkzeugen, die man bei Pionierarbeiten, Barrikaden und Schützengräben braucht. Hinter einem langen Tunnel öffnet sich eine herrliche Landschaft, stärker gewellt als die bisherige; unter uns kreuzen sich mehrere große Landstraßen. An der nächsten senkt sich der Bahnkörper jäh herab. Unten ist eine Wachtstube, in der mehrere Landstürmer nach der Arbeit ausruhen und die Stunde abwarten, wo ihre Kameraden abgelöst werden sollen. Eine Schar graugekleideter Arbeiter geht, den Spaten auf der Schulter, die Strecke entlang. An einer kleinen Haltestelle stehen etwa vierzig graue und blaue Soldaten um ihre Gewehre herum. Es nimmt auch nie ein Ende mit den Soldaten! Welche Massen werden nicht allein an den Eisenbahnlinien verbraucht.
Die Sonne geht unter. Hinter einem neuen Tunnel öffnet sich im Tal unter uns die Aussicht auf den gewundenen Flußlauf der Semois. Neue Scharen zurückkehrender Arbeiter. »Noch zwanzig Kilometer bis zur französischen Grenze«, erklärt der eine; ein anderer zeigt in der Nähe eines zerstörten Dorfes auf eine Anhöhe, wo mehrere Massengräber zu liegen scheinen. Die Dämmerung schreitet weiter und geht in Nacht über. Schade, daß man die Aussicht auf dieses herrliche Land verliert. Die Bahn wendet sich in vielen Kurven, bald steigend, bald fallend. Beim Ansteigen geht es hoffnungslos langsam, der Zug quält sich, und das Holz der Wagen seufzt unter der Schwere seiner Last.
Wieder ein Tunnel in Sicht; an seinem Eingang eine kleine Hütte, in der einige Landstürmer sich eben ihr Abendbrot bereiten. Der Zug fährt so langsam, daß wir einige Worte mit ihnen wechseln können. Dann geht's hübsch sachte in die dunkle Öffnung hinein. Die Lokomotive stöhnt und keucht aus Leibeskräften, der Tunnel füllt sich mit Rauch, und man schließt die Fenster. Es geht immer langsamer. Nun kann die Maschine es nicht mehr schaffen, da stehen wir!
Einer meiner Reisekameraden holt in der Finsternis eine kleine Lampe hervor, die die Stimmung erhöht. Der Rauch wird kompakter und dringt in das Kupee herein; wenn das noch lange dauert, ersticken wir alle. Ich öffne einen Augenblick das Fenster und sehe hinaus — nur Nacht und Rauch, aber durch den Rauch sieht man die Funken, die von der Lokomotive sprühen, die neue Kraft zu sammeln scheint. Unser Zug ist mit Munition beladen, und sollte sie gerade hier im Tunnel in die Luft fliegen, dann bekommen die Eisenbahntruppen in den nächsten Tagen viel zu tun!
Die Lokomotive prustet wieder und fängt an, sich zu bewegen. Vorn wird ein Licht sichtbar, vermutlich die Mündung des Tunnels. Nein, nur eine Laterne, deren Schein vom Rauch gedämpft wird. Eine Weile später wieder ein Licht, als ob es endlich tagen wollte; es ist aber nur der Feuerschein der Maschine. Hört denn dieser ewige Tunnel niemals auf? Mehr als eine halbe Stunde sind wir darin. Da wird es endlich heller, und wir atmen wieder frische Luft. Aber vom Tag ist nicht mehr viel übrig; die Dämmerung verwischt die Umrisse der Landschaft, und über der Erde schwebt der Halbmond gelb und spöttisch.