Gegen 8 Uhr ist der Mond weiß geworden und sitzt in den Baumwipfeln. Die Nacht ist hell und kalt. Wie leicht wäre es für Franktireurs, aus den Schlupfwinkeln des Waldes heraus ihre Kugeln in die schwach erleuchteten Fenster des Zugs zu senden. Aber kein Schuß erschallt, es ist lautlos still draußen, nichts erinnert an den Krieg, man ist wie im tiefsten Frieden.
Um Mitternacht verschlief ich den Rest unserer Fahrt. Um 3 Uhr morgens weckte mich einer meiner Nachbarn: wir waren in Sedan. Achtzehn Stunden waren wir unterwegs gewesen. Der Chef der Kommandantur, Major von Plato, war bereits um diese frühe Morgenstunde auf den Beinen, heiter und guter Dinge, hieß mich herzlich willkommen und stellte mir ein Zimmer im Bahnhof zur Verfügung. Bevor ich aber meine neue Wohnung in Besitz nahm, mußte ich mit dem Major und ein paar andern Offizieren, die ebenso munter und lebhaft waren wie er, Tee trinken. Das zeitige Frühstück lieferte die Kriegsverpflegungsanstalt, in der sechzehn freiwillige Helferinnen bis zu viertausend Verwundete an einem Tag beköstigt hatten. In einer Küche brodelten beständig gewaltige Kessel mit kräftiger Suppe. Neben der Station hatte man gleich nach der Besitznahme in zwei Tagen einen Holzschuppen gebaut, in dem die Truppen, Verwundete und Unverwundete durcheinander, ihre Mahlzeiten an langen Tischen einnehmen konnten. Auch jetzt waren viele Plätze besetzt, und draußen stand ein ganzer Trupp Landwehr zweiten Aufgebots und wartete auf den Morgenkaffee mit Brötchen. Jeder sollte auch seine Portion Brot und Fleisch auf die Fahrt an die Front mitnehmen. Alle waren heiter und guter Dinge, und niemand konnte vermuten, daß diese Männer binnen kurzem vor dem Feind stehen würden, um zu siegen oder zu sterben. Im Durchschnitt hatten täglich fünftausend Mann Sedan auf dem Wege zur Front passiert. Fleisch und Gemüse für ihren Unterhalt liefert das besetzte Land, der Bürgermeister muß es herbeischaffen — das ist so Kriegsgesetz, und man sieht daher leicht ein, wie vorteilhaft es für eine Armee ist, in Feindesland zu kämpfen. Das besetzte Land muß ja nicht nur seine eigene Armee, sondern auch die des Gegners ernähren. Solange es Getreide gab, wurde auch das eingefordert, aber Ende September mußte für den Brotbedarf der Soldaten Mehl aus Deutschland beschafft werden. In der Kaffeeküche brodelte ein Dutzend große Kessel, und eine alte Französin rumorte zwischen ihnen unterhaltungs- und lachlustig. —
Das Zimmer, das mir nun zugeteilt wurde, war ursprünglich für Major Plato und seinen Adjutanten bestimmt; sie sollten sich abwechselnd darin ausruhen. Aber bisher hatten sie es noch nicht benutzen können, da sie Tag und Nacht durcharbeiteten und zwischendurch oft in den Kleidern in der Bahnhofswirtschaft schliefen, die als Kommandanturbureau diente. Im Wartesaal III. Klasse war das Quartier der Stationswache. Die Leute lagen auf dem Boden und machten sich gerade für die Arbeit des neuen Tages bereit.
Unsere Runde führte uns auch in die Wartesäle und Magazine, die als Lazarett eingerichtet waren. In einem lagen nur schwerverwundete Franzosen, die von Schwestern des Roten Kreuzes und Ärzten gepflegt wurden. Ein anderer Saal war den Deutschen überlassen, die bald den Transport nach Osten ertragen konnten. Auch hier bekam ich einen lebhaften Eindruck davon, wie wichtig es ist, so schnell als möglich die Krankensäle, die zur Verfügung stehen, zu räumen. Eben war die Mitteilung eingegangen, daß ein Zug mit Verwundeten auf dem Weg nach Sedan sei, und daß fünfhundert Krankenwagen von der Front angefordert würden — was auf heftige Kämpfe und blutige Ereignisse schließen ließ. Als der gemeldete Zug ankam, entstand auf dem Bahnsteig Leben und Bewegung. Die Schwestern und ihre freiwilligen Träger eilten von Wagen zu Wagen mit Eimern und Kannen voll rauchenden Kaffees und großen, runden Körben voll Brot; Sanitätssoldaten standen mit ihren Bahren bereit, um die Schwerverwundeten zu den Autobussen und damit in das Städtische Lazarett zu schaffen. Alles geht wie geschmiert, es ist Lust und Leben in diesem Liebeswerk. Wieviel auch kommen, so reicht das Essen doch immer zu, die Bahren und Betten gehen nicht aus, und die hilfreichen Hände werden nie müde. Den verwundeten Franzosen wird dieselbe freundliche Behandlung zuteil wie den Deutschen, vielleicht eine noch freundlichere, denn fast alle haben ein Gefühl von Mitleid gegenüber denen, die in Feindeshand gefallen sind und außer ihren eigenen Wunden noch fühlen müssen, wie ihr Vaterland blutet. Die Station Sedan ist wie ein summender Bienenkorb. Hier kommen Züge mit frischen Truppen herein, und dort halten Transporte von Gefangenen und Verwundeten. Zwar liegt die Nacht kalt und sternenhell auf der Stadt, aber für die, die im Dienst der Krankenpflege auf der Station arbeiten, gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und es ist mir ein Rätsel, wie sie dieses Leben aushalten. Die Kraft, die sie aufrecht erhält und vor Müdigkeit bewahrt, ist die Liebe zum Vaterland, das seinen größten und schicksalsschwersten Kampf ausficht.
[22. Sedan — 1870!]
Am Nachmittag machte ich mit Major Heyn und ein paar andern Offizieren, von denen einer Richter in Frankfurt a. M. war und jetzt Kriegsgerichtsrat, eine Automobilfahrt zu geschichtlich berühmten Orten außerhalb Sedans, Plätzen, deren bloßer Name bei allen Franzosen Gefühle der Trauer weckt.
Das Weberhaus bei Donchery, wo am 2. Sept. 1870 Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten.
(Vgl. [Seite 82].)