Landstürmer am Grabe eines Kameraden.
In der Nähe des Dorfes Frénois, wo am Vormittag des 2. September 1870 die Kapitulation unterzeichnet wurde, besuchen wir das kleine Schloß Bellevue, wo König Wilhelm am selben Tage seine Zusammenkunft mit Kaiser Napoleon III. hatte. Die beiden Monarchen trafen sich in der kleinen Glasveranda im Erdgeschoß, die eine Art Vorhalle bildet. Die Möbel von damals sind alle verschwunden, und kein Andenken aus jener Zeit ist erhalten. Doch nein! Die alte, würdige und vornehme Dame, die noch jetzt das Schloß besitzt und, von Alter und Kummer gebeugt, jetzt zum zweitenmal nach vierundvierzig Jahren alle Phasen eines französisch-deutschen Krieges erlebt hat! Ihr Haar war schneeweiß, und sie ging gebückt, aber sie trug ihr Haupt hoch und war stolz und ehrfurchtgebietend. Wir fragten sie, ob wir das Innere des Schlosses besichtigen könnten, aber sie bat uns, davon abzustehen, und wir achteten diesen Wunsch natürlich. Daß die Soldaten, die ihr Weg an Bellevue vorüberführt, gern die berühmte Veranda sehen wollen, ist ja weiter nicht zu verwundern, aber die alte Dame bat, man möge diese Besuche einstellen. Sie wolle Frieden haben und mit ihrem Kummer allein sein. »C'est bien malheureux, c'est très, très triste«, sagte sie ein ums andere Mal, und sie selber wie ihre Worte erweckten das tiefste Mitgefühl. Bellevue erhebt seinen runden Turm wie eine Klippe, die von den Sturmwogen der beiden größten Kriege der neueren Geschichte umspült ist.
Ärzte in einer Soldatenhütte hinter den Schützenlinien bei Rouvroy.
(Vgl. [Seite 88].)
Unser nächstes Ziel ist die kleine Stadt Donchery, die jetzt einen doppelt traurigen Eindruck macht. Hier verhandelten am Spätabend des 1. September 1870 die Generäle Moltke und Wimpffen über die Kapitulation. Auch Bismarck war dabei und mehrere Offiziere von beiden Seiten. Das Haus, in dem die Verhandlung stattfand, wurde in dem jetzigen Krieg zerstört. Aber Anton von Werners Gemälde existiert noch. Es wirkt auf den Beschauer fast erschütternd. Rechts die germanische Eisenkraft, die Entschlossenheit, die keine Kompromisse duldet, links das geschlagene Frankreich in seinem tiefsten Unglück. Wohl zieht Moltke unsere Blicke auf sich, wie er, die Hand auf den Tisch gestützt, dasteht und kategorisch verlangt, daß sich das ganze französische Heer gefangen geben soll, und wohl betrachten wir mit gespannter Aufmerksamkeit den eisernen Kanzler, wie er, die Hände am Säbelknauf, dasitzt und auf die Antwort wartet. Die Hauptfigur des Bildes ist aber doch Wimpffen. Er ist gerade von dem Schlag getroffen, den die Übergabebedingungen für ihn und ganz Frankreich bedeuten. Er hält es nicht mehr aus, er ist aufgestanden, um zu gehen. Aber er schwankt und muß sich auf den Tisch und einen Stuhl stützen. Das Licht der Lampe fällt auf sein Gesicht, das den tiefsten Schmerz und Kummer verrät. Weshalb hat er sich zum Oberbefehl über die Armee gedrängt, nachdem Mac Mahon verwundet worden war und Ducrot zu seinem Stellvertreter ausersehen hatte? Nun wird sein Name in der Erinnerung auf ewig mit diesem Unglückstag verbunden bleiben. Ein Bild Bonapartes hängt an der Wand; der große Kaiser scheint dem unglücklichen General einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Die Gesichter seiner Begleiter verraten tiefsten Schmerz und Demütigung. Nicht weniger ernst stehen die Preußen auf der andern Seite des Zimmers. Ihre Züge zeigen Bewunderung für die glänzende Tapferkeit des französischen Heers und für eine Todesverachtung, die eines besseren Geschicks würdig gewesen wäre. Der Künstler hat eine Stimmung hervorgerufen, die uns ahnen läßt: alle Anwesende sind sich dessen bewußt, daß dieser Tag in der Erinnerung als einer der unglücklichsten in Frankreichs, als einer der größten in Preußens Geschichte fortleben wird.
Auf der Rückkehr nach Sedan besuchten wir auch das Haus, in dem am frühen Morgen des 2. September Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten. Von seinem Gefolge und ein paar Reitern begleitet, kam der Kaiser in einem Landauer nach Sedan gefahren. Er war ausgestiegen und stand, gebrochen und vorzeitig gealtert, auf seinen Stock gestützt, als Bismarck heranritt. Auch diesen Augenblick hat Werner auf einem seiner Gemälde verewigt. Sie gingen dann ins Haus, stiegen die schmale, halsbrecherische Treppe hinauf und nahmen im hintersten der beiden größeren Zimmer Platz. Der Wirt, der Weber Fournaise, wurde entfernt, aber seine siebenundzwanzigjährige Frau hielt sich im Vorderzimmer auf. Und Madame Fournaise ist noch am Leben, eine freundliche alte Frau, die das Leben mit philosophischer Ruhe betrachtet, das doch so schlimm mit ihrem Eigentum verfahren ist. Das einzige, was sie empörte, war, daß zwei Gewehrkugeln durch ihr Fenster gegangen waren und sich in die Decke gebohrt hatten. Sie hielt uns im übrigen einen richtigen Vortrag über den denkwürdigen Tag vor vierundvierzig Jahren und entsann sich jeder Kleinigkeit. Der Kaiser war freundlich und herablassend, Bismarck lustig und scherzhaft zu ihr gewesen. Und als die Unterhaltung zu Ende war und die beiden Herren ihrer Wege gingen, hatte der Kaiser ihr vier Zwanzigfrankstücke geschenkt, die sie noch unter Glas und Rahmen und mit folgender Unterschrift aufbewahrt: »Donnés par sa Majesté l'Empereur Napoléon III à Madame Fournaise le 2 Septembre 1870.« Zur Erinnerung an unsern Besuch sollten wir den Stempel bewahren, den sie in unsere Notizbücher drückte: »Maison de la 1re entrevue Donchery.« Das Haus selbst ist bekannt unter dem Namen Maison du Tisserand oder das Weberhaus.
Wir fuhren auf einer andern Straße nach Sedan zurück, um einen flüchtigen Blick auf die Festungswerke zu werfen, die seit 1870 geschleift sind, und von den Höhen der Umgebung die schöne Aussicht auf die unglückliche Stadt zu genießen. In Sedan kann man nicht fröhlich sein. Es liegt einem bleischwer auf der Brust. Da ist ein Volk, das gelitten hat und leidet, ein edles, fleißiges und sparsames Volk, das am Gängelband der republikanischen Demokratie an einen Abgrund von Unglück geführt wurde, ein Volk, das eines besseren Schicksals würdig wäre als für eigennützige Freunde zu verbluten, dessen Kinder vergebens die anscheinend stolzen, in Wirklichkeit aber leeren und hohlen Worte stammeln: »Liberté, Egalité, Fraternité!« Was ist das für eine Brüderlichkeit, die nie an etwas anderes denkt als an Rache! Was ist das für eine Gleichheit, die politischen Zwecken die Ersparnisse des Volks aufopfert! Und was ist das für eine Freiheit, die dieses selbe Volk der am despotischsten regierten Macht der Erde in die Arme treibt!
[23. Bei der vierten Armee.]
Im Hotel Croix d'Or in Sedan wohnte Exzellenz General Freiherr von Seckendorff, der Etappeninspektor der vierten Armee. Der Chef seines Stabs ist Oberst von Kemnitz; er hat eine gewaltige Schar Offiziere unter sich, dazu die schwere Verantwortung für die Verbindungslinien der vierten Armee. Man kann wohl sagen, daß durch seine Hände ganze Armeen und endlose Reihen von Kolonnen gehen. Er muß Ankunft und Marsch der Ersatztruppen kontrollieren und ist dafür verantwortlich, daß sie zur rechten Zeit ankommen. Er hat dafür zu sorgen, daß Kleider, Waffen, Munition und Verpflegung in genügender Menge vorhanden sind. Er hat einen Generaloberarzt bei der Etappeninspektion unter sich, und dieser ist wieder verantwortlich für jedes Lazarett an den achtundzwanzig Etappenorten wie für Beförderung und Behandlung der Verwundeten im allgemeinen. Die Bewegungen der Sanitätskolonnen fallen also auch unter die Etappeninspektion. Der vielseitige General hat außerdem die Gefangenentransporte und die ewig hin und her rollenden Motorwagen der Feldposten zu überwachen.