Die Leichtverwundeten, die sich nicht an das Feldlazarett zu wenden brauchen, wandern an einen sogenannten »Leichtverwundeten-Sammelplatz« und begeben sich von dort an einen Etappenort und weiterhin zu Fuß oder in leeren Güterwagen nach Hause. Sobald ihre Wunden geheilt sind, kehren sie zu ihrem Regiment zurück.
Das Feldlazarett wird nach einiger Zeit durch eine Kriegslazarettabteilung abgelöst, die nur aus Personal, Arzt, Sanitätssoldaten und freiwilligen Assistenten besteht. Jedes Armeekorps verfügt über eine solche Abteilung von etwa dreißig Ärzten und der entsprechenden Anzahl übrigen Personals.
Das Feldlazarett wird so durch das Vorrücken der Truppen in ein Kriegslazarett verwandelt, oder mit andern Worten: wenn das Feldlazarett mit den Truppen vorrückt, wird sein Platz von der Kriegslazarettabteilung eingenommen. Geht das Vorrücken, wie bei meinem Besuch, langsam, so tritt keine Veränderung ein, und das Personal hat verhältnismäßig wenig zu tun.
Die Kriegslazarette liegen gewöhnlich in kleinen Dörfern, oft dreißig oder vierzig Kilometer von der Eisenbahn. Ihre Aufgabe ist, die Schwerverwundeten weiter zu behandeln, die das Feldlazarett verlassen haben, und sie dann nach den Etappenlazaretten zu befördern und nach Orten wie Sedan, die in regelmäßiger Eisenbahnverbindung mit der Heimat stehen. Der Transport der Verwundeten geschieht nicht nur zu Fuß und in leeren Lastwagen, sondern auch durch Kraftwagen der Krankentransportabteilung, unter denen man Omnibusse aus allen möglichen Städten findet, sowie Lastwagen mit Namen bekannter Fabriken und Geschäfte. Sie können bis zu zehn Betten mit sich führen, und kommen Leichtverwundete in Frage, so kann ein einziges Auto fünfzig Mann befördern, aber dann sitzen sie auch dicht zusammengepfercht und sogar auf dem Dach. Sie fahren nur nach den Etappenorten; von da geht es auf Eisenbahnen, Kanälen oder Flüssen weiter.
Die ganze Etappenlinie entlang sind an geeigneten Punkten Verband-, Verpflegungs- und Erfrischungsstationen eingerichtet, wo Schwestern, Krankenwärter und Ärzte von Wagen zu Wagen gehen, um die Patienten zu untersuchen und diejenigen herauszufinden, die nicht mehr weiter können. Daheim werden die Verwundeten in die Lazarette geschickt oder in Häuser, die im Krieg in Lazarette umgewandelt sind. Viele dürfen auch direkt in ihre Heimat fahren. Von der Front bis in die Heimat gilt der Hauptgrundsatz: Platz, Platz, Platz! Deswegen beeilt man sich soviel wie möglich, die Verwundeten loszuwerden, um für neue Scharen Raum zu bekommen. Jeder Sanitätswagen, der zum Train gehört, ist genau in Fächer und Schubkästen eingeteilt, so daß jedes Ding seinen bestimmten Platz hat und leicht zu finden ist. Ebenso mustergiltig und genau ist schon in Friedenszeiten die Zusammensetzung und Ausrüstung der Lazarettzüge bestimmt. Die eisernen Krankenbettstellen stehen bereit; man hat nur die Bänke und Gestelle aus den Wagen dritter Klasse herauszunehmen und dafür die eisernen Bettstellen festzuschrauben. Man weiß, wie viele Matratzen, Kissen und Decken für jeden Wagen gebraucht werden. In den Verband- und Apothekerwagen ist alles so genau geordnet, daß der Arzt seine Jodtinktur, sein Chinin, sein Stück Heftpflaster oder seine Sicherheitsnadel mit verbundenen Augen finden könnte. Alles ist nach einem Schema eingerichtet. Wenn ein Anfänger sich nicht sofort zurechtfindet, so braucht er nur den gedruckten Schlüssel zu benutzen, der für die Tausende von deutschen Lazarettzügen gilt. Man hat über die minutiöse Gründlichkeit der Deutschen in allen Dingen gespöttelt und hat sie Pedanten genannt. Nun zeigt sich, wozu diese Pedanterie gut ist! Alles geht wie ein Uhrwerk, und niemand braucht zu suchen oder zu fragen. Und diese in Friedenszeiten geschaffene Ordnung herrscht überall! Deshalb ziehen die Deutschen nicht in den Krieg wie schlaftrunkene und aufgestörte Träumer, sondern als auf alles vorbereitete und ausgebildete Kämpfer, sei es, daß ihre Pflicht sie in Reih' und Glied oder an den Operationstisch ruft.
Die deutschen Soldaten haben ein wahres Grauen davor, in die Hand französischer Ärzte zu fallen, sie sterben lieber! Wenn Gefangene und Verwundete nach Kriegsschluß ausgetauscht werden, werden unparteiische Richter in der medizinischen Welt urteilen können, auf welcher Seite die sorgsamere Pflege und die größere Menschenliebe zu finden waren. In mehr als einer Beziehung hat dieser Krieg die Ohnmacht und Nichtigkeit aller Konferenzen und Übereinkünfte in Genf, Haag und andern Orten mit Namen von einem jetzt leeren und trügerischen Klang dargelegt.
[27. Leben an der Front.]
Am 1. Oktober machte ich in Gesellschaft des prächtigen Chefs einer Feldfliegerabteilung, Hauptmann H. von Chamier-Glisczinski, einen Ausflug an die Front. Er holte mich in seinem Auto ab, und in wahnsinniger Fahrt ging es nach Somme Py im Südwesten. Vorher hielten wir jedoch eine Weile bei einer Flugstation, wo der Hauptmann dienstlich zu tun hatte. Während wir dort standen, kam eine Taube in herrlichem Gleitflug herabgeschwebt. Sie kam in größter Eile, wie es schien, und ihre hellen, leichten Flügel hoben sich scharf von dem hellblauen Himmel ab. Sie kam gerade auf uns zu, und man hatte das Gefühl, einen Schritt beiseite treten zu müssen, um nicht von der einen Flügelspitze getroffen zu werden. Als sie dem Erdboden nahe war, schien sie wieder aufsteigen zu wollen. Aber diese Bewegung geschah nur, um den Stoß bei der Landung zu mildern, dann rollte sie ein Stück und hielt auf der Wiese.
Der Flieger und sein Kamerad begleiteten uns auf der weiteren Fahrt. Und wieder entrollte sich vor uns das Bild des bunten Soldatenlebens unmittelbar hinter der Front, wie ich es so oft schon gesehen hatte. Es war heute nicht so schwer, vorwärtszukommen, denn jetzt am Tage hielten sich die meisten Truppen still und versteckt. Hier und da brannten kleine Feuer im Schatten der Bäume; man kochte und trank seinen Kaffee, rauchte seine Pfeife und sonnte sich auf umgestürzten Getreidegarben. Die Proviantwagen mit ihren weißen und gelben Plandächern waren oft mit Laub bedeckt, um den französischen Fliegern nicht allzusehr in die Augen zu stechen. In Somme Py war wenig zu sehen. Fast das ganze Dorf war niedergebrannt und zerstört; nur rauchgeschwärzte, nackte Mauern standen da. Unsere Fahrt ging weiter, und nun sahen wir die gutversteckten Feldküchen, die Sanitätskompagnien mit ihren Wagen, Ärzten und Krankenträgern, sowie die sogenannte Gefechtsbagage, d. h. alles, was die in den Schützenlinien liegenden Soldaten an Munition, Werkzeugen, Kleidern, Proviant und anderm brauchen.