Da, wo links von der Straße vier Feldhaubitzen aufgestellt waren, ließ Hauptmann Chamier halten und das Auto im Schatten eines Baumes unterstellen, denn von hier aus war es nicht ratsam, weiterzufahren, da das Automobil die Aufmerksamkeit der französischen Beobachter auf sich ziehen konnte. Wir stiegen daher aus und machten eine kleine Runde um die Batterie, die eben bei der Arbeit war. Die Haubitzen wurden gerade für die nächste Salve geladen, und ich benutzte die Gelegenheit, ein Bild davon zu skizzieren. Die Batterie war gut maskiert und mit kleinen Wällen von Erdschollen, Steinen und Sandsäcken eingefaßt; jede Kanone außerdem mit einer Schutzplatte versehen, die wenigstens für Schrapnells und Gewehrkugeln undurchdringlich sein muß. Das Feuer war auf das 4050 Meter entfernte Dorf Souain gerichtet; es war schon so gut wie zusammengeschossen, und was noch übrig war, stand in Flammen. Von dem Beobachtungsstand aus, auf den wir uns später begaben, konnte man mit scharfen Fernrohren die Wirkung der Granaten beobachten. Wenn ein Haus getroffen ist, steigt eine dunkle Säule von Gasen, Staub und Erde auf, und bald verraten Flammen und Rauch, daß die Granaten das Haus oder mehrere angezündet haben. Wer an diese Dinge nicht gewöhnt ist, betrachtet sie unwillkürlich mit einem gewissen Respekt. Vermutlich steigt der Respekt sogar mit der Gewohnheit. Die Offiziere scheinen vollkommen gleichgültig, aber das ist, glaube ich, meist nur Selbstbeherrschung; der Führer darf der Mannschaft seine Gefühle nicht verraten, er muß vollkommen ruhig sein oder scheinen. Aber es muß auch die stärksten Nerven angreifen, lange im Feuer zu liegen. Diese Batterie hier war achtzehn Tage auf demselben Platz, ohne von französischen Fliegern entdeckt worden zu sein.
Die Granate ist mit Pikrin gefüllt, einem Sprengstoff, der noch viel stärker ist als Dynamit. Beim Auftreffen explodiert die Ladung und verursacht eine furchtbare Verwüstung. Der Geschoßzylinder zerspringt dabei in messerscharfe Scherben und verursacht böse, schwer zu heilende Wunden. Der Zünder des Schrapnells wird dagegen auf Zeit eingestellt, so daß er z. B. neunzehn Sekunden nach Abfeuerung des Schusses, je nach der Entfernung, das Geschoß zur Explosion bringt. Auch sein Zylinder ist mit Pikrin gefüllt und dazu noch mit etwa vierhundert kleinen, runden Bleikugeln, die in einem schweifförmigen Strahl oder in einem Kegel sich über das Ziel verstreuen.
Von der Batterie aus wanderten wir zu Fuß durch die Allee und hielten uns getrennt und im Schatten der Bäume. Einen sicheren Schutz bot die Allee nicht, denn sie war hier und da unterbrochen. Wir gingen fünfhundert Meter südlich bis zu dem Beobachtungsstand, von dem aus das Feuer telephonisch geleitet wurde und die vorderste französische Front beobachtet werden konnte. Der Platz hieß Ferme- —. Das erste, was ich sah, war etwas Baumähnliches, das sich über das umgebende Gebüsch erhob. Es war ein Mast von der Stärke und Höhe einer Telegraphenstange; eine Stiege führte hinauf zu einer kleinen Plattform und dem Sitz für einen Beobachter, der nebst seinem Fernrohr unter Laubzweigen verborgen war.
Am Ziel angelangt, wurden wir von nicht weniger als drei Obersten empfangen, von denen jedoch zwei nur zufällige Gäste waren, und von einigen Offizieren. Einer der Obersten namens Fischer, Brigadekommandeur der Feldartillerie, ein heiterer, gemütlicher Herr, hatte gleich mir Asien bereist.
Die Offiziere wohnten hier Tag und Nacht und hatten sich unter der Erde häuslich eingerichtet, da der Platz von dem französischen Feuer bestrichen wurde. Eine Treppe führte in eine Grottenwohnung von zwei kleinen, dunklen Zimmern hinab, die von einer Petroleumlampe erleuchtet und von einem kleinen, eisernen Kamin erwärmt wurden, der jetzt munter brannte. Auf einem Wandtisch lagen Toilettesachen, Fernrohre, Karten, Instrumente und Revolver in lustiger Unordnung. Im Schlafzimmer waren die Betten auf dem Erdboden dicht nebeneinander ausgebreitet. Man darf nicht allzu empfindliche Nerven haben, wenn man dort unten schlafen soll. Aber doch war es wenigstens ein Zufluchtsort, wenn der Platz starkem Feuer ausgesetzt war; gegen Granaten sei er zwar nicht ganz geschützt, sagte man mir, wohl aber gegen Schrapnells. Auch ihre Mahlzeiten nahmen die Offiziere gewöhnlich hier ein, um in Ruhe essen zu können.
[28. Die Feld-Telephonstation.]
Einige Schritte davon entfernt besuchten wir die Telephonstation, die in dem gemauerten Keller eines im übrigen zusammengeschossenen Hauses eingerichtet war. An den Wänden dieser unterirdischen Kammer war eine ganze Reihe Telephonapparate befestigt; davor saßen einige Offiziere und Soldaten auf Wandbänken. Solange ich unten war, klingelte es ununterbrochen in mehreren Telephonen zu gleicher Zeit. Personal mußte also immer da sein, um zu antworten. Die Station stand mit der ganzen vierten Armee durch ihr Oberkommando in Verbindung, ebenso mit dem Großen Hauptquartier. Ja, man konnte sogar jede Verbindung mit Deutschland erhalten, obgleich natürlich Privatgespräche nicht zugelassen waren. Zwei junge Flieger, Graf Rambaldi und Leutnant Bürger, waren eben von einer Erkundung der französischen Stellungen zurückgekehrt und berichteten ungemein klar und sicher über das, was sie gesehen hatten. Rambaldi stand lange, den Telephonhörer in der einen, seine Karte mit den eingezeichneten Beobachtungen in der andern Hand, und sprach mit einem Offizier des Oberkommandos, der das gleiche Kartenblatt vor sich hatte und sicher auch Bleistift und Notizbuch. Der Rapporteur sagte z. B.: »550 Meter nordwestlich von X. sah ich eine Artilleriestellung von wahrscheinlich nur zwei Kanonen. Auf der Straße, die westlich davon nach Y. führt, war eine stillstehende Kolonne von acht Wagen; konnte nicht unterscheiden, ob Munitions- oder Proviantkolonne. Die Batterie, die gestern in dem Tal südlich von Z. stand, ist heute verlegt worden; wohin? ist im Augenblick nicht festzustellen.«
Durch solche Erkundungen bekommt das Oberkommando viel Wichtiges zu wissen und richtet das Artilleriefeuer darnach ein. Die deutsche Batterie, die die französische bei dem Dorfe Z. beschossen hat, stellt natürlich das Feuer ein, sobald bekannt wird, daß das Ziel die Lage geändert hat, was immer während der Nacht geschieht. Die Geschütze einer französischen Batterie stehen gewöhnlich weit voneinander, teils, um die Gefahr zu vermindern, teils auch, um sie leichter vor Fliegern verbergen zu können.
Von dem Beobachtungsplatz aus waren es etwa zwei Kilometer bis zu den vordersten deutschen Schützengräben, die dreihundert bis fünfhundert Meter von den französischen entfernt liegen, ja, zuweilen tausend Meter. Hier liegen nun die feindlichen Soldaten und belauern einander. Es ist ein Hundeleben in diesen Gräben! Steckt man die Nase über den Rand hinaus, ist man des Todes. Gestern vormittag 10 Uhr sah man eine Schar französische Soldaten aus einem nahen Wald herausschleichen, um sich vorsichtig dem Schützengraben zu nähern. Zwei Salven Schrapnells wurden auf sie abgegeben. Hundertundfünfzig Mann blieben liegen, die übrigen zogen sich zurück. Sie bezahlen mit derselben Münze, sobald sie Gelegenheit dazu haben, und ihre Artillerie steht auf der Höhe, ebenso ihre Zielsicherheit. Ihre Munition soll dagegen weniger gut sein; gestern krepierten von sechsunddreißig Granaten nur sieben, alle übrigen waren sogenannte »Blindgänger«.