Die deutschen Soldaten bewahren sich mitten in Todesgefahr ihre gute Laune und setzen zuweilen spaßeshalber einen herrenlosen Helm auf einen Stock und halten ihn in nickender Bewegung über den Rand des Schützengrabens. Sofort wird er das Ziel des feindlichen Feuers, und die Soldaten wetten, wie viele Treffer es geben wird!

Übertriebene Reinlichkeit kann in diesen Gräben nicht herrschen, wenn man auch das Menschenmögliche tut, um allen Schmutz zu entfernen. In dieser Gegend hatte sich zwischen den beiden Fronten ein Übereinkommen ergeben, daß bei gewissen Gelegenheiten die Soldaten den Graben unbehelligt verlassen konnten, aber nur immer ein Mann, unbewaffnet und in der Richtung auf den feindlichen Schützengraben zu. Der Soldat brauchte bloß einen Spaten über den Grabenrand zu heben und ihn dreimal auf und ab zu schwingen. Nach diesem Signal konnte er ruhig seine Promenade antreten und wieder an seinen Platz zurückkehren. Einmal hatten sich zwei weidende Kühe zwischen zwei in kurzem Abstand voneinander verlaufende Schützengräben verirrt. In der geheimen Zeichensprache der Soldaten kam die Übereinkunft zustande, ein französischer Soldat sollte die eine, ein deutscher die andere Kuh melken! So geschah es, und dann kehrte jeder ruhig in seinen Graben zurück. Das beweist, daß auch die französischen Soldaten ihren guten Humor nicht verloren haben.

Die Schützengräben stehen gleichfalls in telephonischer Verbindung mit der Beobachtungsstation. Einer unserer Freunde fragte mich, ob ich hören wollte, wie sich die Bewohner des am weitesten vorgeschobenen Schützengrabens gerade jetzt befänden. Natürlich wollte ich das! Ich bekam den einen Hörer in die Hand und wurde zunächst nach allen Regeln der Höflichkeit dem Major vorgestellt, der im Schützengraben auf den Anruf antwortete. »Wie geht es, Herr Major?« — »Danke, gut.« — »Haben Sie etwas Besonders zu berichten?« — »Ja, heute nacht wurden einige Schüsse gewechselt, aber ohne Verluste.« — »Wie ist die Stimmung bei der Mannschaft?« — »Vortrefflich, wie gewöhnlich.« — »Haben Sie die acht Maschinengewehre bekommen, die Ihnen gestern nacht geschickt werden sollten?« — »Ja, sie sind da und schon aufgestellt, aber für eines fehlt der Panzerschutz. Wir behelfen uns bis auf weiteres mit Erdschutz.« — »Haben Sie sonst noch Wünsche?« — »Danke, nein, alles in Ordnung.«

Der Major sprach ruhig und sicher, aber man hörte doch einen Unterton von Ernst in seinen Antworten.


[29. Am Scherenfernrohr.]

Der über der Erde liegende Teil des Beobachtungsplatzes war eine gemütliche Laube im Gebüsch, und hierhin kamen von Zeit zu Zeit Boten auf Zweirädern gefahren. Wohlgeschützt und versteckt stand ein Scherenfernrohr auf seinem Dreifuß, ein anderes auf der Landstraße vor der Laube. Durch solch ein Fernrohr sieht man so gut wie alles bis an den Rand des Horizonts, und die vertikale Stellung der Tuben ermöglicht es, daß der Kopf des Beobachters bei der Arbeit ganz im Schutz eines Eisenschilds oder einer Mauer bleiben kann. Von unserm hochgelegenen Platz aus hatten wir eine vortreffliche Aussicht über den ganzen Bereich der nächsten Schützengräben. Oberst Fischer erklärte mir alles. Er stellte den Horizontalfaden des Fadenkreuzes auf den deutschen Schützengraben ein, und dieser wurde ganz deutlich als eine etwas ungerade dunkle Linie sichtbar. Man sah sogar, wie ein Mann aus dem Graben herausstieg, wahrscheinlich nachdem er dreimal mit dem Spaten gewinkt hatte! Dann wurde das Haarkreuz auf den französischen Schützengraben eingestellt, der etwas schwächer sichtbar wurde, aber doch vollkommen deutlich.

Noch weiter südlich, 3550 Meter von unserm Beobachtungsplatz, sah man das brennende Dorf Souain und die Wäldchen, in denen man gut versteckte Artilleriestellungen vermutete; in Ostsüdost, d. h. links von uns, deutlich eine Batterie von vier Geschützen, und diesseits von dieser eine jetzt aufgegebene Artilleriestellung.

Plötzlich rief der Oberst: »Deckung!« Eine französische Flugmaschine, ein Blériot, näherte sich. Man stellte sich schleunigst unter die Bäume, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Einige Ordonnanzpferde, die in einem Hohlweg standen, wurden an einen sicheren Platz gebracht. Der Flieger kam näher. Schwach, aber deutlich hörte man das Surren seines Motors. Er segelte gerade über unsere Köpfe hinweg. Wird er eine Bombe werfen oder uns mit Pfeilen überschütten? Es wäre ein guter Fang für ihn, einen Beobachtungsstand zu zerstören, von dem aus das Feuer geleitet wird und an dem alle Telephondrähte der Gegend zusammenlaufen. Ein Zivilkundschafter kann ihn ja signalisiert haben. Aber der Flieger zog vorüber, es erfolgte keine Explosion, und mit einem Gefühl der Erleichterung sah man ihn verschwinden. Er suchte ein anderes Ziel für seine Bomben.

Obgleich es mit großer Gefahr verbunden war, gingen wir noch zweihundert Meter in der Richtung auf die Schützengräben vor. Das Gelände senkte sich hier langsam. Wir verfolgten die Straße in zerstreuter Ordnung und im Schatten der Bäume, und wo Gebüsch war, hielten wir uns darin. Glücklich kamen wir bis zur ersten Linie der Reservetruppen für die Schützengräben. In diesen wechselt die Mannschaft jeden Morgen um 6 Uhr. Die Leute können sich also jeden zweiten Tag ausruhen. Sie haben sich in die Erde eingegraben, und ihre Wohnungen sind mit Stangen, Zweigen und Heu gedeckt. Sie waren am Morgen aus dem Schützengraben gekommen und sollten nun bis Mittag schlafen. Dann wird exerziert, und bei Dunkelheit kommen die Feldküchen mit ihren dampfenden Kochtöpfen. Es gab eine ganze Reihe solcher Reservelager an der Nordseite des Gebüschs.