Dann trat auf der untersten Stufe einer Steintreppe der junge Pastor Marguth aus Hessen hervor. Er trug einen schwarzen Rock und um den Arm eine weißviolette Binde wie alle Geistlichen der Feldarmee. Er sprach im Anschluß an den Römerbrief über die Kraft des Evangeliums, und kam damit auf die welthistorischen Ereignisse, die aller Gedanken erfüllten. Er sprach von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes, das in solchen Zeiten einen Herrscher hat, der in Wahrheit ein Führer ist. Der Kaiser habe alles getan, um den Krieg zu vermeiden; er habe den Frieden gewollt, aber da er zum Krieg gezwungen worden sei, habe er auch gewußt, wo sein Platz sei, und was das Volk von ihm verlangen konnte. Und im Vertrauen auf dieses Volk habe er nicht gezaudert, für Deutschlands Existenz und Zukunft loszuschlagen.

Pastor Marguth sprach vom Pflichtgefühl des Volkes als der vornehmsten Bedingung des Siegs. Das Volk wisse, was es zu tun habe, wenn die Pflicht es ruft. »Wir müssen Gott danken für seine Gnade, daß er uns jetzt in der Stunde unserer Heimsuchung in unserer schwersten aber auch größten Zeit so einig und stark gemacht hat.« Und zuletzt sprach er von der Ausdauer der Soldaten und von ihrer Entschlossenheit, sich erst mit dem letzten Mann und dem letzten Pferd zu ergeben.

Es war eine einfache Beredsamkeit ohne Redeblüten, ohne Phrasen; der Geistliche sprach freimütig mit froher Zuversicht und unerschütterlicher Siegesgewißheit, und die deutschen Worte weckten ein klingendes Echo an den französischen Häusern. »Vater unser, der du bist im Himmel ... Der Herr segne euch und behüte euch ...« Schließlich wurde wieder ein Choral gesungen, mit so brausender Kraft, als sei es am Tag vor dem siegreichen Einzug durch das Brandenburger Tor. Hier standen nun diese breitschultrigen, kraftvollen und jugendfrischen Germanen, und unter den Helmen flammten Augenpaare, die vielleicht morgen in den Schützengräben erlöschen sollten! Es überlief mich kalt, als ich den Choralgesang erschallen hörte und dachte, diese Männer verstehen die Kunst, zu sterben! Aber ihr Volk wird nie sterben, und es ist schade um die Mächte, die sich zu ihrem eigenen Untergang vereinigt haben. Wieviel Blut muß noch fließen, bis sie einsehen, daß ihr Ziel, Deutschlands Vernichtung, unerreichbar ist!

Die Feldprediger sind ein Geschlecht für sich. Immer froh, munter, aufopfernd und freimütig. Sie sind die Seelsorger der Soldaten, den Lebenden predigend, die Sterbenden tröstend und erquickend. Die Konfession spielt keine Rolle mehr. Protestantische und katholische Priester verkehren wie Brüder. Alle haben einen Gott, und alle haben ein Ziel: die Wohlfahrt des Vaterlandes. Oft sieht man Priester zu Pferde dahergesprengt kommen, das Kreuz um den Hals, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, die weißviolette Binde am linken Arm des Feldrocks. Nicht selten sind sie mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Dann haben sie wohl mitten im Granatfeuer von der Auferstehung und dem Leben gesprochen oder mit unerschütterlicher Ruhe gepredigt, während feindliche Flieger über ihnen schwebten. Ja, vielleicht sind sie Sonnabend nachts in Kälte und Regen zwischen Büschen und Gras hindurchgekrochen, um an die Schützengräben zu gelangen und ihren Bewohnern am Sonntag Gottes Wort zu verkünden.

Am Abend desselben Tages wurde in der Kirche zu Cernay Gottesdienst abgehalten. Man hatte an Licht sparen müssen, und auf dem Altar brannten nur ein paar Talgkerzen. Aber es war Vollmond und klares Wetter, und der Mondschein sickerte durch die Fenster herein und erleuchtete das Schiff und die Säulen und die wetterharten Männer, die aus ihren Schützengräben oder von ihren Troßwagen gekommen waren. Von Zeit zu Zeit schlugen französische Granaten in die Stadt ein, und es donnerte und krachte von Explosionen und einstürzenden Häusern. Aber der Priester ließ sich nicht stören. Er schien den Krieg draußen nicht zu merken, sondern sprach, ohne mit der Stimme zu zittern, vom Frieden in Gott und von den Pflichten gegen das Vaterland. Die Soldaten hörten mit unerschütterlicher Ruhe zu, und als der Choralgesang schließlich verklang und die Lichter ausgelöscht wurden, zerstreute sich die Schar in den Gassen, die eigentümlich erleuchtet waren vom Mondschein und vom Feuer der brennenden Häuser. —


[31. Nach Belgien.]

Nachdem ich lange genug bei den prächtigen Offizieren von Herzog Albrechts Armee verweilt hatte, begann ich mich nach neuen Erlebnissen zu sehnen, und am Vormittag des 8. Oktober entschloß ich mich, zunächst nach Sedan zurückzukehren. Da um diese Zeit kein Militärzug abging, benutzte ich auf den Rat des Stationskommandanten, Oberstleutnant Böhlau, den Postautobus, in dessen Innern zwei Artillerieleutnants Müller und Fuchs und meine Wenigkeit hinter den hochaufgestapelten Briefsäcken noch eben Platz fanden. In Sedan nahm mich Oberstabsarzt Dr. Fröhlich, mit dem ich schon vorher, in Sedan selbst und in Vouziers, zusammengewesen war, in einem Lazarettzug mit dreihundert Patienten, den er nach Breslau zu führen hatte, bis nach Libramont mit. Dort fragte ich den Stationsvorsteher, ob er mir nach Namur weiterhelfen könnte.

»Nicht ganz bis dahin, aber bis Jemelle. Und sind Sie erst dort, so wird sich wohl leicht eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finden.«

»Schön, und wann geht der Zug?«