»Im nächsten Augenblick, aber es ist kein Zug, nur vier zusammengesetzte Lokomotiven, die aus Jemelle requiriert wurden.«
Ich hatte schon manches Beförderungsmittel benutzt, von den Kamelen in Takla-makan angefangen bis zu den Rikschas in Kyoto. Aber auf einer Lokomotive war ich noch nie gefahren, und schon deswegen nahm ich den Vorschlag mit größtem Dank an.
So verabschiedete ich mich denn von Dr. Fröhlich und wurde mit meinem Gepäck von laternentragenden Landsturmleuten über einige Schienenstränge bis zu den vier Lokomotiven geleitet. Auf der ersten nahm ich Platz; sie hatte den Tender vorn, und ich hatte daher freie Aussicht über die Landschaft, die sich nach und nach vor meinen Blicken aufrollte. Aber kühl und zugig war es, eine dünne Schicht dichten Reiffrostes deckte das Land, und diesen weißen Schein verstärkte noch der Mond, der hoch und kalt über der durchfurchten Erde schwebte.
Lokomotivführer und Heizer waren kräftig gebaute, unerschütterlich ruhige Männer. Ihre rußigen Gesichter verrieten keine Bewegung, keine Unruhe, aber immer hielten sie den Blick fest auf die Bahn gerichtet, bereit, die Maschine anzuhalten, sobald sich etwas Verdächtiges zeigen sollte. Überanstrengt waren sie auch nicht, aber in der letzten Zeit hatten sie auch leichteren Dienst gehabt als früher, wo sie oft achtundvierzig Stunden, ja manchmal sechzig Stunden ununterbrochen tätig waren! Die Schüsse der Franktireurs hatten aufgehört, und man konnte mit einem Gefühl von Sicherheit fahren, was aber Vorsicht nicht unnötig machte.
Die Nacht ist lautlos still. Wir begegnen langen Militärzügen, die wunderlich aussehen in der ungewohnten Perspektive; und auf den Bahnhöfen in Hatrival und Mirwart stehen endlose, leere Güterzüge. Langsam wird es Tag. Gärten und Wälder erhalten Form, und die Laubkronen der Bäume heben sich immer deutlicher vom Himmel und von dem weißen Felde ab. Wir fahren über eine Brücke, die gesprengt, aber von den Pionieren wieder hergestellt worden ist. Die Landschaft ist unendlich schön, wellig und hier und da mit Wald geschmückt. Der Lokomotivführer stellt mir einen kleinen, dreibeinigen Stuhl hin, und als der Heizer den Ofen öffnet, um Kohlen nachzulegen, lächelt er, als ich die Gelegenheit wahrnehme, meine Hände zu wärmen.
Forrières! Nun geht die Sonne auf und mit glitzerndem Gold färbt sie Bäume, Äcker und Wiesen, Häuser und Wagen und die Landsturmleute, die nicht mehr mit aufgeschlagenen Kragen zu gehen brauchen.
Wir sind in Jemelle und steigen aus. Ich danke für gute Reisegesellschaft; ein Trinkgeld wird nicht angenommen. Auf dem Bahnsteig erscheint ein Unteroffizier und fragt, wer ich bin. Er bekommt meinen Ausweis zu sehen und bittet mich, im Zimmer des Stationsvorstehers zu warten, bis dieser kommt, es ist ja erst ½7 Uhr. Drinnen prasselt ein freundlicher Ofen, vor dem ich mich in einen Lehnstuhl niederlasse und sofort einschlafe.
Nach einer Weile kommt Hauptmann Haaf, der Stationsvorsteher, und weckt mich, sehr erstaunt darüber, einen wildfremden Menschen im Besitz seiner Amtsstube zu finden! Aber die Bekanntschaft ist bald gemacht.
»Wann geht ein Zug nach Namur?« frage ich.
»½12 geht ein kleiner Zug Proviantwagen; wenn Sie den benutzen wollen, lasse ich gern einen Personenwagen anhängen.«