Auch diesmal besichtigte ich ein Schloß am Wege. Nie werde ich die Eindrücke vergessen, die auf mich eindrangen, als ich durch die leeren, dämmerigen Zimmer wanderte. Im Schlaf- und Gastzimmer im ersten Stock standen die Betten unverändert, wie sie von den Besitzern und Gästen des Hauses verlassen worden. Decken und Laken waren beiseite geworfen, über die Stuhllehnen hingen nachlässig die Handtücher, die Waschschüsseln standen halbvoll von benutztem Wasser, und die Seifestücke lagen in ihren Schalen festgetrocknet. In dem großen prächtigen Speisesaal im Erdgeschoß war der Tisch noch gedeckt, auf einer Schüssel lag etwa die Hälfte des zuletzt servierten Gerichts, einer Eierspeise. Etwa zehn Personen hatten an dem Essen teilgenommen. Einige Teller waren leer, andere noch bedeckt mit Resten der Mahlzeit. Messer und Gabeln — Brotstücke — Gedecke — ein paar Champagnerflaschen waren geleert, eine dritte enthielt noch einen Rest des Weins, der nun seine schäumende Frische verloren hatte. Servietten auf dem Tisch — auf den Stuhllehnen — auf dem Boden — schnell und überstürzt waren die Gäste aufgebrochen, als der Kanonendonner näher kam oder vielleicht eine Granate in der Nachbarschaft einschlug. Vielleicht hatte auch ein Bote gemeldet, die äußeren Forts seien gefallen und die Deutschen marschierten geradeswegs auf Antwerpen los. Und wer waren die Gäste, die hier am Tisch gestört wurden? Die Familie des Hauses, oder Offiziere, die auf ihrem Rückzug eine Nacht in dem verlassenen Haus zugebracht hatten?
Auf dem Heimweg konnten wir nicht so schnell dahinrasen wie am Morgen. Die Straße wimmelte von Kolonnen und Lanzenreitern, sie sollten nach Antwerpen und von dort nach Gent. Fern aus dem Westen ertönte Kanonendonner. Die Deutschen ließen sich keine Ruhe. Das uneinnehmbare Antwerpen war im Lauf weniger Tage gefallen, und sofort zogen die Eroberer weiter nach Westen. Thalatta, Thalatta! Ans Meer! England hatte den Krieg haben wollen — es sollte ihn mehr als je seit Wellingtons Tagen satt bekommen!
[36. Gäste des Generalgouverneurs.]
Abends um 9 waren etwa dreißig Offiziere beim Feldmarschall zur Tafel. Dort sah ich Prinz Waldemar von Preußen wieder und Hauptmann Dreger und machte die Bekanntschaft des Stabschefs Oberstleutnants Scheerenberg, sowie des Generaloberarztes Dr. Stecho, der Schwedisch sprach und viele Freunde in Schweden hatte. Dann war Bierabend in den oberen Gemächern, zu dem sich auch der Kriegsminister von Falkenhayn einfand. Der alte gesprächige von der Goltz berichtete mancherlei über Antwerpens Fall und seine Vorgeschichte, und war unerschöpflich in Anekdoten und Episoden aus den letzten Tagen.
An einem der nächsten Abende traf ich dort noch mehrere interessante Gäste. Eine hohe Erscheinung von königlich aufrechter Haltung, trat Großadmiral von Tirpitz ins Zimmer, der sich neben dem Kaiser das größte Verdienst um das Zustandekommen der deutschen Flotte erworben hat. Hohe Stirn, fröhliche, offene Augen, blonder Vollbart, sichere, männliche Haltung, ein echter Germane. Es war eine Erquickung, sich mit ihm zu unterhalten. Für solche Männer gibt es keine Unmöglichkeiten und nicht die Spur von Unruhe über den Ausgang des Kriegs.
Direktor K. F. von Siemens, der Chef von Siemens & Halske, ist auch ein ungewöhnlich kraftvoller Germanentypus und von einer Gemütsart, in der Humor und Ernst eine angenehme Mischung bilden. Die deutschen Verluste schätzte er auf 250000 Mann, der großen Mehrzahl nach Leichtverwundete, die bereits an die Front zurückgekehrt seien oder bald zurückkehren würden und vor den neuen Ankömmlingen das voraus hätten, schon im Feuer gewesen zu sein und ihre persönlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Es fand sich, daß wir einen gemeinsamen Freund besaßen, den liebenswürdigen Sir Walter Lawrence, seinerzeit Privatsekretär Lord Curzons, als dieser Vizekönig in Indien war. Vermutlich hatten wir ihn nun beide verloren, da dieser Krieg es fertig gebracht hat, auch die festesten Freundschaftsbande zu zerreißen.
Am Tisch saß auch der fünfundsiebzig Jahre alte Geheimrat Kreidel, der Chef der Armeeintendantur. Er hatte in der letzten Zeit infolge von Überanstrengung einige Schwindelanfälle gehabt und sollte nun zur Erholung nach Deutschland zurückkehren. Dann war auch der neue Gouverneur von Antwerpen da, General der Infanterie Freiherr von Hoyningen genannt Huene, den ich schon von Karlsruhe her kannte. Der Befestigungsgeneral Bailer, sanft und liebenswürdig wie ein Dozent der Ästhetik, gehörte zu meinen besonderen Freunden. Er war so glücklich, im Lauf des Tags seinen Sohn gesehen zu haben, der als Leutnant an der Westfront stand und von dem er lange nichts gehört hatte; Leutnant Bailer hatte die lange Reise hierhin auf dem Luftwege zurückgelegt und sollte nun wieder in seinem Aeroplan zurückkehren. Im übrigen sprachen wir von Gent, das gerade nach ziemlich heftigen Kämpfen in offener Feldschlacht gefallen war. Der General wollte dort die belgischen Feldbefestigungen studieren; die Stadt selbst ist unbefestigt. Von Gent sollte das deutsche Heer nun weiter nach Brügge und Ostende. Und schließlich sprachen wir von den 300000 Freiwilligen, die eben an die Front gekommen waren, wo die jungen Studenten mit ihren munteren Scherzen die älteren Landsturmleute erfreuten, die ihnen dafür mit ihren Erfahrungen an die Hand gingen.