Über den Häusern an der Westseite der Place de Meir wirbeln braunschwarze Rauchwolken zum Himmel empor, und wir gelangen zum Marché aux Souliers, wo ein ganzes Viertel in Flammen steht. Aber das Feuer verbreitet keinen unheimlichen Schein in dieser im Sonnenlicht gebadeten Stadt. Die Flammen schlagen nur wie gelbe, flatternde Flaggen aus den Fenstern, und von der Straße her sieht man, wie es im Innern glüht. Mehrere Häuser sind bis auf den Grund zusammengeschossen, und aus Balken und Gerümpel steigt der Rauch in dichten, schwarzen Wolken auf. Keine neugierig gaffende Menschenmenge betrachtet dies unheimliche Schauspiel. Eine Feuersbrunst mehr oder weniger ist nichts Merkwürdiges in dieser Zeit, die so reich an aufregenden Ereignissen ist. Deutsche Soldaten halten auch an den Eingängen der Straßen Wacht, an der Place Verte und Place de Meir. Und es kann ja auch nicht viel Schaulustige in einer Stadt geben, die zum größten Teil verlassen ist. »Weshalb tut man nichts, um das Feuer zu löschen?« frage ich. — »Die Wasserleitung in Waelhem ist zusammengeschossen, und das einzige, was getan werden kann, ist, zu sorgen, daß das Feuer sich nicht ausbreitet. Im Notfall müssen die benachbarten Häuser niedergerissen werden, aber es sieht so aus, als wolle das Feuer von selber verlöschen.«

Keinem Teil der inneren Stadt Antwerpen ist so übel mitgespielt worden wie dem Marché aux Souliers, doch nur den Häusern an der Nordseite der Straße. Ohne Zweifel haben nur ein paar Schüsse in diese Häuser eingeschlagen. Die Granaten zünden gewöhnlich beim Krepieren, und dann hat sich das Feuer auf die Nachbarhäuser ausgedehnt. Aber das Viertel ist von offenen Plätzen und Straßen umgeben, und so blieb das Feuer begrenzt. Freilich sind diese Straßen sehr eng. Über Marché aux Souliers wurde vordem ein langwieriger Rechtsstreit geführt zwischen den Hausbesitzern, der Kommune, die über die Fußsteige verfügt, und dem Staat, dem Eigentümer der Straße. Der Streit ging um die Erweiterung der Straße; sie war zu eng für den gerade hier sehr lebhaften Verkehr. Aber niemand wollte nachgeben. Da kam die deutsche Artillerie und machte dem Streit mit einem Schlag ein Ende. Nun ist die Straße breiter als zuvor!

Wir fahren durch die Avenue Sud, die gelb ist vom herabgefallenen Laub, aber hier sieht man kaum eine Spur des Bombardements, höchstens die Wirkung einer vereinzelten Granate. Am Südhafen fahren wir an den langen Reihen Pavillons vorüber, den Lagerhäusern und Kontoren, welche nach der Straße zu wohlbekannte Firmenschilder tragen: Hamburg-Amerika-Linie, Norddeutscher Lloyd, Compagnie Maritime Belge du Congo, Nippon Yusen Kaisha, Red Star Line, Peninsular & Oriental usw. Gewaltige Wagenparks stehen mit oder ohne Ladung auf Schienen, ein ganzer Zug ist mit Benzin belastet, ein Fund, der die deutschen Offiziere hoch erfreute. Ein anderer hat kolossale Heuhaufen hergebracht, die unter Planen aufgestapelt sind. In den Hallen fand man bedeutende Vorräte von Kolonialwaren, Hafer, Mehl, Kaffee und andern Vorräten, die requiriert und verbraucht werden sollten. In einigen Hallen standen etwa tausend Automobile aller Art, meist Last- und Droschkenautomobile; sie waren samt und sonders mit Äxten, Spießen und Hämmern zerschlagen und unbrauchbar gemacht. Sie repräsentierten einen Wert von etwa neun Millionen Mark!

Wachtposten waren noch nicht aufgestellt, der ganze Hafen lag offen da, es war fast unheimlich öde und still in den Hallen. Ein paar Dampfschiffbureaus und das des Südbahnhofs waren in bester Verfassung zurückgelassen worden. Alles Wertvolle war fort, nur Quittungen und Rechnungen lagen da, und die Röcke der Beamten hingen noch an ihren Haken, als ob ihre Besitzer an einem der nächsten Tage hätten zurückkehren wollen.

Was mehr als alles andere die Aufmerksamkeit im Hafen auf sich lenkte, waren die kolossalen Petroleumtanks, die nun ein einziges Feuer- und Rauchmeer bildeten. Das belgisch-englische Heer hatte bei seinem Aufbruch nicht versäumt, diese Vorräte anzuzünden. Kann man den Feind nicht hindern, einzudringen, so kann man ihm wenigstens den Vorteil allzu großen Gewinnes rauben. Deshalb waren die Automobile zerstört und die Petroleumvorräte in Brand gesetzt worden. Höchst eigentümlich sah es aus, wie sich die schwarzen Wolken mit ihren grauen und bräunlichen Rändern zum Himmel emporwälzten und -wirbelten. Man hörte es drinnen zischen und fauchen, und zuweilen drangen rote Flammen durch den Rauch. Ab und zu erschollen dumpfe Explosionen, und es war nicht ratsam, nahe heranzugehen. An einigen Stellen wehte noch, vom Rauch umwirbelt, die amerikanische Flagge. Nur herrenlose Kühe und Hunde streiften in dieser Gegend herum.

Gerade gegenüber dem Fort de la Tête de Flandre brannten auf dem Fluß ein paar große Leichter; sie waren offenbar verankert und hatten als Pontons für eine provisorische Brücke gedient, die das Heer der Verbündeten benutzte, als es über die Schelde zurückging und seinen Rückzug bis Gent fortsetzte. Gewisse Verteidigungsanstalten im Hafen auf dem Weg zu dieser Brücke bewiesen, daß das belgisch-englische Heer die Absicht gehabt hatte, bis aufs äußerste zu kämpfen. An einigen Stellen waren zum Beispiel unter den Hallen Barrikaden aus dicken Eisenplatten errichtet, und an einer von ihnen standen drei geschützte Kanonen, die den offneren Teil des Hafens bestrichen. Hier und da waren Stacheldrahtnetze gespannt und allem Anschein nach so eingerichtet, daß sie mit Elektrizität geladen werden konnten. Aber zum Gebrauch dieser Verteidigungsvorrichtungen war es nicht gekommen.

Auf einer Rundfahrt durch die Stadt kamen wir auch in die Rue Carel Ooms. Dort stand hinter einem eisernen Gitter eine größere Villa, in deren Park eine alte vornehme Dame, auf zwei jüngere Frauen gestützt, spazieren ging. Sonst war niemand von den reichen Bürgern der Stadt zu sehen. Ich trat ein und grüßte, und die Dame berichtete mit schlichter Würde, sie hätte es nicht über sich gebracht, Antwerpen in der Zeit seiner harten Heimsuchung zu verlassen, und bei ihren siebzig Jahren auch nicht gewagt, sich den Gefahren einer Reise auszusetzen. In ihren Park hatten fünf Granaten eingeschlagen, ihr Haus aber unbeschädigt gelassen. Doch hatte sie, wie man wohl begreifen kann, in Todesangst geschwebt. Nun ging sie zum erstenmal aus und schöpfte nach der qualvollen Stimmung der letzten Tage frische Luft. Unglücklicher waren ihre nächsten Nachbarn, denn von ihrem Haus standen nur noch die nackten Mauern. Sie selbst waren fortgereist, doch schienen ihre Diener dageblieben zu sein, denn man wollte aus der Richtung, wo die Granaten einschlugen, Hilferufe gehört haben. Schließlich erfuhr ich, die Dame sei die Witwe des berühmten belgischen Historienmalers Carel Ooms; sie bewohnte die Villa seit dem 1900 erfolgten Tod ihres Mannes, dem zu Ehren die Straße benannt worden war.

Nach einem einfachen Frühstück unternahmen wir schließlich eine Tour nach der Nordseite des Hafens und besichtigten flüchtig die Dampfer in den Hafenbassins und Docks. Ich ging an Bord eines deutschen Dampfers, »Celadon«, der auf dem Vorderdeck Spuren eines Sprengschusses zeigte. Wie ich später hörte, waren in allen diesen Fahrzeugen die Dampfkessel zerstört, damit sie nicht von den Deutschen benutzt werden konnten.

»Comte de Smet de Naeyer« war der Name eines schönen belgischen Schulschiffes mit graublauem Rumpf, weißen Masten und feinem Takelwerk. Aber an Bord war nichts von Interesse. Ich stattete auch dem großen Australiendampfer »Tasmania« einen kurzen Besuch ab. In den Offizierskajüten waren alle Schubfächer ausgezogen und alle Wertsachen fortgenommen, nur Bücher, Papiere, Rechnungen und andere wertlose Dinge fanden sich noch vor. Aber auf einem Schreibtisch in der Kajüte des Kapitäns stand das Porträt einer Frau und die Photographie einer Gruppe blühender Kinder. Im Speisesaal stand ein gedeckter Tisch mit noch nicht geleerter silberner Kaffeekanne und Tassen, sowie einer fast leeren Zigarrenkiste. Alle Passagierkajüten waren leer und verlassen. Wir wanderten durch die langen Korridore, wo unsere Schritte hohl und laut widerhallten, und blieben zuweilen stehen, um zu lauschen, ob es unsere eigenen Schritte waren, die wir hörten, oder ob uns jemand nachging. Man konnte ja in diesen Zeiten alles mögliche annehmen. Vielleicht hielten sich Flüchtlinge an Bord verborgen. Wir riefen, aber unsere Stimmen verhallten in dem leeren Schiffsrumpf, und niemand antwortete. Wir sahen in die Mannschaftskajüten hinein, aber niemand schlief mehr in diesen Kojen, die sich so oft auf den Wogen des Ozeans geschaukelt hatten. Alles gleich still, gleich stumm und verlassen. Es konnte einem an Bord dieses Gespensterschiffs, dieses fliegenden Holländers mit einer Besatzung von unsichtbaren Geistern, die uns aus allen Winkeln und Ecken anstarrten, unheimlich zumute werden. —

Die Zeit zum Aufbruch nahte heran, und wir kehrten wieder nach Brüssel zurück. Weit waren wir nicht gekommen, als wir drei Reservebataillonen begegneten. An der Spitze marschierte ein Musikkorps, und jedem Bataillon wurde eine Fahne vorangetragen. Die Soldaten hatten ihre Gewehre mit Blumensträußchen geschmückt, und ihre Gesichter strahlten wie gewöhnlich von guter Laune.