Redoute von Antwerpen.

Wir lassen rechts die Grand' Place mit dem Rathaus und andern altertümlichen Gebäuden und der schönen Bildsäule der Margarethe von Österreich liegen, kreuzen wieder einen Kanal und gelangen auf die Antwerpener Chaussee. Hier fahren wir zwischen den bedeutenden Forts Waelhem und Ste. Cathérine, die von häßlichen Stacheldrahtnetzgürteln und Wolfsgruben umgeben sind, und vorsichtig zwischen den tiefen Löchern, die krepierende Granaten mitten in die Landstraße gerissen haben.

Zu beiden Seiten der Straße sehen wir vortreffliche Schützengräben, die die Belgier auf ihrem Rückzug nach Norden gebaut haben; in den Landstraßengräben sind schalenförmige Nischen ausgehöhlt, um gegen den Hagel des Schrapnellfeuers Schutz zu bieten. Links stehen noch weite Strecken des Landes unter Wasser, und neben der Straße liegen noch provisorische Pontons, hergestellt aus einem Gitterwerk von Balken, die auf zylinderförmigen Petroleumfässern ruhen; die Deutschen brauchten sie beim Übergang über die Wasserläufe.

Die Bewohner des Landes sind wie weggeblasen. Nur ganz selten zeigt sich noch ein verirrter Bauer oder ein Wächter, der zurückgeblieben ist, während der Sturm über das Land raste. Aber das Leben auf der großen Landstraße spottet doch jeder Beschreibung, und der Verkehr nimmt zu, je weiter wir nach Norden kommen. Es sind die alten, wohlbekannten Kolonnen, in denselben endlosen Zügen, von gleichem Aussehen und in der gleichen mustergültigen Ordnung, die wir von den südlicheren Heerstraßen her kennen. Landwehrtruppen rasten neben den Wegen und Straßen; sie haben die Gewehre zusammengestellt, an deren Bajonetten die Mützen, Leibriemen und Patronentaschen hängen. Und dort biegen mehr als vierzigjährige Landsturmleute in ganzen Regimentern nach Gent ab. Ihnen fehlt es nicht an gutem Humor und Courage, sie marschieren wie Jünglinge und singen, als ginge es zum Erntefest! An den Gewehrmündungen tragen sie Blumen, Kränze um den Hals. Nach fünftägiger ununterbrochener Eisenbahnfahrt marschieren sie nun fünfundvierzig Kilometer bis zu den Gefechtsstellungen, vielleicht um fürs Vaterland zu fallen. Deshalb singen sie. Und doch haben sie Frau und Kinder daheim gelassen. Für Freiheit und Glück kämpfen und fallen sie. Sie wissen, was es gilt. Je mehr Kinder sie dem Vaterland geschenkt haben, desto mehr haben sie zu verteidigen, und desto wichtiger ist es für sie, daß Deutschlands Freiheit und zukünftige Größe gesichert wird.

Einigen der vornehmen Villen und Schlösser an der Straße statten wir unsern Besuch ab. Teils werden sie von einem zurückgebliebenen alten Diener oder einer Dienerin bewacht, teils sind sie leer und verlassen. Nirgends ist der Besitzer selbst zurückgeblieben, worüber man sich ja auch nicht wundern kann. Die Häuser, die wir besuchten, waren völlig unberührt und zeigten keine Spur von Plünderung oder Verwüstung. Wir waren auch unter den allerersten, die nach der Eroberung die Straße daherkamen. Soldaten werden für Diebstahl oder boshafte Zerstörung streng bestraft. Solche Fälle gehören auch zu den Seltenheiten. Und wie sollten sich Ausnahmen in einer Millionenarmee vermeiden lassen! In einer Kolonne, die vielleicht aus hundert oder hundertundfünfzig Wagen und vierhundert Pferden besteht, und wo siebzig oder achtzig Mann Karabiner tragen und die Eskorte im übrigen sehr klein ist — wie soll in einer solchen Kolonne der verantwortliche Führer alles, was geschieht, kontrollieren können! Man muß auch bedenken, daß eine Hafenstadt wie Antwerpen, einer der Hauptpunkte des Welthandels, eine Masse internationales Gesindel beherbergt, das gerade in unruhigen Zeiten losgelassen wird und auf Raub ausgeht. Es wäre daher nicht zu verwundern, wenn sich nach Beendigung des Krieges Privateigentum verwüstet fände. Aber so etwas war bei meinem Besuch noch nicht geschehen, soweit ich beobachten konnte. Die Schlösser, die wir besuchten, befanden sich in dem Zustand, in dem ihre Besitzer sie verlassen hatten.

Es geht an Ruinen und nackten, beschädigten Mauern vorüber und auf einer hölzernen Pionierbrücke mit der gewöhnlichen Landsturmwache fahren wir über die Nethe, wo die alte Brücke während des Rückzugs gesprengt wurde.

Die Schützengräben liegen immer dichter nebeneinander und sind mit bewundernswerter Sorgfalt angelegt. Die unterirdischen Gänge sind oft zu kleinen Zimmern ausgebaut, mit Holz- und Erddächern versehen, die Wände mit Brettern belegt. An einer Stelle ganz nahe der Stadt sieht man quer über die Straße Spuren von Barrikaden. Sie sind wie Steinmauern aufgeführt, aber leicht zu umgehen, da Lücken in sie geschlagen sind. Oft liegen auf und neben der Straße tote Pferde. In der Nähe des innern Fortgürtels mit den Stacheldrahtnetzen begegnen wir ein paar Batterien schwerer Mörser, die in dieser Gegend nicht mehr gebraucht werden und nun wohl auf dem Weg nach dem westlichen Flandern sind. In derselben Richtung wie wir fährt eine Kolonne, die auf langen, schmalen Wagen Pontons befördert; sie sollen bald an der Schelde in Anwendung kommen.

Die Stadt selbst umgibt ein grasbewachsener Wall, den viele Tore durchbrechen, und vor dem Wall zieht sich ein fortlaufender Graben, über den Brücken führen. Von den Toren wehen die deutschen Fahnen herab. Durch das Mechelner Tor gelangen wir in den Stadtteil Berchem und fahren dann die Mechelner Chaussee nach Nordwesten. Die ganze Straße ist voll von rastenden Kolonnen und Truppen. Sie stehen offenbar bereit zu neuen Taten. Hier und da sind Häuser von Granaten getroffen und an einigen Stellen ist das Straßenpflaster von Granaten aufgerissen. In der breiten, vornehmen Avenue des Arts sind einige Bäume von Bomben zersplittert. Place de Meir, eine große, schöne Straße im Zentrum der Stadt, ist überfüllt von rastenden Munitionskolonnen und Truppen. Sie stehen froh im Sonnenschein und zeigen eine Haltung und Miene, als wäre Antwerpens Eroberung die leichteste Sache von der Welt.

Frauen und Kinder sind nicht zu sehen, und der Männer, die die Truppen betrachten, wenige. Die ganze Bevölkerung ist nach Holland geflohen, die Reichen nach England oder an die Riviera. Alle Läden sind geschlossen. An den Banken halten deutsche Soldaten Wacht. Aber die durch Waffenmacht unterdrückte Stadt ist doch wie zu einem Siegesfest geschmückt! Ganz Antwerpen flaggt mit — belgischen Fahnen! Wie ist es möglich, daß sie aushängen dürfen? Nun, die Stadt ist ja erst gestern gefallen — da flaggte man noch für die belgische Armee und die englischen Hilfstruppen! An den folgenden Tagen verschwanden nach und nach die schwarz-gelb-roten Flaggen.