Der Generalgouverneur von Belgien, Feldmarschall Freiherr von der Goltz, seinerzeit Pascha in türkischen Diensten, steht im zweiundsiebzigsten Lebensjahr, hat aber noch Tatkraft und Energie wie ein junger Mann und fühlt sich im Felde so recht in seinem Element. Kräftig gebaut und stämmig, ist er klein von Gestalt, hat freundliche und lustig blinzelnde Augen hinter einer Brille und erinnert mehr an einen Professor als an einen General. Tatsächlich ist er auch ein sehr gelehrter Mann, der viele kriegsgeschichtliche Arbeiten von großem Wert herausgegeben hat, nicht zum wenigsten über den Deutsch-Französischen Krieg, an dem er teilnahm.
Als wir allein waren, berichtete er mir die große Neuigkeit, daß Antwerpen am selben Tag gefallen und die deutschen Truppen nachmittag 3 Uhr eingezogen seien! Kein Wunder also, daß wir bei Waterloo nichts von einer Kanonade gehört hatten. Ich nahm mir sofort die Freiheit, zu fragen, ob es erlaubt sei, Antwerpen möglichst bald zu besuchen, da es interessant und lehrreich sein könne, zu sehen, wie sich eine neu eroberte Großstadt ausnimmt. Ja, natürlich! Ich könnte alles sehen, was ich wünschte; ich möge nur am folgenden Morgen gleich nach 7 Uhr wiederkommen, dann würde ich erfahren, ob ich schon ohne allzu große Gefahr nach Antwerpen fahren könnte.
[35. Antwerpen einen Tag nach seinem Fall.]
7 Uhr morgens am 10. Oktober befand ich mich auf dem Weg zum Palast des Generalgouvernements an der Rue de la Loi. Am Eingang kamen drei junge Offiziere auf mich zu, fröhlich und guter Dinge, und begrüßten mich, als wären wir Jugendfreunde. Sie hätten, sagten sie, vom Feldmarschall den Auftrag bekommen, mich nach Antwerpen zu begleiten. »Wenn es Ihnen recht ist, fahren wir sofort, das Auto steht bereit.« Natürlich! Der Chauffeur setzte den Motor in Gang und nahm seinen Platz am Steuer ein. Neben ihm saß ein Soldat und im offenen Automobil die drei Deutschen und ich. Alle Deutschen trugen Revolver; außerdem hatten wir drei Karabiner zur Hand. Offenbar hielt man die Straße noch für unsicher und den Besuch in der eben eingenommenen Stadt mit Gefahren verbunden. Man hatte noch keine genaueren Nachrichten über die Stimmung Antwerpens während der Nacht und am frühen Morgen. »Mir ist es komplett egal, ob ich jetzt oder ein anderes Mal erschossen werde, sterben muß man ja auf alle Fälle«, sagte Leutnant Classen, der ein großer Spaßvogel und voll lustiger Einfälle und Geschichten war. Die übrigen zwei Reisekameraden waren Leutnant Dr. Hütten aus Stettin und Leutnant Dr. Walter Kes aus Steglitz. Dr. Kes war auch in Friedenszeiten aktiv und dabei Doktor der Philosophie, was sehr ungewöhnlich ist.
Sobald alles in Ordnung war, erscholl der Ruf: Los! Und vom ersten Augenblick an fuhr das Automobil mit wahnsinniger Geschwindigkeit. Ehe man noch recht wußte wie, lag die große Stadt Brüssel mit ihren in dieser frühen Morgenstunde stillen und leeren Straßen hinter uns, und wir waren draußen auf dem ebenen Lande, wo vereinzelte Häuser und Dörfer, Wäldchen und Heufeime aus dem Nebel auftauchen, der noch mit dem Morgen kämpft, aber bald von der Sonne zerstreut sein wird. Durch ein herrliches, altes Tor zwischen zwei runden Türmen sausen wir in unvorsichtig rascher Fahrt nach Mecheln hinein.
Volltreffer im Fort Koningshoyckt, Antwerpen.
Gesprengter Turm der Redoute Chemin de fer, Antwerpen.