[34. Generalgouverneur Exzellenz von der Goltz.]

Am Nachmittag des 9. Oktober fuhr ich mit einem Militärauto nach Brüssel, in der Absicht, vor dem Einbruch der Dunkelheit wieder in Namur zu sein. Der Weg führte mich über das Schlachtfeld von Waterloo. Ich besuchte das dortige Schlachtenpanorama und den kolossalen Löwen, den die niederländische Regierung aus eroberten französischen Kanonen hat gießen und dort auf einem Hügel hat aufstellen lassen.

Dämmerung senkt sich auf diese blutgetränkte grüne Erde herab, der Wind weht über die Felder und Hügel, wo das Echo der alten Kanonen und das Gerassel der Harnische und Steigbügel, gekreuzter Lanzen und harter Säbelhiebe vor fast hundert Jahren verklang. Eine feierliche Stimmung ergreift den Beschauer dieses Schlachtfeldes, auf dem mehrere Völker ihren Toten Denkmäler errichtet haben. Nun halten deutsche Soldaten bei Waterloo und seinen Denkmälern Wacht. Still! Hört man nicht den Kanonendonner vor Antwerpen? Wir lauschen; nein, alles ist still. Meine Chauffeure, die mit oben bei dem armen gefangenen Löwen stehen, können nicht begreifen, was vorgefallen ist. Seit ein paar Wochen konnte man täglich die Kanonade hören, versichern sie, und nun ist es plötzlich still! Man sieht nicht einmal im Norden den Feuerschein brennender Häuser. Sind Wind und Nebel daran schuld? Meine Begleiter glauben gehört zu haben, in der vorigen Nacht seien fünfzehnhundert Schüsse auf die unglückliche Stadt abgefeuert worden; die Verwüstung dort müsse schrecklich sein. Nun ja, denke ich, auch eine Artillerie wie die deutsche wird Zeit brauchen, um einen Platz wie Antwerpen einzunehmen, der nach englischen und französischen Angaben die stärkste Festung der Welt und absolut uneinnehmbar ist.

Die Nacht war hereingebrochen, als wir Brüssel erreichten, aber die Straßen waren erleuchtet, und die Fenster der Geschäfte und Restaurants strahlten in hellem Glanz. Viele Spaziergänger waren unterwegs, aber fahren sah man nur deutsche Offiziere und Soldaten.

An der Ecke der Rue de la Loi wurden wir von zwei Wachtposten angehalten. Ich zeigte meinen Ausweis, sie gaben den Weg frei, und wir fuhren weiter bis zum Palast der Ministerien. »Wo wohnt der Gouverneur?« fragte ich meinen Chauffeur. »Wir sind sofort da«, war die Antwort. Er hielt vor dem Ministère des Sciences et des Arts. Am Torweg standen starke Wachtposten. Man führte mich über einen Hof und in einen langen Korridor mit deutschen Türschildern. Auf einem stand der Name des Leutnants Massebus; gerade den suchte ich, denn er war einer der Adjutanten. Er teilte mir mit, der Generalgouverneur sei den ganzen Tag vor Antwerpen gewesen, werde aber sicher gegen 9 Uhr zurückkommen; ich möchte dann meinen Besuch erneuern.

Ich fuhr daher nach dem Palast-Hotel, dessen vierhundert Zimmer zum größten Teil von deutschen Offizieren bewohnt wurden. Zur festgesetzten Zeit befand ich mich wieder im Empfangsraum des Generalgouverneurs. Dort warteten mehrere Offiziere. Unter ihnen machte ich die Bekanntschaft eines Mannes, dessen Namen ich schon hatte nennen hören, des Hauptmanns Dreger, der Ingenieur bei Krupp ist und einer von denen, die die 42-cm-Mörser konstruiert haben. Dies war nun ein Thema, über das man nicht sprechen durfte, dafür erzählte aber Hauptmann Dreger, daß er im Oktober 1908 eine Woche nach mir nach Bombay gekommen sei, und daß er mich dann buchstäblich über Colombo, Penang, Singapore, Hongkong und Schanghai verfolgt habe, immer in einem Abstand von kaum einer Woche.

»Wer ist jetzt drin?« fragte ich.

»Frau Martha Koch aus Aleppo«, antwortete ein Adjutant. »Sie hat mit Mann und Kindern dreißig Jahre in Aleppo gewohnt, und der Generalgouverneur gehört seit der Zeit seines türkischen Aufenthalts zu den alten Freunden der Familie. Nun ist sie hierher gekommen, um dem Roten Kreuz ihre Dienste anzubieten.«

Ein Offizier, der mit dem Generalgouverneur unterwegs gewesen war, schüttelte den Kopf und sagte: »Wir wundern uns jeden Tag, daß er noch lebt, er setzt sich den schlimmsten Gefahren aus. Neulich flog eine Granate einige Meter über seinen Kopf weg, und er lächelte nur.« Ein anderer Offizier warf ein: »Ja, er scheint an der Gefahr sein Vergnügen zu haben, gefährdete Plätze ziehen ihn besonders an, man möchte fast glauben, daß er den Tod sucht. Das wäre ein schöner Abschluß eines glänzenden Lebenslaufs. Aber die Kugeln weichen ihm aus, während sie die, die in seiner Nähe sind, nicht schonen. Ja, er geht so weit, daß er sich bis an die Schützengräben heranschleicht, sich dort niederlegt und mit den Soldaten scherzt. Natürlich wirkt seine Gegenwart auf sie im höchsten Grad anfeuernd. Eines Tags ging er in Begleitung eines Soldaten bis an einen feindlichen Schützengraben heran, der freilich lange still gelegen hatte, von dem man aber doch nicht wissen konnte, ob er Besatzung enthielt oder nicht. Glücklicherweise war er leer. Als Exzellenz zurückkehrte, machten wir ihm Vorwürfe wegen seiner Unvorsichtigkeit. »Aber es war ja niemand drin«, antwortete er ganz ruhig. — »Aber es hätten sich doch Schützen versteckt halten können.« — »Freilich; dann wäre ich wahrscheinlich nicht hingegangen.«

Wie wir gerade von Exzellenz von der Goltz sprachen, trat er selbst aus seinem Zimmer heraus und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich kannte ihn von der Berliner Deutsch-Asiatischen Gesellschaft her, wo ich unter seinem Vorsitz über meine letzte Reise gesprochen hatte. Er empfing mich auch wie einen alten Bekannten.