Welche Wirkung diese schwere Artillerie auf die Besatzung der beschossenen Forts ausübt, kann man aus der Tatsache ermessen, daß in einem Fort siebzig Prozent der Verteidiger fielen und dreißig Prozent schwer verwundet wurden. Unter den Verwundeten war in einem solchen Falle der tapfere General Leman, der in der Gefangenschaft seinen Degen wieder erhielt. In einem andern Fort fand man vierzig unverwundete, aber tote Soldaten. Sie waren offenbar durch die Gase der Geschosse getötet oder im Betonstaub erstickt, der aufs unheimlichste aufwirbelt und überall eindringt. Der Luftdruck hatte auch viele gegen die Kasemattenwände geschleudert; sie wurden mit zerschmetterter Hirnschale aufgefunden.

Eine der Lehren, die man aus dem jetzigen Kriege ziehen zu können meint, ist die, daß auch die modernsten Festungen mit den vorzüglichsten Panzertürmen gegenüber einer Artillerie vom Kaliber der großen deutschen Mörser ohnmächtig sind. Gerade der Umstand, daß die Geschosse erst explodieren, wenn sie in die Kasematte eingedrungen sind, bewirkt, daß die Zerstörung aller Beschreibung spottet. Die Geschosse wirken erst von oben nach unten durch das Einschlagen selber, und dann von unten nach oben durch die Explosion. Die 42-cm-Mörser werden in ihre Stellungen auf Eisenbahnschienen befördert, die jedesmal besonders gelegt werden.


[33. »Vandalismus.«]

Vom Fort Nr. I fuhren wir in die Stadt zurück, deren schönste Partien am Zusammenfluß der Sambre und Maas gelegen sind. Südlich von der Sambre windet sich eine unendlich malerische Straße zur Zitadelle hinauf. Von dem prächtigen Grand Hotel Namur-Citadelle, das auf der Höhe thronte, ist nur noch das Skelett von eisernen Balken und Ziegelmauern vorhanden. Der Hotelwirt war ein Deutscher, und die Belgier hatten ihn im Verdacht, daß er beim Anmarsch der Deutschen seinen Landsleuten Lichtsignale gäbe. Deshalb steckten sie das Gebäude in Brand. Aber die Aussicht ist noch vorhanden, und sie ist großartig, besonders auf das Maastal mit seinen zahllosen Villen und Schlössern, in denen reiche Belgier wohnen oder wohl besser gewohnt haben; denn die meisten sind infolge der deutschen Okkupation weggezogen.

Die Stadt Namur selbst wurde von den Verheerungen des Kriegs nur wenig betroffen. Das Rathaus ist eine Ruine, ebenso mehrere Häuser in der Nachbarschaft; im ganzen sind aber nur etwa zwanzig Häuser zusammengeschossen. Man hat die Deutschen wegen der Zerstörung menschlicher Wohnungen, Kirchen, öffentlicher Gebäude und Gegenstände von kunsthistorischem Wert getadelt. Solche Verluste sind ja an und für sich beklagenswert, aber weder der Angreifer noch der Verteidiger nehmen die geringste Rücksicht darauf, wenn es zu siegen oder zu sterben gilt! Hegt der anrückende Feind, der eine Stadt erobern will, den Verdacht, daß der Kirchturm der Stadt als Beobachtungsposten benutzt wird, so schießt er den Kirchturm zusammen. Als die Belgier den Verdacht gefaßt hatten, daß von Schloß Marche-les-Dames der Herzogin von Arenberg bei Namur, berühmt wegen seiner kostbaren Kunstschätze, Signale gegeben würden, steckten sie es in Brand. Wenn es gilt, das Vorrücken eines Invasionsheeres aufzuhalten oder seine Verbindungslinien abzuschneiden, scheut der Verteidiger keine Opfer, wenn auch er selbst in erster Linie den materiellen Verlust erleidet. Unter den unzähligen Brücken, die die Belgier in ihrem eigenen Lande gesprengt haben, um den Deutschen den Weg zu verlegen, sind viele, die für die Deutschen nicht die geringste Bedeutung hatten. Hierdurch haben sich die Belgier selbst dreifach Schaden zugefügt: sie haben die Brücken verloren, sie haben die Aufräumungsarbeit zu leisten und, wenn der Krieg zu Ende ist, eine neue Brücke zu bauen — alles das wird durch eine einzige Bohrpatrone verursacht.

Wie oft schafft nicht ein Kriegsheer bei der Verteidigung des eigenen Landes mehr Verwüstung als das Invasionsheer! Das Sprengen von Brücken ist an und für sich ein Vandalismus, aber vollkommen berechtigt, wenn man dadurch strategische Vorteile gewinnen kann. Die Verwüstung, die die Deutschen bei ihrem Vordringen angerichtet haben, war teils unfreiwillig, teils durch die Haltung der Zivilbevölkerung erzwungen; aber niemals erfolgte sie aus Zerstörungswut und Vandalismus. Entgegengesetzte Behauptungen gehen darauf aus, in der Öffentlichkeit falsche Vorstellungen zu erwecken, und man kann sicher sein, daß feindliche Heere, wenn es ihnen gelänge, in Deutschland einzudringen, dieses Reich mindestens ebenso verwüsten würden, wie jetzt die Gegenden verwüstet sind, in denen deutsche Heere stehen.

In der ersten Zeit nach der Einnahme Namurs mußten nach Einbruch der Dunkelheit alle Fenster nach der Straße hinaus erleuchtet bleiben, während die Straßen selbst im Dunkel lagen. Wer auf der Straße ging, war daher nicht zu sehen; wer aber aus einem Fenster schoß, wäre sofort ertappt worden. Alle Haustüren mußten zunächst unverschlossen bleiben. Nach einiger Zeit wünschten aber die Einwohner aus Furcht vor den Soldaten ihre Haustüren schließen zu dürfen, und der Wunsch wurde bewilligt.

Bei meinem Besuch, also am 8. Oktober, machte Namur einen belebten Eindruck. Noch ½8 Uhr abends waren die meisten Geschäfte offen und auf den Straßen viel Verkehr. Sogar junge Damen, die anfangs nicht auszugehen gewagt hatten, zeigten sich wieder. Aber noch durfte niemand ohne besonderen Ausweis nach 9 Uhr abends außer dem Hause sein. Die vielen Uniformen, Militärautos und Transporte verwandelten Namur in eine deutsche Garnisonstadt. Aber Namur war auch noch etwas anderes; das bewiesen die weißen Fahnen an vielen Fenstern, namentlich in den Hauptstraßen; sie bedeuteten: wir, die wir in diesem Hause wohnen, finden uns in die neue Ordnung der Dinge. Wer durch Belgien reist, muß sein Herz verhärten, denn jeder Schritt erinnert daran, welches Unglück es sein muß, die Freiheit im eigenen Lande verloren zu haben. Und man denkt mit Schrecken daran, wie man selbst bei gleichem Unglück fühlen würde. Ein Strafgericht geht jetzt über Europa. Wehe den Völkern, die nicht beizeiten ihr Haus besorgt haben und sich auf Vereinbarungen und papierne Erklärungen verlassen; denn nur die Macht gibt den Ausschlag, und nur der Starke und Wachsame flößt Respekt ein nach allen Seiten!