Die kleine Stadt Ciney kann sich eines besonders prächtigen Stationsgebäudes rühmen, wo der Verkehr lebhafter ist als sonst. Zuweilen begegnen uns kolossale leere Züge. In den Güterwagen liegen Stroh und Bänke bunt durcheinander. Vielleicht haben sie Truppen nach Antwerpen befördert. Oft sieht man bei den Stationen und zwischen den solid gebauten Steinhäusern der Dörfer gemütliche, gutgepflegte Küchengärten. In einiger Entfernung von der Bahn erblicken wir schließlich das Fort Naninnes mit der deutschen Flagge, und dann fahren wir über die Maas auf einer neuen Brücke, von der man eine Aussicht auf die alte hat, die in den ersten Kriegstagen gesprengt wurde. Und damit sind wir in dem bezaubernden, schön gelegenen Städtchen Namur angelangt.
[32. Die 42-cm-Mörser vor Namur.]
Um die etwa nötigen Aufklärungen zu erhalten, wandte ich mich an einen Hauptmann, einen großen Herrn mit schneeweißem Haar und Bart. Es stellte sich heraus, das es kein Geringerer war als der Professor emeritus Dr. B. Lepsius, der trotz seines hohen Alters mit in den Krieg gezogen war, ein guter Freund des berühmten schwedischen Physikers Professor Svante Arrhenius; er hat während meines kurzen Aufenthalts in Namur wie ein Vater für mich gesorgt.
Nachdem meine Sachen in einem Hotel am Bahnhof untergebracht waren, machte ich einen Besuch beim Gouverneur, General von Hirschberg, der nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich eines der Forts besichtigte. Außer Professor Lepsius begleitete mich Major Friederich vom Generalstab.
Wir fuhren an die Nordfront und waren bald beim Fort Marchovelette angelangt, jetzt Fort Nr. I genannt. Die Deutschen haben alle die Stadt umgebenden Forts mit römischen Ziffern bezeichnet. Der erste Eindruck vom Fort Nr. I ist der, daß die Verwüstung geringer gewesen ist als bei dem Fort in Port Arthur, wo General Kondratenko fiel; denn dieses Fort glich, als ich es vor sechs Jahren besuchte, einem einzigen Schutthaufen. Betrachtet man aber Nr. I genauer, so erstaunt man über die unheimliche Wirkung der neuen deutschen schweren Artillerie. Das Fort hat die Form eines Dreiecks mit einer Spitze nach Nordosten. Sein Glacis ist mit Stacheldrahtnetzen bedeckt, die zwischen Eisenpfeilern von einem Meter Höhe ausgespannt sind. Das Netz ist dicht und sein Gürtel etwa dreißig oder vierzig Meter breit. Innerhalb dieses Gürtels ist der Graben, der nach außen von der Kontereskarpe, nach innen von der Eskarpe begrenzt wird. Noch einen Schritt weiter nach innen folgt ein Wall oder ein kleinerer Graben für Infanteriestellungen und zuletzt der Kern des Forts mit den Panzertürmen.
In einer Entfernung von zehn oder fünfzehn Metern vor dem Stacheldrahtnetz sah man das Loch, das ein 42-cm-Geschoß in den Erdboden gegraben hatte; es maß etwa dreißig Meter im Umkreis und war etwa acht Meter tief. An den fast senkrechten Betonwänden der Eskarpe und Kontereskarpe sah man die Spuren von gewöhnlichen Granaten, die strahlenförmig von der Explosionsstelle sich ausbreitende Löcher hinterlassen hatten. Hier lagen auch Splitter von Sprengbomben verschiedenen Kalibers. Ein Splitter eines 42-cm-Geschosses war so schwer, daß man ihn nur mit Aufgebot seiner ganzen Kraft bewegen konnte! Dafür wiegt aber auch ein solches Geschoß in ganzer Gestalt mehrere hundert Kilo! Ein kleiner Splitter, den ich mitnahm, zeigte, daß sich die Masse um ein Viertel ihrer ursprünglichen Dicke ausgedehnt hatte.
Alles, was diese Riesenmörser betrifft, wird geheim gehalten. So viel aber erfährt man doch, daß diese unerhört schweren Geschosse mehrere Kilometer hoch geschleudert werden und meilenweit vom Ausgangspunkt entfernt einschlagen! Man schießt sich mit den großen Mörsern sehr sorgfältig ein und muß doch darauf gefaßt sein, daß ein Schuß oder ein paar ihre Wirkung verfehlen. Man stellt aber den Schuß mit einer solchen Sicherheit ein, daß die Fehlerquelle nur gering ist. Bevor man die Schüsse abgibt, werden die genauesten Berechnungen und Beobachtungen angestellt. Während des Einschießens sind Beobachter in geeignet gelegenen Wäldchen vor der Front aufgestellt, die telephonisch mit der Bedienung verbunden sind und melden, in welchem Verhältnis zum Ziel der Aufschlag erfolgt. Wenn ein Ding von der Größe dieser Geschosse aus einer Höhe von einigen Kilometern herabkommt, kann ja kein von Menschenhänden errichteter Bau widerstehen!
Im Fort Nr. I konnte man auch die Wirkung der Geschosse sehen. Ein Schuß hatte den ringförmigen Panzer der Kuppel des größten Panzerturms getroffen, war durch diesen wohl einen halben Meter dicken Panzer hindurchgegangen wie durch Butter und hatte dann noch fünf Meter Beton durchschlagen. Durch einen sinnreichen Mechanismus ist das Geschoß so eingerichtet, daß es erst ein paar Sekunden nach dem Auftreffen explodiert. Es hat, wie die Deutschen sagen, einen Zünder mit Verzögerung. Daher ist seine Wirkung so furchtbar.
Kruppsche Ingenieure waren zurzeit damit beschäftigt, die Forts von Namur und Lüttich wieder instand zu setzen, und bedeutende Arbeitermassen hatten vollauf damit zu tun. Durch die Instandsetzung der eroberten Befestigungen verstärken die Deutschen ihre strategische Stellung und können große Truppenkontingente freimachen und in andere Gegenden schicken.