Es war 2 Uhr. Ich war niemals in Ostende gewesen und kannte keinen von den deutschen Offizieren. Aber ich hatte meine Papiere und mußte mich bei dem Kommandanten im Hotel Littoral an der Strandstraße melden.
Das graue, düstere Meer bot einen höchst eigentümlichen Anblick, wenn man die Augen nach Westen richtete. Der Regen hatte aufgehört, die Luft sich geklärt, aber der Himmel war noch wolkenbedeckt. Genau im Westen, neun oder zehn Kilometer entfernt, erkannte man scharf und deutlich die Umrisse von dreizehn englischen Kriegsschiffen; einige von ihnen waren Kreuzer, die übrigen große Torpedoboote älterer Jahrgänge. Sie beschossen die deutschen Stellungen an der belgischen Küste und wurden selber beschossen. In einemfort änderten sie ihren Platz, um der deutschen Treffsicherheit entgegenzuarbeiten, blieben aber doch in derselben Entfernung, und ihre schwarzen Rümpfe hoben sich imponierend von dem hellen Horizont ab. Aus ihren Schornsteinen stiegen schwarze Steinkohlenrauchsäulen schräg nach links mit dem Wind, so daß der Himmel wie gestreift aussah.
Ich besuchte den Kommandanten von Ostende, Kapitän zur See Tägert. Er wohnte im zweiten Stock des Hotels Littoral. Von seinem Balkon aus beobachteten wir wieder die englischen Schiffe. Er erzählte, er und seine Kameraden von der Marine seien am selben Tag, dem 21. Oktober, morgens nach Ostende gekommen. Sie hatten sich ins Hotel Majestic begeben, das für das beste in der Stadt galt. Der Hotelwirt erklärte aber, er habe kein Zimmer frei, eine Unwahrheit, denn die Saison war längst vorüber. Vielleicht gab der Name des Hotels die Erklärung dafür, daß keine Zimmer frei waren — für deutsche Offiziere. Anstatt sich ihres Rechtes zu bedienen, durch einen Machtspruch Zimmer zu verlangen, gingen die Deutschen ganz bescheiden ins Hotel Littoral, das ihnen bis unters Dach zur Verfügung gestellt wurde. Später zeigte sich, daß der Tausch für sie ein Glück wurde. Die Landoffiziere waren weniger nachgiebig gewesen und hatten sich ohne weiteres im Hotel Majestic eingerichtet, wo Küche und Bedienung bald in vollem Gange waren.
Kapitän zur See Tägert, ein vornehmer, gewissenhafter Mann, gab Befehl, mir das letzte freie Zimmer zur Verfügung zu stellen. Ich nahm es sofort in Besitz. Vom Korridor des zweiten Stocks kam man in die Zimmer, die nach dem Meere zu lagen, und deren Türen die Namen der Marineoffiziere trugen. Die Glastüren nach außen führten auf einen Balkon mit bequemen Korbstühlen; von dort hatte man freie Aussicht übers Meer, auf das englische Geschwader und seine kriegerischen Unternehmungen.
Von meinem herrlichen Aussichtspunkt aus genoß ich einen ungewöhnlich prachtvollen Sonnenuntergang. Im Westen glühte die Sonne in einem eigentümlich hellen Ton mit einem Stich ins Gelbe. Die Wolken in ihrer Nähe waren mit goldgelben Rändern geschmückt, und der Widerschein glänzte auf dem Meere. Im übrigen war der ganze Himmel mit Wolken bedeckt, und ab und zu ging obendrein ein feiner Staubregen nieder, aber die Fensterscheiben nach der Strandpromenade glühten, als ob es in den Häusern brenne. Gerade dort, wo der blendende Sonnenglanz das Meer vergoldet, liegt das englische Geschwader. Den ganzen Tag hat es auf die deutschen Stellungen geschossen, ich sehe die Blitze der englischen Schiffskanonen und höre nach einer Weile das Donnern des Schusses. Jetzt, 5 Uhr 20 nach deutscher Zeit, donnerten die Kanonen so heftig und rasch hintereinander, daß die Fenster des Kursaals rasselten und klirrten. Eine halbe Stunde später hörte das Feuer auf. Man glaubte, das Geschwader gehe nach Norden, um Munition zu holen. Das Gold über dem Meer verblich, die Dämmerung fiel herein, und ein paar Bojen mit Blinklicht wurden sichtbar.
Im Lauf des Tages hatten sich viele Zivilisten gezeigt, gegen Abend aber verschwanden sie. Niemand durfte nach 9 oder früh vor 5 Uhr ausgehen. Die Straßen wurden nicht erleuchtet, aber viele Geschäfte hatten Licht bis 9 Uhr. An der Strandpromenade brannte nicht eine einzige Laterne, hier wanderte man in der Dunkelheit unter deutschen Soldaten. Von vielen Fenstern aber strahlte Licht aufs Meer hinaus, das galt nicht als gefährlich, da die feindlichen Schiffe auf alle Fälle genau orientiert waren. Man glaubte jedoch nicht, daß die Engländer Ostende beschießen würden, da hundert gefallene Deutsche oder mehr und die Räumung des Platzes nicht den Verlust vieler Millionen englischen Kapitals aufwiegen würden, das in der Stadt angelegt sein soll!
Ich wurde aufgefordert, mich dem Kreis der deutschen Marineoffiziere mittags und abends im Hotel Littoral anzuschließen. Als wir uns nun um 8 Uhr zum erstenmal im Speisesaal versammelten, wurde ich mit ihnen allen bekannt gemacht. Meine speziellen Freunde wurden außer dem Chef Kapitänleutnant Beß, Leutnant Haak, Stabsarzt Dr. Schönfelder und Dr. Kübler. Wir hielten die folgenden Tage gut zusammen und werden unsere gemeinsamen Erlebnisse in Ostende wohl niemals vergessen.
[41. Das Bombardement von Ostende.]
Freitag den 23. Oktober weckte mich Dr. Kübler, um mir eine Promenade zum Leuchtturm und dem alten Fort vorzuschlagen. Zurück fuhren wir mit der elektrischen Bahn. Im Wagen saßen Soldaten und Zivilisten. Unter jenen war ein alter Landsturmmann, der erzählte, er habe drei Söhne im Krieg, aber er habe keine Ahnung, wo sie ständen und ob sie noch lebten. »Sie mögen immerhin fallen,« sagte er, »fürs Vaterland opfert man alles.«