Auf die Strandpromenade zurückgekehrt, setzten wir uns auf eine Bank am Kursaal und betrachteten das englische Geschwader durchs Fernrohr. Die Luft war ungewöhnlich klar, das Wetter strahlend.
Kurz vor ½1 Uhr suchte mich Kapitänleutnant Beß auf. Er war eben mit Admiral von Schröder von Middelkerke zurückgekehrt und erzählte, die Straße, auf der wir gestern laubgeschmückte Wagen gesehen hatten, sei jetzt alles andere als sicher, da ein paar Granaten dort eingeschlagen hätten. Auf der Strandpromenade durfte sich jetzt das Militär nicht mehr zeigen; Beß riet mir daher ab, Middelkerke einen Besuch abzustatten; vielmehr hatte er einen andern, weniger gefährlichen Vorschlag, nämlich ein paar seiner Seekompagnien und ihre Quartiere zu besichtigen.
Anderthalb Kompagnien waren im Theater einquartiert. Davor standen sogenannte Schiffskanonen, kleine, leichte Geschütze von derselben grauen Farbe, wie sie die Panzerschiffe haben, und von 6-cm-Kaliber. Die zugehörigen Munitionswagen standen auf dem Fußsteig. Wir betraten das große, schöne Foyer. An den Wänden entlang hatte die Mannschaft ihre Betten aufgestellt, Matratzen und Kissen, die der Bürgermeister von Ostende hatte requirieren müssen. Auf den Stühlen sah man Waffen und Kleider, auf den Tischen Schüsseln und Tassen. Die Logen des ersten Ranges waren gleichfalls in Schlafplätze und Aufbewahrungsräume für Kriegsmaterial verwandelt. Den ganzen Rundgang nahmen Betten ein. In einigen Logen putzten Marinesoldaten ihre Gewehre oder brachten Kleider und Leibriemen in Ordnung.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Küche im Theater einen Besuch abzustatten. Hier hantierten dicke, joviale Marineköche in weißen Anzügen und Mützen mit aufgestreiften Ärmeln. Die Kessel brodelten, und appetitreizende Dämpfe erfüllten den Raum. Ich mußte natürlich die Gerichte kosten und erhielt eine riesige Portion Gulasch in einem tiefen Teller vorgesetzt, gekochtes Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Brühe — vortrefflich! So gutes Essen bekomme ich nicht im Hotel, dachte ich, und aß mich satt. Kein Wunder bei solcher Kost, wenn die deutschen Soldaten so stark, frisch und blühend sind! Läge ich längere Zeit im Felde und hätte zwischen Offiziers- und Mannschaftskost zu wählen, ich würde ohne Zaudern die letztere wählen! Sie ist gesund, kräftig und wohlschmeckend und verschont den Magen der Leute mit allem unnötigen Ballast. Der gute Gesundheitszustand in der deutschen Armee beruht zum großen Teil auf der ausgezeichneten und reichlichen Verpflegung.
Aber nun fehlten nur noch fünf Minuten an 1 Uhr, und wir mußten beim Mittagstisch der Offiziere pünktlich sein. Wir gingen durch die Rue du Cerf. An der Ecke dieser Straße und der Digue de Mer, der großen Strandstraße am Meer, ist das Hotel Littoral. Die Rue du Cerf liegt einige Meter tiefer als die Strandstraße, die auf der Dünenreihe an der Küste angelegt ist. Ihr Ende steigt zu der großen Strandstraße hinan. Oben an der Ecke des Littoral stand eine Gruppe Offiziere in lebhafter Unterhaltung. Sie zeigten nach Westen und benutzten eifrig ihre Fernrohre. Wir gingen zu ihnen, neugierig, was wohl los wäre. Das englische Geschwader lag auf seinem gewöhnlichen Platz im Westen und Westsüdwest, vielleicht uns etwas näher als sonst, sieben oder acht Kilometer entfernt.
Aber ein Torpedoboot hatte sich von den andern getrennt und fuhr in voller Fahrt auf Ostende zu, parallel mit der Küste und dem Lande so nahe wie möglich. Bald darauf sah man ein anderes Torpedoboot im Kielwasser des ersten steuern. Was wollten sie, diese Gauner? Man hörte derbe Worte. »Es ist doch stark, einem so direkt auf den Leib zu rücken! Offenbar sind sie auf Kundschaft aus, aber welche Frechheit, sie wissen doch, daß wir Ostende besetzt haben. — Aha, sie vermuten Unterseeboote und Torpedoboote im innern Hafen und wollen nun sehen, ob man etwas draußen von der Reede erkennen kann.«
Nun, ihre Absicht mochte sein was sie wollte, ich ging in mein Zimmer hinauf und machte mich zum Essen fertig. Dann trat ich auf meinen Balkon hinaus, überzeugt, die Torpedoboote seien umgekehrt oder wieder aufs Meer hinausgefahren. Aber nein, sie steuerten noch denselben Kurs wie bisher und der Schaum stand an ihren Vordersteven!
Unten vor meinem Balkon hörte ich einen Offizier mit Stentorstimme kommandieren, die Straße solle geräumt werden, kein Mensch dürfe sich vor der langen Häuserreihe blicken lassen. Nur die Wache vor dem Littoral durfte auf ihrem Posten bleiben, bis auch sie eine Minute später Deckung suchte.
Da nahm ich mein Fernrohr und eilte die Treppen hinunter. In dem eleganten, teppichbelegten Vestibül des Hotels, wo Sofas, Tische und Stühle zwischen riesigen Topfpflanzen kleine Gruppen bildeten, gingen Offiziere eilig hin und her, und man erkannte leicht, daß etwas Außergewöhnliches bevorstand. »Wird man schießen?« fragte ich Beß. »Ja, es wird geschossen«, antwortete er mit stoischer Ruhe. Durch die Glastüren des Vestibüls konnte man beobachten, was sich an der Mündung der Rue du Cerf zutrug: dort kommandierte Admiral von Schröder, dort sah man Kapitän zur See Tägert, und dort rollte die Mannschaft der Matrosenbrigade mit fieberhafter Hast die zwei 6-cm-Schiffskanonen heran und ihre Munitionswagen — andere Artillerie war zurzeit in der Stadt nicht zur Hand.
Die Straße war von Zivilisten geräumt, und kein anderes Militär als Bedienung und Leitung der Batterie hielt sich dort auf. Ich durfte daher nicht ausgehen, konnte aber doch beobachten, wie schnell und genau die beiden Kanonen gerichtet und wie sie geladen wurden: »Laden! — Fertig! — Feuer!«