Der erste Schuß erdröhnte! Das Echo hallte in der Straßenmündung wider, und die Fensterscheiben des Hotels klirrten in ihren Rahmen. Ich ging in den Speisesaal. Von dort war freie Aussicht über das Meer und auf das erste Torpedoboot. Einen Augenblick später folgte der zweite Schuß. Der erste schlug unmittelbar vor dem Torpedoboot ins Wasser ein, ohne daß sich entscheiden ließ, ob er Schaden angerichtet hatte. Auch der zweite Schuß ging ganz in der Nähe des Ziels nieder.
Im Speisesaal waren mehrere Offiziere. Ich stand zusammen mit dem Leutnant des ersten Reserve-Seebataillons Dr. Algermissen aus Colmar. Acht Fenster des großen Saals gehen aufs Meer hinaus, zwei und der Eingang auf die Rue du Cerf. An den ersteren stehen gedeckte kleine Tische, im östlichen Teil des Saals der große Tisch, an dem wir unsere Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Die Decke wird von vier Pfeilern getragen. An dem zweiten von Westen standen Algermissen und ich.
Sofort als die beiden deutschen Schüsse abgefeuert waren, machten beide Torpedoboote kehrt, und im selben Augenblick begannen sie zu feuern. Es blitzte aus den Schiffskanonen, wie es schien, direkt auf uns zu. »Deckung!« rief Algermissen mir zu, und ich stellte mich hinter die Säule, die wie Papier fortgeflogen wäre, wenn sie eine 10-cm-Granate getroffen hätte! Einige im Saal folgten unserm Beispiel, andere aber verschmähten kaltblütig diese Vorsichtsmaßregel, die sie wohl für ungenügend hielten. Das erste Torpedoboot war etwa 1400 Meter entfernt, die Geschosse kamen also schnell genug ans Ziel. Die ersten flogen zu kurz, schlugen gerade vor dem Littoral ins Wasser, und hohe, weiße Wassersäulen stiegen von der Einschlagstelle auf. Sobald sie eingeschlagen haben, richten wir unsere Fernrohre auf das Torpedoboot, es blitzt wieder, und wir suchen Schutz, doch bloß für den Körper, nicht für den Kopf, denn man kann seine Augen von einem solchen Schauspiel nicht abwenden, man will, man muß es um jeden Preis sehen! Vergeblich aber wäre es, die Spannung zu schildern, in der man sich befindet in der Zeit zwischen dem Aufblitzen der Kanonen und dem Einschlagen der Geschosse. Wenn man fühlt und weiß, daß man selbst das Ziel des »Mantelsacks« ist, der angeflogen kommt! Es ist das keine Furcht, denn wenn mich jemand gebeten hätte, ihn an eine sichere Stelle im Innern der Stadt zu begleiten, ich wäre nicht mitgegangen. Es ist eine Mischung von atemloser Spannung, intensivem Interesse und einer Aufmerksamkeit, die sich nichts von dem entgehen lassen will, was vor sich geht. Deshalb hält man ununterbrochen das Fernrohr bald auf das Boot, bald auf die Einschlagstelle gerichtet. Ein Geschoß prallte von der Wasserfläche ab und schlug in ein Dachgesims, 58 Schritte von mir entfernt, wie ich später feststellte. Ein anderes beschrieb eine höchst merkwürdige Bahn, ich weiß nicht wie, landete aber schließlich auf der Steinpromenade am Meer und blieb an dem eisernen Geländer liegen, ohne zu krepieren. Dort lag es noch ein paar Tage, und die Wache paßte auf, daß niemand das gefährliche Ding berührte. Ein paarmal konnte ich sehen und hören, wie die Granaten aufs Wasser schlugen, abprallten, wie flache Steine über das Wasser tanzten und in die Kaimauer einschlugen. Erst der Blitz aus der englischen Kanone — dann das Einschlagen aufs Wasser — dann der Knall; bald darauf das Krachen, wenn eine Fassade getroffen war, dann das Poltern der Ziegel oder Mauerteile auf die Straße.
Das zweite Torpedoboot, das ich von meinem Platz aus nicht sehen konnte, schoß ebenso munter wie das erste. Da ich nicht sehen konnte, wann es schoß, war der Schutz, den mir der Pfeiler bot, erst recht illusorisch. Die beiden deutschen Kanonen gaben jede fünf oder sechs Schüsse ab. Ob sie Schaden anrichteten, weiß ich nicht. Alles ging zu schnell, als daß völlige Treffsicherheit hätte erreicht werden können. An der abschüssigen Straßenmündung liefen die Kanonen zu stark zurück und mußten bei jedem Schuß von neuem vorgerückt werden. Das Ganze war in zwölf Minuten vorüber. Die Boote machten fast kehrt und fuhren schleunigst nach Westen zurück, fortwährend feuernd. Sie gaben etwa dreißig Schuß ab, wie mir die deutschen Offiziere sagten. Gleichzeitig schossen sie mit Maschinengewehren. Aber der Abstand nahm zu, und schließlich hörte das Feuer auf.
»Wie kommt es, daß nicht ein einziger Schuß unser Hotel getroffen hat?« fragte ich. »Die Engländer müssen doch gesehen haben, daß die Quelle des deutschen Feuers gerade unsere Straßenecke war, und daß die Bedienung der Kanonen die einzigen lebenden Wesen auf der ganzen Strandstraße bildete.«
»Das scheint uns so, aber bei der schnellen Bewegung der Boote konnten sie wohl kaum entscheiden, woher das Feuer kam. Vielleicht hatten sie ihre Aufmerksamkeit auf den Hafen gerichtet in dem Glauben, daß wir dort Torpedoboote liegen hätten. Mehrere Schüsse gingen auch auf den Hafen.«
»Merkwürdig,« warf ein anderer ein, »daß mehrere Schüsse das Hotel Majestic getroffen und dort ein paar Offiziere getötet haben. Majestic ist ein großes, weißes Prachtgebäude, wo die Engländer vermutlich einen guten Fang zu tun glaubten.«
»Es ist sehr bezeichnend,« fügte ein dritter hinzu, »daß sie uns mit ihrem Besuch gerade um 1 Uhr beehrt haben, wo sie wußten, daß alle Offiziere bei Tisch saßen. Offenbar haben sie gedacht, sie könnten ungehindert vorüberkommen und nach ausgeführter Erkundung wieder verschwinden, ehe wir fertig wurden.«
Als alles ruhig war, setzten wir uns zu Tisch, und dann begaben Beß, Kübler und ich uns nach dem Hotel Majestic.
Im Baedeker von 1910 kommt Hotel Majestic unter dem Namen Grand Hôtel des Bains vor. Seitdem hat es seinen Namen und wahrscheinlich auch den Besitzer gewechselt. Seine schöne, weiße Fassade war von sechs Granaten, deren Einschlagstellen wir betrachteten, übel mitgenommen. Sie hatten große, klaffende Löcher in die Mauern gerissen; auf dem Fußsteig davor Haufen von Steinen, Ziegeln und Bewurf, und ein dekorativer Gipsengel mit ausgebreiteten Flügeln lag in Scherben am Boden.