Im Vestibül lagen Schränke, Tische und Stühle durcheinander. Der Speisesaal war vor einer Stunde noch einer der elegantesten von Europa gewesen: der Fußboden mit dicken, roten Brüsseler Teppichen belegt, die Wände in Weiß und Gold und mit Spiegeln dekoriert, an der Decke prachtvolle Kronleuchter — jetzt alles ein Bild grauenhafter Verwüstung! Zwei Granaten hatten gerade in den unteren Teil der langen Fensterreihe eingeschlagen, und ihre Splitter hatten klaffende Löcher in Wände und Decke gerissen. Die Gipsornamente waren heruntergefallen und lagen in Trümmern, und der Teppich verschwand fast unter ihrem dicken weißen Staub. Die Fenster waren zu Pulver zermalmt, und die Spiegelscheiben in merkwürdige Sternfiguren zersprungen, deren Scherben bei der geringsten Berührung herabzufallen drohten. Tische und Stühle in Trümmern, die Tischtücher in Fetzen. Nur an den Ecken des Saals, besonders den westlichen, standen die Tische noch auf den Beinen, aber Teller und Gläser waren zerschlagen. Füße von Rotwein- und Champagnergläsern standen noch da, die oberen Teile waren abgeschlagen.

Bei Beginn der Beschießung waren etwa fünfzig Offiziere zum Essen versammelt gewesen; an einigen Tischen hatte man schon zu essen begonnen. Die meisten hatten in der Westhälfte des Saals gesessen und waren deshalb auf wunderbare Weise gerettet worden. An einem Fenstertisch in der Osthälfte aber hatte der Marinearzt Dr. Lippe und ein Adjutant der Matrosenbrigade Platz genommen und bereits zu dinieren angefangen. Durch den unteren Teil gerade dieses Fensters hatte eine Granate ihren Weg genommen. Nach den ersten Treffern hatten sich die beiden Herren wahrscheinlich zu sehr ausgesetzt gefühlt. Dr. Lippe war deshalb aufgestanden, aber nur bis an das andere Ende des Tisches gekommen, als eine Granate hereinsauste und ihn mitten in den Rücken traf. Er wurde vollständig zerrissen! Was von ihm noch übrig war, lag vornüber, der Kopf auf den Armen, in einer Blutlache. Von der Uniform nur noch Fetzen, ein Stück des einen Beines fand man unter einem Tisch auf der andern Seite des Saals, alles übrige klebte in Form von Blutflecken und Eingeweiden an Wänden, Decke und Tischtüchern ringsum. Dr. Schönfelder, der sofort herbeigeeilt war, konnte nur die Überreste seines Kameraden in einem Tischtuch sammeln und in ein Leichenhaus bringen lassen. Der Adjutant hatte eine schwere Kopfwunde erhalten und wurde ins nächste Krankenhaus getragen.

Ein prächtiger Landsturmmann, der sich mit seinem jungen Sohn im Saal aufgehalten hatte, erzählte mir, alle andern Mittagsgäste seien mit dem Leben davongekommen, die meisten aber infolge des Luftdrucks bewußtlos zu Boden gestürzt, einige auch durch herumfliegende Splitter leicht verwundet. Die Betäubten erholten sich aber bald wieder.

Das Schicksal ist unergründlich. Weshalb mußte gerade er, der die Gefahr erkannte und einen sichereren Platz aufsuchen wollte, vom Tode erreicht werden, während wir, die wir von einem andern Hotel aus das Schauspiel beobachteten, verschont blieben? Man sagte mir später, mein Platz sei durchaus nicht sicher gewesen, denn eine Granate kann von einer Mauer im Hintergrund abprallen, und man kann daher von rückwärts durch ihre Splitter getroffen werden. In freiem Gelände hat man mehr Aussicht, unverletzt zu bleiben. Streng genommen hatten also die Artilleristen an der Straßenmündung einen besseren Platz als wir! Wir Gäste des Littoral hatten indessen keinen Anlaß, uns über die nichts weniger als gastfreie Aufnahme zu beklagen, die uns zuerst im Hotel Majestic zuteil geworden war. Wären die deutschen Marineoffiziere dort gut aufgenommen worden, dann hätte vielleicht mancher von uns das Schicksal Dr. Lippes geteilt.

In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober kehrte ich nach Brüssel zurück.


[42. Mein erster Abend in Bapaume.]

Als ich am 27. Oktober im Hotel zu Brüssel mein Frühstück einnahm, kam ein stattlicher Offizier gerade auf meinen Tisch zu. Er lächelte schelmisch, ob ich ihn wohl wiedererkennen würde. Ja, natürlich, ich rief seinen Namen, ehe er noch ein Wort hervorgebracht hatte: Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg! Der Herzog gehört seit mehreren Jahren zu meinen Freunden. In der geographischen Welt hat er einen berühmten Namen wegen seiner gewissenhaft vorbereiteten, meisterhaft ausgeführten und gut und unterhaltend geschilderten afrikanischen Reisen. Jetzt war er Gouverneur von Togo, befand sich aber gerade auf Urlaub in Deutschland, als der Krieg ausbrach. Unter solchen Verhältnissen in Deutschlands großer Schicksalsstunde konnte er nicht nach Afrika fahren, und da er als Leiter einer Kolonie in der Heimat kein Kommando hatte, meldete er sich bei seiner alten Truppe, dem Gardekorps, das in Bapaume lag und zur sechsten Armee gehörte, als Ordonnanzoffizier.

Wir unterhielten uns, bis er wieder zu seinem Korps zurückkehren mußte. Das Ergebnis der Unterredung war, daß ich hoch und heilig versprechen mußte, einige Tage in Bapaume sein Gast zu sein. Ich könne kommen, wann es mir passe, jederzeit. Dann nahmen wir bis auf weiteres Abschied.

Am 28. besichtigte ich mit General Bailer und Geheimrat von Lumm nochmals die Forts von Antwerpen, um photographische Aufnahmen zu machen. Am 29. sollte ich den Generalgouverneur an die Front in der Umgegend von Dixmuiden begleiten, ein Plan, dessen Ausführung die Ankunft des Königs von Sachsen, der Antwerpen sehen wollte, durchkreuzte. Ich faßte also einen kurzen Entschluß und fuhr am 30. Oktober mit einem Auto, das Herr von Siemens, der Chef der Firma Siemens & Halske, selbst lenkte, nach Bapaume.