Ich hatte mich auch dort auf der Kommandantur zu melden und wurde wie gewöhnlich mit der größten Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der Chef, ein alter bayrischer Oberst, der seinen Abschied genommen hatte, aber bei Kriegsausbruch wieder in Dienst getreten war. Und nun ging es aus einem andern Ton. »Was ist das dort für ein Zivilist? Was haben Sie hier zu tun? Woher kommen Sie? Sind Sie Zeitungsmensch? Ich werde schon herausbringen, was Sie für einer sind, und ob Sie die Erlaubnis haben, sich in Bapaume aufzuhalten.« Auf alle erdenkliche Weise versuchte ich, den Obersten zu beruhigen, aber er fuhr mich an wie ein richtiger Korporal. Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, fragte er mich: »Können Sie mir je verzeihen, daß ich neulich so grob zu Ihnen war?« — »Mein lieber Oberst,« erwiderte ich, »ich kann Sie versichern, daß es mir ein unbezahlbares Vergnügen gewesen ist, einen bayrischen Kriegsmann in seiner vollen Kraft und Autorität zu sehen. Ich konnte ja ein Spion sein, und Sie hatten nur Ihrer Instruktion zu folgen.«

Darauf führte mich ein Unteroffizier in das Haus, wo ich wohnen sollte. Ich hatte mich kaum eingerichtet, da klopfte es an meine Tür. »Entrez!« rief ich so neutral wie möglich, und herein trat Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg. Jung, froh und herzlich hielt er mir beide Hände hin und hieß mich in Bapaume willkommen. »Aber dies Zimmer ist zu klein.« — »Nein, es reicht vollkommen.« — »Schön! Wir nehmen die Mahlzeiten zusammen ein, ich bin jetzt mehrere Tage dienstfrei und werde Ihnen alles zeigen, was hierherum sehenswert ist.«

Dann plauderten wir, bis es Zeit war zum Abendessen im Offizierskasino. Als wir eintraten, waren schon alle versammelt. Am großen Tisch präsidierte Exzellenz von Plettenberg, kommandierender General des Gardekorps, Generaladjutant des Kaisers und ein alter Freund des schwedischen Generals Bildt. Ein großer, schlanker, weißhaariger Mann, ein echter Soldat, fühlte er sich nirgends so wohl wie im dichtesten Kugelregen. Er setzte sich gleich den Feldmarschällen von Haeseler und von der Goltz unbedenklich den schlimmsten Gefahren aus, er konnte mitten in der Nacht zu den vordersten Schützengräben gehen und in einer Entfernung von 200 Metern das französische Gewehrfeuer auf sich lenken — nur um zu sehen, wie es den Soldaten ging, und sich persönlich davon zu überzeugen, ob alles in bester Ordnung sei. Ein großartiger Zug nach meinem Dafürhalten; denn der Mut des Heerführers stählt den der Soldaten. General Plettenberg hatte eine frische, impulsive Art, war aber jetzt sehr ernst, wohl weil er kürzlich einen Sohn im Kriege verloren hatte. Oft schwieg er lange und saß nachdenklich am Tisch, dann aber blitzten plötzlich seine Augen, und er scherzte, wie gesundheitsgefährlich doch der Krieg sei; man schösse so fahrlässig, die Kanonen würden so unvorsichtig aufgestellt und die Granaten schlügen manchmal gerade da ein, wo sich Menschen aufhielten.

Als der General die Gesellschaft zeitig verließ, um an seine nächtliche Arbeit zu gehen, lud der Herzog ein Dutzend fröhliche Offiziere in sein Haus. Im Salon wurden die Zigarren angebrannt und schäumender Wein geschenkt. Die Stimmung war großartig. Nirgends eine Verdrießlichkeit bei diesen Männern, von denen viele noch am selben Tage dem Tod ins Angesicht geschaut hatten, aus Schützengräben oder Luftschiffen oder auf gewagten Patrouillen. Hier waren Deutschlands vornehmste Familien vertreten. Bald debattierte man in kleinen Gruppen, bald war die Unterhaltung allgemein, laut, lebhaft, munter. Als aber ein Generalstäbler geradeswegs vom Generalkommando kam und die letzten Nachrichten vom östlichen Kriegsschauplatz und von fernen Seekämpfen brachte, da wurde es still, alle hörten zu, und dann drehte sich die Unterhaltung um das ernste Wagespiel des Kriegs.

Unter den Gästen war der junge Erbprinz Friedrich von Hohenzollern, ein bartloser Held, durch verwandtschaftliche Bande mit nicht weniger als drei Königen verbunden. Er ist ein Neffe des Königs von Rumänien, außerdem mit dem unglücklichen Könige von Belgien verwandt, und endlich Schwager des Exkönigs Manuel von Portugal. Der Erbprinz war gemütlich und voll witziger Einfälle, lachte selbst aber niemals.

Ferner war unter den Anwesenden Herr Schoelvinck, der Direktor von Benz & Co. Jetzt stand er als Hauptmann im Felde. Er war einer von den vier Offizieren, die unter dem Schutz der weißen Parlamentärflagge nach Reims entsandt wurden, um über die Kapitulation der Stadt zu unterhandeln. Sie wurden gefangen genommen und als Spione angesehen, und hätten wahrscheinlich das übliche Schicksal der Spione erlitten, hätte sich der Kaiser nicht an den amerikanischen Gesandten in Paris gewandt, der ihre Freilassung erwirkte. Über die Behandlung, die sie erfuhren, werden sie, denke ich, wohl später selbst dies und jenes zu berichten haben.

Schiffsgeschütze bei Ostende.

Ein Blick in den zerschossenen Speisesaal des Hotels Majestic in Ostende.