Nun steigen die Töne der Orgel machtvoll und klar zur Wölbung empor, und volltönende Stimmen aus den Kehlen von 4000 jungen Kriegern singen:
O Haupt voll Blut und Wunden,
Voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
Mit einer Dornenkron'!
O Haupt, sonst schön gekrönet
Mit höchster Ehr' und Zier,
Jetzt aber höchst verhöhnet,
Gegrüßet seist du mir ...
Erscheine mir zum Schilde,
Zum Trost in meinem Tod
und laß mich sehn dein Bilde
In deiner Kreuzesnot;
Da will ich nach dir blicken,
Da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken:
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
| Markt in Bapaume. | ||
| Rathaus mit Anschlag der »B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«. | Denkmal Faidherbes. | |
Englische Gefangene mit ihrer französischen Wirtin in Lille.
(Vgl. [Seite 184].)
Nachdem Clewing, von unserm Platz aus unsichtbar, aber überall vernehmbar, seine klangvolle Stimme hatte hören lassen, betrat der Divisionspfarrer Franz Xaver Münch die Kanzel. Mit würdiger Autorität sah er auf seine Gemeinde herab, Soldaten aller Grade und Waffengattungen, barmherzige Schwestern, Protestanten und Katholiken. Der Gottesdienst war interkonfessionell, der Prediger selbst Katholik. Aber jetzt, in der größten Zeit des deutschen Volkes, sind alle konfessionellen Schranken zusammengebrochen, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Protestanten, Katholiken und Juden, es gibt nur noch Deutsche! »Jetzt sind wir alle ein Mann geworden, und alle haben wir einen Gott.«
Die ergreifenden Worte des Priesters vollständig wiederzugeben, muß ich mir hier versagen; meine Leser werden sie in der großen Ausgabe meines Buches finden. Nur eine besonders erschütternde Stelle der Predigt möge hier folgen:
»Und ein zweiter Ruf tönt aus den Massengräbern: ‚Vergesset unsere Leiden und unsere Wunden nicht!‛ Meine lieben Kameraden. Der große Völkerapostel hat einmal seiner Gemeinde in stolzer Liebe zum Gekreuzigten zugerufen: ‚Ich trage die Wunden des Herrn an meinem Leibe.‛ Wer von unserem Volke sich noch etwas sittlichen Ernst bewahrt hat, wird die Wunden und die Leiden dieses Krieges zeitlebens in seiner Gesinnung tragen. Der Preis unserer Befreiung und unserer Siege war der teuerste und kostbarste, den eine Nation zu zahlen hat: das Blut der Jugend! Kommt und schauet, wie wir sie begraben! Nicht einmal einen armen Sarg können wir ihnen gewähren. Wir können sie nicht wie die Germanen auf die Schultern heben und über die Berge in die deutsche Heimat tragen. Aber, meine lieben Brüder, ich kenne einen Sarg, der kostbarer ist als der Sarg, gezimmert von einem fremden Meister: das ist der Sarg des deutschen Herzens! Dahinein, tief und verborgen, wollen wir unsere teuren Toten betten; ihn führen wir heimwärts in die deutsche Heimat. Und wenn einmal — was Gott, der Schirmherr unserer deutschen Sache verhüten möge — die Zeit kommen sollte, wo eine Generation, unsere Jünglinge, unsere Töchter und Frauen nicht mehr wissen, was uns der Friede und eine neue Blüte des Reiches gekostet hat, wo man nur der Früchte in einem erschlaffenden Genußleben sich freut, wo man entnervenden und zersetzenden Sitten wie fremden Göttern zu huldigen beginnt — dann, meine lieben Brüder, ist für uns, die wir heute hier an den Massengräbern trauern, die Stunde gekommen, wo wir die Särge öffnen und einer nur genießenden Nation unsere Toten, ihre Wunden und ihre letzten Stunden zeigen werden, dann zeigt, ihr Väter, eure gefallenen Söhne. Dann mögen die Geister der Gefallenen den schwersten Kampf gegen das eigene Volk führen, das die Wunden des Kriegs nicht mehr in seiner Seele trägt.