So ist der heutige Tag, der unsern Toten gilt, im Grunde ein Tag quellenden Lebens, neuer Hoffnung, machtvollster Aufgaben. Für unsere Gegner sind die Gräber eine gigantische Anklage, für uns ein heiliger Hinweis auf die Zukunft. Sie haben Sturm gesät, sie werden auch Sturm ernten. Und dieser Sturm sind wir. Aus kleinlichen Motiven und geführt und verleitet von selbstsüchtigen kleinen Gruppen, haben sie auf das Fleisch gesät und sie werden Verderben ernten. Wir dürfen vor Gott beschwören, daß wir auf den Geist der Gerechtigkeit und des Friedens gesät haben. Der Krieg ist für uns eine monumental-geistige Sache einer einheitlich auferstandenen, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten und zur Gegenwehr gezwungenen Nation. Diese Nation wird aber auch vom Geiste der Gerechtigkeit und des Friedens ewiges Leben ernten. Amen.«

Das Musikkorps spielte eine Hymne, deren prachtvolle, festliche Töne in der Kirche widerhallten. Ein Quartett stimmte das Ave verum corpus natum an, und schließlich sang die Gemeinde den Choral:

Großer Gott, wir loben dich.
Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich
Und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
So bleibst du in Ewigkeit. —

Der Gottesdienst war zu Ende, und die Soldaten gingen hinaus, an der kleinen Jungfrau von Orleans vorüber, die ihnen dank Schillers herrlichem Gedicht keine Fremde war. Gewiß durften die Lichter vor ihr brennen — sie hatte ja die Engländer besiegt. Jetzt wurden sie schnell ausgelöscht, und sie stand wieder einsam träumend und still.


[47. »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!«]

Eine blutige Erinnerung aus dem Französisch-Deutschen Krieg ist mit Bapaume verknüpft. Am 3. Januar 1871 griff General Faidherbe an der Spitze des XXII. und XXIII. Armeekorps General Goeben an, der die 15. Division kommandierte, die 3. Kavalleriedivision und ein kombiniertes Detachement unter Prinz Albrecht. Die deutsche Truppenstärke, wenig mehr als 15000 Mann und 84 Kanonen, war kaum halb so groß wie die französische, zwang jedoch Faidherbe nach neunstündigem Kampf, sich auf Arras und Douai zurückzuziehen.

Nun waren seitdem 44 Jahre vergangen, und Bapaume war wieder in den Händen der Deutschen. Mitten auf dem Markt hatten die Franzosen eine Statue Faidherbes errichtet, ein würdiges Denkmal einer glänzenden Laufbahn. Mehrere Male hatte ihm sein Vaterland die Lösung dringender Aufgaben anvertraut, daheim auf Guadeloupe, in Algier, Senegal, Kabylien, und schließlich war er im November 1870 von Gambetta zum Chef der Nordarmee ernannt worden. Mut, Zuversicht, Initiative und glühender Eifer fehlten ihm nicht, aber gegen die systematisch ausgebildete deutsche Armee vermochte er mit seinen Miliztruppen nichts auszurichten.

Faidherbe überlebte seine Mißerfolge lange, er starb in Paris erst 1889, nach achtzehn Jahren des Grams darüber, daß sein Feldherrntalent nutzlos vergeudet worden war, und zwar durch Verblendung und Unkenntnis der Volksvertreter, die ihr Land an den tiefsten Abgrund nationalen Unglücks führten, dessen unsere Zeit Zeuge gewesen ist.

Da steht er nun in Bronze auf seinem weißen Sockel, eins der Opfer der Verblendung seines Volks. Und um ihn herum stehen die Söhne des Volks, das ihn besiegte, und das nun wieder in den Spuren seiner Väter gesiegt hat. Trotzig und entschlossen steht er da, die Arme gekreuzt; mit der rechten Hand packt er den Griff des Degens. Seine ganze Haltung scheint den unerschütterlichen Entschluß zu verraten, keinen Schritt zurück, nur vorwärts zu gehen; sein Uniformmantel flattert im Winde, seine Mütze sitzt keck und schief. Den Kopf trägt er hoch und stolz. Sein Blick ist auf — deutsche Truppen gerichtet, jetzt wie damals! Viele von denen, die eben in der Kirche waren, haben sich auf dem Markt versammelt. Das Musikkorps bildet einen Halbkreis vor Faidherbes Denkmal. Der Kapellmeister hebt den Taktstock, und nun schallt die »Wacht am Rhein« über den Markt. Zündend umbrausen die Töne der Messinginstrumente den Helden oben auf seinem Sockel. Er scheint trotziger denn je. Er steht da mit gezogenem Degen, auf seinem Gesicht ruht der Ausdruck tiefer Tragik.