Ruhig und sicher stehen die deutschen Musikanten und ihre Kameraden, die sich in Gruppen um sie versammelt haben. Eine Stimmung von Siegessicherheit erfüllt all diese Krieger. Clewing beginnt zu singen, andere folgen seinem Beispiel, und machtvoll wogt der Gesang über den Markt:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht,
Die Wacht am Rhein!


[48. Kronprinz Rupprecht von Bayern.]

Am Abend des 1. November fuhr ich um 7 Uhr mit dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg von Bapaume nach Douai, wo wir um 8 Uhr zum Abendessen beim Chef der sechsten Armee, Kronprinz Rupprecht von Bayern, eingeladen waren. Die Entfernung beträgt gegen 34 Kilometer und wird bequem in dreiviertel Stunden zurückgelegt. Aber die Wachtposten kosten auch Zeit, und es war 5 Minuten vor 8, als wir endlich ankamen. Ein Adjutant führte uns in einen Salon, und dort hatten wir kaum eine halbe Minute gewartet, als Kronprinz Rupprecht schon hereintrat.

Er gehört zu den seltenen Menschen, die alle lieben und bewundern, die Engländer vielleicht ausgenommen, doch ich glaube, die Franzosen würden nicht umhin können, ihm Achtung zu zollen. In der deutschen Armee gilt er als ein ganz hervorragender Heerführer und gründlich geschulter Soldat. Aussehen, Haltung und Sprache sind im höchsten Grade gewinnend und sympathisch. Er ist weder stolz noch herablassend, sondern prunklos und einfach wie ein gewöhnlicher Mensch. Wenn man weiß, daß ihn kürzlich der schlimmste Schlag getroffen hat, der ihn treffen konnte, dann glaubt man vielleicht Spuren davon auf seinem Gesicht zu entdecken, einen Zug von Wehmut, sonst aber verrät weder eine Miene noch ein Seufzer, wie tief er den Tod seines 13jährigen Sohnes betrauert. Wo es Vaterland und Reich gilt, muß alle private Trauer zunächst zurücktreten. Der Kronprinz hat auch keine Zeit, zu trauern oder an den Verlust und die Leere zu denken, die er bei seinem siegreichen Einzug in München fühlen wird. Er lebt für und mit seiner Armee und ist jedem Soldaten ein Vater. Seine ganze Denkkraft, seine ganze physische Stärke, seine ganze Zeit opfert er diesem einzigen großen Ziel.

Kronprinz Rupprecht kommt schnell und ungezwungen herein, streckt uns seine Hände entgegen und heißt uns herzlich willkommen. Dann fügt er mit scherzhaftem Tonfall in der Stimme hinzu: »Ich habe heute abend an meinem Tisch noch andere vornehme Gäste.«

»Wen denn?« fragt der Herzog.

»Den Kaiser«, antwortet der Kronprinz und schlägt die Hände zusammen.

»Den Kaiser?« rufen wir. Wir hatten keine Ahnung, daß er sich überhaupt in dieser Gegend befand.