»Ja, der Kaiser hat heute hier verschiedene Truppenteile besucht und versprochen ..... Doch still, ich höre sein Automobil«, und damit eilte der Kronprinz hinaus.

Inzwischen kam das Gefolge des Kronprinzen herein und begrüßte uns, dann auch die Herren des Kaisers, von denen ich einige kannte. Ehe ich noch hatte fragen können, woher der oberste Kriegsherr gekommen sei, wurden wir in den Speisesaal gerufen. Dort saß der Kaiser bereits auf seinem Platz am Tisch. Wir traten alle an unsere Stühle, aber niemand setzte sich. Der Kaiser saß mit gesenktem Kopf und sah sehr ernst aus. Plötzlich aber schlug er seine blitzenden blauen Augen auf und nickte freundlich nach allen Seiten. Als er mich sah, streckte er die Hand über den Tisch und rief scherzend: »Guten Tag, mein lieber Sven Hedin. Es scheint Ihnen gut zu gefallen in meiner Armee«, was ich ohne einen Augenblick zu zögern bejahte.

Der Kaiser war brillanter Laune. Ich weiß wirklich nicht, ob er schlechter Laune sein kann, denn so oft ich die Ehre hatte, mit ihm zusammen zu sein, war er immer froh, liebenswürdig und lebhaft. Wohl kann er mit scharfen Worten seinem Unmut über eine verächtliche Handlung des Feindes Ausdruck geben, aber bald wird er wieder der reine Sonnenschein und lacht ansteckend über einen lustigen Einfall. Er hat eine großartige Fähigkeit, Leben in eine Gesellschaft zu bringen und das Gespräch in Spannung zu halten, so hier über zweiundeinhalb Stunden. Dabei erzählt er eine Masse merkwürdige Neuigkeiten, Dinge, die sich an den verschiedenen Orten in den letzten Tagen zugetragen haben und wenigstens dem Herzog und mir vollkommen neu waren. Wenn man den Kaiser nach den Verhältnissen irgendeines fernen Landes fragt, aus dem lose, widerspruchsvolle Nachrichten gekommen sind, hält er sofort mit meisterhafter Disposition eine ordentliche Vorlesung über seine innere und äußere Politik, seine Volksstimmungen, seine Hilfsquellen und seine Waffenmacht. Ich erinnere mich nicht, jemand begegnet zu sein, der in dieser Hinsicht sich mit Kaiser Wilhelm messen könnte.

Er hat auch die Gabe, blitzschnell was andere sagen aufzufassen und zu beurteilen. Mit lebhaftem Interesse hörte er Kronprinz Rupprecht zu, als dieser allerlei von seiner Armee berichtete, und mir, als ich das Bombardement von Ostende beschrieb.

Es war ½11 Uhr, als der Kaiser seine Zigarre weglegte und aufstand, um sich mit jenem kräftigen Händedruck zu verabschieden, der durch Mark und Bein geht. Nur der Kronprinz begleitete ihn in das unmittelbar neben dem Speisesaal gelegene Vorzimmer, von dem einige Stufen auf die Straße hinausführten. Ein Soldat stand bereit und hielt den hellen blaugrauen Mantel mit dem dunklen Pelzkragen, ein anderer überreichte die gewöhnliche preußische Offiziersmütze. Nachdem Wirt und Gast sich noch einige Minuten unterhalten hatten, gingen sie zusammen zum Automobil, der Kaiser stieg ein und der Wagen fuhr schnell in die Nacht hinaus.


[49. Tommy Atkins in Gefangenschaft.]

Um 8 Uhr morgens wieder heraus und fort über das öde Feld von Artois nach Douai! Bald darauf kreuzten wir die Stadt Lille in schneller Windung, fuhren durch die Porte de Roubaix wieder hinaus und folgten in nordöstlicher Richtung der langen, dichtbebauten Straße, die Lille und Roubaix verbindet.

In Roubaix lagen noch 250 Engländer und eine Anzahl Offiziere, die am Nachmittag nach Deutschland transportiert werden sollten. Die Mannschaft war in einem großen Saal untergebracht, vermutlich einem geräumten Restaurant. Möbel waren nicht zu sehen, aber große Bündel Stroh auf dem Boden, besonders an den Wänden. Hier konnten sich die Soldaten ihr Nachtlager herrichten, und sie litten wahrhaftig keine Not. Ein Tommy, der eine ungefährliche Kopfwunde hatte, wurde gerade von einem englischen Arzt, der selbst Gefangener war, behandelt. In einem angrenzenden Zimmer mit Glasdach standen lange Reihen von Tischen und Stühlen, wo die Gefangenen ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Hier photographierte ich ein paar Gruppen, durch die der Leser sich überzeugen kann, daß die Engländer in der Gefangenschaft weder betrübt noch leidend aussehen. Auf dem einen Bild haben sie sogar eine muntere, mollige Französin bei sich, aber ich muß zu ihrer Ehre zugestehen, daß die edle Dame selbst darum gebeten hatte, mit ihren Verbündeten und zufälligen Eßkunden zusammen porträtiert zu werden. Sie war nämlich die Wirtin und überwachte die Verpflegung der Gefangenen.

In der Wirtschaftsküche kochte die Gefangenenkost in großen Kesseln; auch dort war das Personal zum überwiegenden Teil französisch. Wer die Deutschen anklagt, daß sie mit der Verpflegung der Gefangenen knausern, der sollte sich im Restaurant zu Roubaix umsehen. Dort war alles reichlich und gut. Austern, Trüffeln und Plumpudding gab es zwar nicht, aber die Söldner, die zufällig aus Eastend waren, hatten wahrscheinlich lange nicht so gut gegessen wie in Roubaix. Dazu kam, daß die französische Wirtin in Tommy Atkins ziemlich verliebt war und wie eine Adlermutter dafür sorgte, daß er das nötige Essen bekam.