Es geschieht nicht, um meiner Kamera zu schmeicheln, wenn ich behaupte, das eben erwähnte Bild sei eine treffliche Illustration der »Entente cordiale« der Westmächte. Die französische Dame lächelt und strahlt und kann sich keine feinere Einfassung denken als zwischen handfesten englischen Soldaten. Sie sollte an den Sinn des lustigen Liedes denken, das mit den Worten schließt: »I love you my darling, cette phrase vous coutera beaucoup«, und dessen Moral ist: La France pour les Français! Es ist gefährlich, mit Tommy Atkins zu kokettieren. Es läßt ihn ganz kühl, das sieht man auf dem Bild. Er sitzt kalt wie eine Marmorstatue und schenkt seiner Pflegerin keinen andern Gedanken als den: Geh zu, wir werden die Suppe essen, die du kochst! Wann wird sie es satt sein, so undankbar behandelt zu werden? Wird sie damit fortfahren, bis ihr das Letzte genommen ist?
In dem großen Saal lagen nun Tommy Atkins und seine Kameraden und ruhten im Stroh. Sie sahen frisch und munter aus, und viele hatten sympathische, männliche Züge. Als ich vor einer Gruppe stehen blieb und mich mit den Leuten unterhielt, blieben sie ungeniert liegen, antworteten aber sehr höflich und mit der unerschütterlichen Ruhe, die für ihre Rasse charakteristisch ist. Sie gestanden offen zu, daß sie mit der Behandlung, die sie erfuhren, und mit ihrer Kost zufrieden seien. Einer von ihnen fand, man könne es im Kriege gar nicht besser haben. Das einzige, was ihnen nicht gefiele, wäre, daß sie im Saal nicht rauchen dürften. Ein deutscher Offizier, der neben uns stand, erklärte ihnen, der Saal sei feuergefährlich, nicht zum wenigsten wegen des trockenen Strohs, und die Deutschen wünschten nicht, daß ihre englischen Gefangenen hier verbrennten.
In einem großen, gemütlichen Zimmer im ersten Stock wurden drei Offiziere gefangen gehalten, ein Hauptmann und ein Leutnant, beide Engländer, und ein französischer Leutnant. Jeder von ihnen hatte sein gutes, reinliches Bett und im übrigen Tisch und Stühle und andere notwendige Möbel.
Der englische Leutnant war ein feiner und angenehmer junger Mann, der Sohn eines angesehenen Londoner Kaufmanns. Sein Vater stand in Geschäftsverbindung mit Deutschland, und er selbst war, ich glaube, in Hamburg gewesen, um Deutsch zu lernen. Der Krieg hatte alle seine Pläne auf den Kopf gestellt. »Aber wir hatten doch keine andere Wahl und mußten mit!« meinte er.
[50. Die englische Lüge.]
Gar zu gern hätte ich noch gesehen, wie es den Indern in dem nebligen Herbst von Artois und Flandern erging. Aber die indischen Gefangenen der Zitadelle von Lille hatte man eben nach Osten abgeschoben, um neuen Scharen Platz zu machen. Ich selbst hatte einmal erfahren, wie es sich rächt, Inder in ein kälteres Klima zu verpflanzen. Auf meiner letzten Reise nach Tibet hatte ich zwei Radschputen aus Kaschmir mit. Als wir in die Berge hinaufkamen, waren sie dem Erfrieren nahe, und mein Karawanenführer Muhamed Isa erklärte, sie seien so nutzlos wie junge Hunde. Ich mußte sie deshalb verabschieden. Ähnlich erging es mir mit meinem indischen Koch; er war außerhalb Indiens völlig unbrauchbar. In Tibet lebt man von Fleisch, in Indien von Vegetabilien. Wie hätte er eine so plötzliche Veränderung des Klimas und zugleich der Diät ertragen können!
Nun berichtete die Presse, die Engländer hätten einen vollständigen Import von Indien nach Europa angeordnet. Es fiel mir schwer, das zu glauben, aber an der Front erfuhr ich, es sei wahr. »Wie behandeln Sie die indischen Soldaten?« fragte ich einmal ein paar Offiziere. — »Wir arretieren sie«, antwortete einer, und ein anderer fügte hinzu: »Das braucht es gar nicht; sie werden bald in den Schützengräben erfrieren.«
Wenn ich zugestehe, daß ich selbst eine Dummheit beging, als ich glaubte, Inder könnten in Tibet Dienste tun, so darf ich wohl behaupten, daß Lord Charles Beresford eine noch siebenmal größere Dummheit beging, als er die Hoffnung aussprach, »indische Lanzenreiter die Berliner Straßen räumen und die kleinen braunen Gurkhas es sich im Park von Sanssouci bequem machen zu sehen.«[*] Aber dieser Import ist mehr als eine Dummheit — er ist ein Verbrechen!
[*] Dieses Zitat ist Professor Steffens Buch »Krieg und Kultur« entnommen, das ich aufs wärmste jedem empfehle, der in die sozial-psychologischen Irrgänge des Weltkriegs eindringen will.