Großbritannien hat bald hundertundfünfzig Jahre glänzend seine Mission erfüllt, Indiens Vormund zu sein; einem andern Volk würde diese Riesenaufgabe kaum so gelingen. Indische Truppen haben mit Ehren gegen ihre Nachbarn gekämpft und dazu beigetragen, die Ordnung unter 300 Millionen aufrechtzuerhalten. Aber niemals ist es einer englischen Regierung eingefallen — »vor dem jetzigen Liberal Government« —, farbige Heiden gegen christliche Europäer zu verwenden! Das ist ein Verbrechen an Kultur, Zivilisation und Christentum. Und wenn die englischen Missionare es billigen, dann sind sie Heuchler und schlechte Verkündiger des Evangeliums. Indiens englische Herren verachten mit Recht alle ehelichen Verbindungen zwischen Weißen und Hindus; die Kinder aus solchen Ehen werden wie Maulesel betrachtet, oft auch so genannt; sie sind weder Pferd noch Esel, sie sind halfcast. In Kalkutta haben sie ihr eigenes Viertel und dürfen in keinem andern Stadtteil wohnen. Aber — wenn es sich darum handelt, die »deutschen Barbaren« niederzuwerfen, dann ist eine Verbindung mit dem bronzefarbenen Volk Indiens für den Engländer gut genug!

Ist es ein des zwanzigsten Jahrhunderts würdiger Fortschritt in Kultur und Zivilisation, daß man die ahnungslosen Inder Hunderte von Meilen über Meer und Land schleppt, um sie auf den Schlachtfeldern Europas gegen die ersten Soldaten der Welt, die deutsche Armee, ins Feuer zu treiben? Wenn diese Frage mit Ja! beantwortet werden kann, bleibe ich doch unerschütterlich bei meiner Auffassung, daß eine solche Handlungsweise der Gipfel der Grausamkeit ist! Grausam nicht gegen die deutschen Soldaten, denn ich weiß, was für Empfindungen die indischen Gegner ihnen einflößen: Verachtung und Mitleid! Auch geht es nicht recht vorwärts mit der »Räumung der Berliner Straßen«, und die Linden von Sanssouci werden wohl kaum über den Kriegerstämmen von den Abhängen des Himalaja rauschen.

Was mögen diese indischen Truppen von ihren weißen Herren denken! Das wird die Zukunft zeigen. Wer etwas von dem Land der tausend Sagen gesehen hat, wer über die Kämme des Himalaja geritten ist, wer im Mondschein beim Tadsch Mahal träumte, wer den heiligen Ganges in grauen Ringen leise an den Kais von Benares vorübergleiten sah, wer entzückt war von dem Zug der Elefanten unter den Mangobäumen in Dekkan, mit einem Wort, wer Indien liebt und die Ordnung und Sicherheit bewundert, die unter der englischen Verwaltung dort herrscht, der bedarf keiner starken Phantasie, um zu begreifen, mit welchen Gedanken die indischen Soldaten zurückkehren werden, und mit welchen Gefühlen ihre Familien und Landsleute in den kleinen engen Hütten an den Abhängen des Himalaja ihren Berichten lauschen werden. Er kann nur mit Schaudern daran denken, denn er muß sich sagen, daß hier im Namen der Zivilisation ein Verbrechen an Zivilisation und Christentum begangen wird.

Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: werden diese indischen Kontingente wirklich gebraucht? Reichen die weißen Millionen Großbritanniens, Kanadas und Australiens nicht zu, von Franzosen, Belgiern, Russen, Serben, Montenegrinern, Portugiesen, Japanern, Turkos und Senegalnegern nicht zu reden? Es scheint wirklich so. In der »Times« vom 5. September liest man in den fettesten Lettern die Überschrift: The need for more men. (Mangel an Leuten.) Schon damals brauchte man mehr Leute, um die »Kultur« der »deutschen Barbaren« auszurotten! Das englische Volk muß mit besonderen Mitteln dazu erzogen werden, Anlaß und Zweck des Kriegs zu begreifen! Sonst bleiben die Engländer zu Hause und spielen Fußball und Cricket.

Und wie steht es nun um diese neue Volkserziehung? Darüber unterrichtet uns die englische Presse täglich. Sie ist eine systematische Lüge! Die verhängnisvolle Wirklichkeit, die England langsam einer Katastrophe zuführt, muß durch eine strenge Preß- und Telegrammzensur verheimlicht werden. Von Hindenburgs Siegen hat das englische Volk keine Ahnung. Die Entwicklung der deutschen Operationen in Polen wird in ein siegreiches Vorrücken der Russen auf Berlin umgedeutet! Über den deutschen Kaiser verbreitet man die schändlichsten Verleumdungen! Die Germanen sind Barbaren, die zerschmettert werden müssen, und an diesem preiswürdigen Unternehmen müssen die zivilisierten Völker Serbiens, Senegambiens und Portugals teilnehmen! England führt den Krieg durch konsequente Fälschung der Wahrheit, die in der englischen Presse so selten ist wie in der deutschen die Lüge.

Aber glaubt denn das Volk wirklich alles, was in den englischen Zeitungen steht? Ja, ganz blind! Davon habe ich mich durch Briefe aus England überzeugen können. Ein mir zugeschickter Aufruf, der von vielen Gelehrten — darunter mehrere Träger des Nobelpreises! — unterzeichnet ist, schließt mit den Worten: »Wir beklagen tief, daß unter dem unheilvollen Einfluß eines militärischen Systems und seiner zügellosen Eroberungsträume der Staat, den wir einmal geehrt haben, jetzt als Europas gemeinsamer Feind und Feind aller Völker, die die Rechte der Nationen achten, entlarvt ist. Wir müssen den Krieg, in den wir uns eingelassen haben, zu Ende führen. Für uns wie für Belgien ist er ein Verteidigungskrieg, der für Freiheit und Frieden durchgekämpft wird.«

Die alte Geschichte vom Splitter und Balken! Ist denn Englands Weltmeerherrschaft kein militärisches System? Läßt sich ein ausgedehnterer Militarismus denken als der, der seine Werbungen über fünf Kontinente ausdehnt? Der sogar nach dem Strohhalm greift, den das republikanische Portugal darreicht, und in den Zeitungen The need for more men annonciert?

Was war denn der Burenkrieg? Vielleicht eine Äußerung derselben humanen »Fürsorge für die kleinen Staaten«, die jetzt England eine Lanze für Belgiens Selbständigkeit brechen läßt?

Es wäre nutzlos, jetzt, wo es zu spät ist, ergründen zu wollen, wie sich der große Krieg würde entwickelt haben, wenn England ruhig geblieben wäre. So viel aber ist sicher, daß Belgien dann seine Selbständigkeit nicht länger eingebüßt hätte als bis zum Friedensschluß. Der Krieg wäre dann auch nicht zu einem Weltkrieg angewachsen wie jetzt — zu der größten und tragischsten Katastrophe, die je das Menschengeschlecht heimgesucht hat. Keine Nation hat je eine größere, weltumfassendere Verantwortung getroffen als England! Und man kann die Männer nur tief beklagen, die vor Gegenwart und Nachwelt diese erdrückende Verantwortung werden zu tragen haben.