Der Weg wird steiniger und zieht sich große Strecken lang auf der Höhe steil abfallender Schuttkegel und Geröllhügel hin, deren Basis vom Flusse bespült wird. Wo Nebentäler einmünden, öffnen sich malerische Perspektiven in das Gebirge hinein. Immer noch kommen Pappeln und Sträucher vor, die Steigung nimmt ein wenig zu, immer häufiger zeigen sich Stromschnellen, und immer lauter rauscht der Fluß. Bei der Talweitung Kulenke-tokai sieht man am rechten Flußufer einen sehr schönen Pappelhain, wo die Kirgisen freundlicherweise eine Jurte für uns aufgeschlagen hatten, da sich hier gerade keine Nomaden befanden, in deren Zelten wir hätten rasten können. Ich zog jedoch vor, die Ankunft der Karawane abzuwarten, um in meinem eigenen „Hause“ zu wohnen.

An diesem Punkte brachten wir den ersten Ruhetag der Reise zu. Es war ein herrlicher stiller Platz, denn die Pferde waren nach Jeilaus (Weideplätzen) in der Nachbarschaft gebracht worden. Der Himmel war trüb, die Temperatur angenehm. Abwechselnd wehte es talaufwärts und talabwärts, und wie eine Einweihungshymne klang es, wenn der Wind in den Kronen der dicht belaubten Bäume rauschte. Man konnte träumen und diesen wohlbekannten Lauten lauschen, die an so manche Ereignisse von früheren Reisen erinnerten. Ich sah in Gedanken den kommenden Jahren entgegen, in deren Schoße so viele seltsame Ereignisse und Abenteuer, so viele harte Schicksale und Entbehrungen, Verluste, Siege und Entdeckungen schlummern sollten! Noch hatte ich das Gefühl der Einsamkeit nicht völlig überwunden, aber die Zeit stählt das Gemüt, und der Mechanismus des Karawanenlebens geht bald seinen vorgeschriebenen Gang. Der Unterschied gegen die zwei vorhergehenden Jahre war recht schroff. Nach dem Aufenthalte im Weltgetümmel und in zivilisierten Verhältnissen war es ein seltsames Gefühl, wieder fort und vergessen zu sein, von der eigenen Sehnsucht verurteilt, im innersten Asien zu verschwinden. Noch am Abend sang es melancholisch in den Pappeln, und in dem unermüdlichen Rauschen des Flusses glaubte ich die alte, wohlbekannte Mahnung zur Geduld, die schließlich zum sicheren Siege führe, wiederzuhören. Jetzt erschien das Ziel noch fern und dunkel, aber jeder Tag würde mich ihm einen Schritt näher führen, und kein Tag würde ohne neue Erfahrungen und Forschungsgewinne vergehen. Still und verlassen lag das Biwak da; kein Rauch deutete auf Feuer, keine Menschen zeigten sich, denn meine Leute gaben sich in der Jurte dem Schlafe hin, nur der Fluß und der Wind störten die feierliche Stille.

Kurz nach Mitternacht fiel Regen, der lustig auf die Zeltleinwand trommelte. Es klang gemütlich und führte gegen Morgen eine ziemlich fühlbare Abkühlung herbei. Die unerwartete Dusche brachte Leben ins Lager, und die Leute waren sofort auf den Beinen, um das draußen stehende Gepäck unter Dach zu bringen.

Gleich hinter dem Lager überschreiten wir ein paarmal den Fluß und halten uns dann meistens auf dem rechten Ufer. Bei Sufi-kurgan läßt man links das Terektal liegen, das nach dem Passe Terek-davan hinaufführt, über den ein näherer, aber schwerer passierbarer Weg nach Kaschgar geht. Oberhalb dieses Tales ist die Wassermenge des Hauptflusses geringer, doch wird das Tal wieder breit, und sein gleichmäßig abfallender Boden hebt sich grau ab gegen die roten Terrassen von Sand, Geröll und Ton, welche das Bett zwischen ihren lotrechten Wänden einschließen. Dann passieren wir am linken Ufer einen kleinen, sanften Bergrücken auf dem Passe Kisil-beles, wo wir im Schatten massiger Artschas rasten. Es ist recht frisch, es geht ein lebhafter Wind, und auf den Bergkämmen fällt leichter Regen. Das Lager dieses Tages wurde in dem offenen Tale Bosuga aufgeschlagen. Wie gestern legten wir 39 Werst zurück; noch sind Werstpfähle längs des Weges angebracht.

Meine Hündchen Dowlet und Jolldasch waren klassische Wesen; sie waren erst ein paar Monate alt und konnten so weite Strecken noch nicht laufen. Wir hatten sie daher in einem Weidenkorbe hinten an meinem Wagen festgebunden. Anfangs waren sie über diese Art zu reisen so erstaunt, daß sie sich ganz still verhielten; bald aber hatten sie sich daran gewöhnt, und Dowlet, der den besten Platz haben wollte, hielt Jolldasch im Zaume und schalt ihn aus, wenn er nicht gehorchte; der Ärmste winselte beständig ganz jämmerlich. Wenn sie im Lager aus ihrem Gefängnis herausgelassen wurden, waren sie überselig und liefen wie die besten Freunde miteinander, aller Beißereien im Korbe vergessend. Schon jetzt fühlten sie sich im Lager heimisch und schliefen nachts neben meinem Bette. Sie hielten recht gute Wacht und bellten wie toll bei dem geringsten verdächtigen Geräusch. Ihre Mahlzeiten nahmen sie stets bei mir ein und entwickelten dabei einen beängstigenden Appetit.

Die Nacht auf den 6. August war recht kalt, und die Minimaltemperatur fiel auf 1 Grad unter Null. Ich mußte Pelz, Filzdecken und Mütze auspacken Die Luftverdünnung dagegen belästigte mich nicht im geringsten, doch merkte man an der sich bei anstrengenden Bewegungen einstellenden Atemnot, daß hier das herrschte, was die Eingeborenen „Tutek“ nennen, das Gefühl, welches man auf Hochpässen empfindet. Der Weg folgt dem Talldikbache aufwärts, manchmal im Bachbette selbst, das man verläßt, um die Abhänge hinaufzuklettern. Nachdem wir verschiedene Nebentäler passiert, beginnt der eigentliche Anstieg, der nicht sehr steil ist, da der Weg in zahllosen Zickzackwindungen angelegt ist. Das Gestein ist schwarzer, stark gefalteter Schiefer. Auf der Höhe des Talldikpasses steht ein mit einem Geländer umgebener Pfahl; zwei gußeiserne Tafeln an demselben verkünden, daß der Paß 11800 Fuß (3617 Meter) hoch ist, 88 Werst von Gultscha liegt und daß der Weg angelegt worden ist, als A. B. Wrewskij Generalgouverneur und N. J. Korolkoff Gouverneur waren. Die Wegarbeiten begannen am 24. April 1893 und endeten am 1. Juli desselben Jahres unter Leitung des Majors Grombtschewskij. Auf der anderen Seite, nach dem Alaitale zu, ist der Abstieg weniger steil. Kein einziger Wacholder überschreitet den Paß; auf der Alaiseite sind die Abhänge ganz unbewaldet.

Am oberen Sarik-tasch verabschiedete ich meinen Arabatschi (Kutscher) und gab ihm ein anständiges Trinkgeld und einen Dolch; er hatte sich gut geführt und den Wagen wohlbehalten bis ins Alaital gebracht. Von jetzt an ritt ich und weihte einen ungarischen Feldsattel aus Budapest ein. Bald sind wir im eigentlichen Sarik-tasch, wo das Paßtal des Talldik in das große, breite Alaital einmündet; dann biegen wir nach Osten ab, die letzten Werstpfähle hinter uns zurücklassend. Im Süden dehnt sich das großartige Gebirgssystem des Transalai aus; die gewaltigen Bergriesen stehen in kreideweißem, hellblauschimmerndem Schneegewande da, und die meisten der höchsten Gipfel sind wolkenumkränzt. Besonders im Westen sind die Wolken zahlreich, und der Pik Kauffmann ist daher unseren Blicken verborgen. Das Alaital ist breit, offen und reich an Weiden, auf denen hier und dort zahlreiche große Agile (Hürden) mit gewaltigen Herden zu sehen sind. Im Osten wird das Tal von Bergen versperrt, über welche der flache Paß Tong-burun führt, der die Wasserscheide und die östliche Schwelle des Alaitales bildet. Alle Augenblicke kreuzen wir flache Ausläufer vom Alai, die sich nach Süden nach dem Zentrum des Tales hinziehen; ein solcher ist der Katta-sarik-tasch. Hinter diesem überschreiten wir den Fluß Schalwa mit einem großen, steinigen Bett, aber wenig Wasser. Vom Transalai mündet hier das ebenso steinige Tal Mäschallä. Diese Talwege und Flüsse vereinigen sich nach und nach, nehmen mehrere andere auf und bilden allmählich ein Haupttal, dessen Fluß Kisil-su heißt.

Unser Rasttag in Äilämä, wo wir auf dem Wege nach Kaschgar die beste Weide für die Pferde finden sollten, war gerade nicht angenehm, denn es regnete in Strömen und der Herbst der Ferganaberge hatte sichtlich schon seinen Einzug gehalten; doch wir mußten uns damit trösten, daß man es bei solchem Wetter unter Dach besser hat als im Sattel.

Der 9. August war ein herrlicher Tag, und der Regenvorrat der Wolken schien jetzt für einige Zeit erschöpft zu sein. Wir stiegen langsam nach dem Tong-burun-Passe hinauf, einem breiten Bel (Paß), der nach Ansicht der Kirgisen kaum als ein Paß zu betrachten ist. Dennoch bezeichnet die kleine Steinpyramide auf der gleichmäßig abgerundeten, flachhügeligen Höhe eine sehr wichtige geographische Grenzmarke, indem sie den höchsten äußersten Ostrand des Alaitales bildet und die Wasserscheide zwischen dem Aralsee und dem Lop-nor, also eine wichtigere Grenze als selbst der Talldik ist, der nur das Gebiet des Sir-darja von dem des Amu-darja trennt. Von diesem Punkte an fällt das Terrain nach dem Lop-nor ab. Der Abstieg wurde den Pferden sauer, einige Lasten rutschten und verursachten Aufenthalt. Die Berge zur Rechten, die östliche Fortsetzung des Transalai, sind uns ganz nahe; sie sind in Schnee gehüllt und die Spitzen von Wolken bedeckt. Hier und da wachsen kleine Wacholder in den Spalten, und die Sor oder Steppenmurmeltiere (Arctomys bobac) sind unzählbar. Am Eingange ihrer Erdhöhlen auf den Hinterbeinen sitzend, betrachten sie die Karawane und verschwinden, sobald man sich ihnen nähert, mit größter Gewandtheit unter schrillem Pfeifen.

Von der Vereinigungsstelle des Kisil-su mit dem Kok-su gelangen wir über mehr oder weniger tiefe Rinnen zum breiten, tiefeingeschnittenen Tale des Nuraflusses, auf dessen linkem Ufer ein Begräbnisplatz liegt, der unter dem Namen Ak-gumbe bekannt ist. Der Nura war jetzt größer als der Kisil-su, sein Wasser ebenso rot wie das des „Roten Flusses“ und recht unangenehm zu durchreiten, da man die tückischen Rollsteine in dem trüben Wasser nicht sehen konnte und mein Pferd daher beinahe kopfüber in die wilde Flut gestürzt wäre. Nicht weit von hier vereinigen sich Nura und Kisil-su zu einem ansehnlichen Flusse, dessen Bekanntschaft wir bald machen werden. Der Pfad ist ein stetes Bergauf und Bergab, bis man von einem letzten Passe in der Tiefe die weißen Mauern der russischen Grenzfestung Irkeschtam mit ihren Türmen und Kasernen, in denen Kosaken Wacht halten, erblickt.