4. Meine erste Karawane. ([S. 10.])
Als ich mich ganz wiederhergestellt fühlte und alles bereit war, wurde die Abreise auf den 31. Juli 1899 festgesetzt. Die Karawane brach frühmorgens auf und lagerte im Dorfe Madi. Nach einem glänzenden Diner bei Oberst Saizeff verließ ich nachmittags Osch, begleitet von meinen Wirten und verschiedenen jungen Damen und Offizieren. In einem Haine bei Madi waren die Zelte aufgestellt, und der Min-baschi der Gegend hatte eine geräumige Jurte (Zelt) mit Stühlen und Tischen hergerichtet, die unter den Delikatessen des Dastarchans (Imbiß) beinahe brachen. In der Dämmerung kehrten meine russischen Freunde nach Osch zurück. Erst jetzt war ich von der Zivilisation abgeschnitten und fühlte, daß ich mich wieder auf der Reise befand. Als abends 9 Uhr die erste Reihe meteorologischer Ablesungen gemacht wurde, war ich wieder im alten Gleise und gedachte der 1001 Nächte, die ich vor nicht langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen im Herzen des großen, öden Asiens verlebt hatte! Jetzt aber bewohnte ich ein prächtiges Zelt aus doppeltem, wasserdichtem Segeltuch, das mit Teppichen geschmückt und mit dem Feldbett und meinen Instrumentkisten möbliert war. Gesund und herrlich war es, wieder im Freien im Zelte zu wohnen, vor mir ganz Asien und eine Welt von Hoffnungen auf neue, wichtige Entdeckungen!
Islam hatte zwei nette junge Hunde, die wirklich hübsch zu werden versprachen, angeschafft; der eine, ein Hühnerhund, hieß Dowlet (Reichtum), der andere, ein asiatischer Wilder von gemischtem Blute, hörte auf den Namen Jolldasch (Reisegefährte). Sie wurden an mein Zelt angebunden, um allmählich daran gewöhnt zu werden, daß sie dessen treue Wächter sein müßten, was nicht viele Tage dauerte. Ich hatte diese Hunde so lieb, daß mir später ihr Verlust den tiefsten Schmerz bereitete.
Die Karawane bestand aus Islam Bai als Führer, Kader Ahun und Musa, Dschigiten (Kuriere) aus Osch, die für 15 Rubel monatlich angeworben waren, und vier Karakeschen (Pferdewärtern), welche die 26 Pferde begleiteten, die ich für 8 Rubel pro Stück für die ganze Wegstrecke bis Kaschgar (450 Kilometer) gemietet hatte. Die Leute hatten zwei Zelte, um welche das Gepäck ganze Bastionen bildete. Die ersten Tagereisen, soweit die neuangelegte Fahrstraße reicht, zog ich es vor, im Wagen zu fahren.
Am Morgen des 1. August dauerte es ziemlich lange Zeit, bis die Karawane marschfertig war. Es handelte sich darum, die Kisten und sonstigen Lasten genau abzuwägen, so daß sie paarweise gleiches Gewicht hatten und bequem auf dem Packsattel des Pferdes lagen.
Gleich hinter Madi wird die Landschaft durch die ersten Aule (Zeltdörfer) von Ferganakirgisen inmitten großer Herden von Schafen, Ziegen, Rindern, Kamelen und Pferden belebt. Besonders die Frauen mit ihren roten Gewändern, ihren Schmucksachen und hohen, weißen Kopfbedeckungen erregen Aufmerksamkeit. In Bir-bulak mit seinen russischen Häusern und Aulen machten wir den ersten Halt.
Die nächste Tagereise führte uns über den kleinen Paß Tschiger-tschig. Kirgisische Reiter griffen in lange, an der Deichsel befestigte Seilschlingen vor den Pferden meines Phaethons, und munter ging es die Paßhöhe hinauf. Aber die Fahrt abwärts, wo es viel steiler ist und der Weg in unzähligen Zickzackkrümmungen hinläuft, ist recht waghalsig. Würde nicht das eine Hinterrad gebremst, so würde der Wagen schneller hinabrollen, als es für den Fahrenden gut wäre.
Das klare Wasser des Baches Ile-su rauscht herrlich zwischen Steinen und Büschen dahin und bildet oft schäumende Kaskaden. Das Tal öffnet sich, vor uns zeigt sich Gultscha mit seinen leicht zu zählenden russischen Häusern, dem Fort mit einer Sotnja (100 Mann), den Kasernen, der letzten Telegraphenstation und dem Basare, umgeben von schlanken Pappeln. Der kleine Ort liegt am rechten Ufer des Kurschab- oder Gultscha-darja, der ziemlich wasserreich ist, obgleich die Tiefe 80 Zentimeter nicht übersteigt.
Der am rechten Ufer des Gultscha-darja weiterführende Weg ist vortrefflich, obgleich er bergauf und bergab geht; er wird aber auch jährlich sorgfältig unterhalten und muß jeden Frühling ausgebessert werden, weil er, namentlich an den Pässen, durch Lawinen und durch die Schneeschmelze zerstört wird. Die Brücken sind aus Holz und befinden sich an schmalen Stellen, bei denen eine einzige Spannung genügt ([Abb. 3]). Welch ein Unterschied gegen die schlechten, schwankenden Stege, die für die Bedürfnisse der Kirgisen genügten und die ich während meines früheren Besuches kennen lernte. Seitdem hat der Weg strategische Bedeutung erhalten; er geht durch das Alaital nach Bordoba (Bor-teppe) und von da über den Kisil-art und Ak-baital nach Pamirskij Post. Man kann jetzt den ganzen Weg fahren und Proviant, Bauholz usw. auf Karren nach den Ufern des Murgab bringen; selbst mit Artillerie kann man nun das öde Gebiet von Pamir durchkreuzen. An mehreren Stellen, wie Bordoba und Kara-kul, hat man steinerne Stationsgebäude erbaut. Sie liegen im Terrain so maskiert, daß man ahnungslos daran vorbeireiten würde, wenn man ihre Lage nicht kennte. Sie enthalten heizbare Zimmer mit Proviant usw., wo Reisende und Dschigiten im Winter oder bei Schneestürmen eine erwünschte Freistatt finden sollen. Die kleinen Herbergen und Hütten, in denen ich im Februar 1894 übernachtete, waren eingegangen.
Hier und da steht noch eine Pappel (Terek). Der Artscha (Wacholder) beginnt an den Abhängen aufzutreten. Wir sehen viele, gar nicht scheue Rebhühner. Bei Kisil-kurgan (rote Festung) steht ein kleines Lehmfort, wo die Kirgisen uns Tee vorsetzten. Ein wenig davon entfernt rastete ich im Schatten eines herrlichen Pappelhains, um die Karawane zu erwarten, und erfreute mich im Wagen des schönsten Schlafes, den ich seit langem genossen. Er war mir auch nötig, denn des bewegten nächtlichen Lebens und des Lagerlärms war ich noch ungewohnt. Doch nach einer Stunde weckten mich Rufe und Pfiffe: unsere stattliche Karawane marschierte vorbei ([Abb. 4], [5]). An der Spitze ritt ein Mann auf einem Esel und führte die drei Pferde, welche meine kostbaren Instrumentkisten trugen. Die übrige Karawane ist in drei Abteilungen geteilt, jede von einem Dschigiten überwacht, während einige Männer zu Fuß gehen, um die Lasten, die herunterrutschen oder nicht im Gleichgewicht sind, zurechtzurücken. Kader Ahun reitet hinterdrein; ihn begleitet ein neuangeschaffter, noch angebundener Karawanenhund. Fröhlich klingen die Glocken und geben ein gellendes Echo. Der lange Zug verschwindet hinter einem Hügel, taucht wieder auf und entschwindet wieder meinen Blicken, indem er langsam einen steilen Hang hinabzieht. Aber bald hole ich ihn ein.