Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, war es mir eine große Freude, meinen alten treuen Diener Islam Bai ([Abb. 2]) dastehen zu sehen, ebenso ruhig und sicher wie sonst; im blauen Chalate mit der von König Oskar von Schweden verliehenen goldenen Medaille auf der Brust. Er war sich gleich geblieben, sah gesund und kräftig aus, war aber freilich älter geworden, und sein Bart war ergraut; er selbst meinte, er sei ein Greis geworden. Ich begrüßte ihn herzlich; dann unterhielten wir uns drei Stunden lang, teils über seine vier Monate lange Heimreise von Urga im Jahre 1897, teils über die bevorstehende Reise. Islam erfaßte meine Pläne mit dem lebhaftesten Interesse. Es war mir eine Beruhigung, ihm jetzt das ganze Gepäck anvertrauen zu können, das er auf Arben (Wagen) nach Osch führte. Von diesem Tage an wurde er wieder mein Karawan-baschi (Karawanenführer); er kannte von früher her genau meine Reisegewohnheiten und Wünsche und besorgte alles, was zur Karawanenausrüstung gehörte. — Armer Islam Bai! — Mit den schönsten Hoffnungen traten wir zusammen jene lange Reise an, die für ihn auf so beklagenswerte, unglückliche Weise enden sollte!
Erstes Kapitel.
Über den ersten Paß des Kontinents.
In Osch verlebte ich zwei sehr angenehme Wochen bei Oberst Saizeff, meinem vortrefflichen Freunde aus Pamir, und im Kreise seiner liebenswürdigen Familie. Er war jetzt Ujäsdnij natschalnik (Distriktschef) über den Distrikt Osch, der 175000 Einwohner zählt, während seine Hauptstadt von 35000 Sarten, 150 Russen und 800 Mann Garnison bewohnt ist. Die einzige Unbequemlichkeit während meines Aufenthalts in Osch war eine heftige Augenentzündung. Doch ich verlor nicht viel durch diesen unfreiwilligen Arrest, denn Islam Bai ordnete unterdessen das Gepäck, stellte die Karawane zusammen, mietete Diener, ließ zwei Zelte anfertigen und besorgte die notwendigen Einkäufe. Einmal besuchten Saizeff und ich Islam in seinem Heim, einer einfachen, ärmlichen Lehmhütte in der Sartenstadt, wo er auf eigenem Grund und Boden mit seiner Frau und fünf Kindern wohnte, unter die ich Goldmünzen und andere Geschenke verteilte, um sie über die bevorstehende Trennung von dem Gatten und Vater zu trösten. Auf der vorigen Reise hatte Islam monatlich 25 Rubel erhalten; jetzt wurde sein Lohn auf 40 erhöht, was für einen Asiaten, der überdies ganz freie Station hat, eine bedeutende Summe ist. Der Lohn des ersten Jahres wurde als Vorschuß Oberst Saizeff eingehändigt, der davon monatlich 10 Rubel an Islams Familie auszahlte.
1. Das englische Faltboot auf dem Panggong-tso in Westtibet. ([S. 2.])
2. Islam Bai. ([S. 7.])
3. Brücke oberhalb Gultscha. ([S. 10.])