Die Fahrt ging über Moskau, Woronesch und Rostow am majestätischen Don und weiter nach Wladikawkas, denselben Weg, den ich bei meiner ersten Reise 1885 zurückgelegt hatte. Von da führte der Weg über das langweilige Petrowsk und über die weite Fläche des Kaspischen Meeres nach Krasnowodsk, einem der trübseligsten Orte, die man sich denken kann.
Kriegsminister General Kuropatkin hatte die große Freundlichkeit gehabt, telegraphisch in Krasnowodsk Befehl zu erteilen, daß mir zur Reise nach Andischan ein ganzer Eisenbahnwagen zur Verfügung gestellt werde. In diesen wurde all mein Gepäck verstaut, und ich selbst hatte es so bequem wie in einem Hotel. Da mein Wagen der letzte im Zuge war, konnte ich von seiner hinteren Plattform aus den Blick über die öde Landschaft schweifen lassen. Ich hatte die Schlüssel zum Wagen und war von den übrigen Leuten im Zuge vollkommen isoliert. Daher konnte ich bei der drückenden Hitze so leicht gekleidet als nur denkbar umhergehen und mich ab und zu im Toilettezimmer an einer Dusche erfrischen.
Am 7. Juli verließen wir nachmittags 5 Uhr die Küste des Kaspischen Meeres, rollten in den asiatischen Kontinent und verloren uns in der öden Steppe. Um Mitternacht fiel die Temperatur, die mittags in Krasnowodsk 37 Grad im Schatten betragen hatte, auf 28 Grad, und die Lebensgeister, die in der Hitze eingeschlummert waren, wachten wieder auf. Am Nachmittag des 8. Juli erreichten wir Aschabad, wo ich Oberst Svinhufvud traf, den ich von meiner vorigen Reise her kannte und der hier Bahnhofsinspektor war.
Ich muß eine kleine Episode von meinem neuen Zusammentreffen mit diesem sympathischen, heiteren Finnen einschalten. Ich bat ihn, nach Merw Auftrag zu geben, daß mein Wagen dort vom Zuge abgekoppelt und bei der ersten Gelegenheit an einen nach Kuschk bestimmten Zug angehängt werde. Auf der Reise durch Transkaspien war ich nämlich auf den Gedanken gekommen: warum sollte ich mir nicht das berühmte Kuschk und die Grenze gegen Herat ansehen, da auf meiner Fahrkarte doch klar und deutlich geschrieben stand: „Mit allerhöchster Erlaubnis wird Dr. Sven Hedin freie Reise und freie Gepäckbeförderung auf allen russischen Bahnen in Europa und Asien bewilligt“!
Oberst Svinhufvud lächelte freundlich, nahm aus seinem Taschenbuch ein Telegramm vom Kriegsministerium und las. „Im Falle, daß Dr. Sven Hedin beabsichtigt, sich nach Kuschk zu begeben, teilen Sie ihm mit, daß dieser Weg allen Reisenden verschlossen ist.“
Damit war die Sache entschieden. In meinem Herzen dachte ich, daß das russische Kriegsministerium sehr klug handelt, wenn es einen Punkt, der in strategischer Hinsicht von großer Bedeutung ist, so scharf bewacht. Ich erfuhr auch, daß diese Seitenbahn nicht einmal Russen offen steht; nur Militärpersonen, die nach der Festung Kuschk kommandiert sind, dürfen sie benutzen.
Am 9. Juli, um 2½ Uhr morgens, waren wir in Merw, von wo die neue Bahnlinie südwärts nach Kuschk abgeht. In der Oase Tschar-dschui mit ihrer lebhaften Station war die Ankunft unseres Zuges das große Ereignis des Tages. Gleich hinter der Station Amu-darja rollte der Zug auf der gewaltigen Holzbrücke über den gleichnamigen Fluß, was volle 26 Minuten dauerte. Als ich 1902 zurückkehrte, war die neue Eisenbrücke fertig.
Nach kurzer Fahrt war ich in Samarkand mit seinem reichen Vegetationsgebiete, das ich am Morgen des 10. Juli verließ. Hinter Dschisak hatten wir die einförmige, ebene Steppe zu kreuzen. Die Stationen heißen nach Generalen, die in der Geschichte des Landes eine Rolle gespielt haben, Tschernajewa, Wrewskaja usw. Schließlich rollt der Zug über den Sir-darja, und man ist in Taschkent, der Hauptstadt Turkestans, mit ihrem großen, lebhaften Bahnhofe, dessen Bedeutung noch größer wird, wenn in ein paar Jahren die Bahnstrecke Orenburg-Taschkent fertig ist.
Nach einem Besuche beim Generalgouverneur und bei alten Freunden und nachdem ich im Observatorium meine Chronometer verglichen hatte, verließ ich am Abend des 12. Juli Taschkent wieder.
Hinter Tschernajewa fährt der Zug das Ferganatal hinauf. Im Süden zeigte sich die turkestanische Bergkette, die bald in den Alai mit seinen schneebedeckten Kämmen und Gipfeln übergeht. In Dörfern oder wo Wege die Bahnstrecke kreuzen, haben sich manchmal Sarten versammelt; sie haben sich noch nicht ganz mit der seltsamen, schnellen „Maschina“, die auf dem „Temir-joll“ (Eisenbahn) dahinsaust, befreundet. Um 9 Uhr erreichten wir Andischan, den Endpunkt der zentralasiatischen Eisenbahn.