Abends schoß Tschernoff ein paar prächtige Rebhühner, die uns gut zustatten kamen. Die Fleischverproviantierung ist nämlich während der heißen Jahreszeit stets eine heikle Frage. Ich hatte mit Kirgui Pavan und zwei anderen Jägern, die Jardang-bulak kannten, vereinbart, daß sie sich dort mit fünf Schafen nebst Hühnern und Eiern einfinden sollten. Da sie jedoch nichts von sich hören ließen, konnten wir nicht länger warten. Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, daß sie zwar aufgebrochen waren, sich aber in der Wüste verirrt und während des Sturmes drei Schafe verloren hatten. Die übrigen waren halbtot, als sie endlich Jardang-bulak erreichten, wo sie auch unsere Feuerstelle fanden; da war es aber zu spät, und sie traten daher den Rückweg nach Tikkenlik an. Wir regten uns aber ihres Nichtkommens wegen nicht auf, denn wenn wir nur wohlbehalten den Kara-koschun erreichten, brauchten wir keine Not zu leiden.

Zwanzigstes Kapitel.
Das gelobte Land des wilden Kamels.

Abdu Rehim gab mir manche Auskunft über die Eigenschaften des wilden Kamels, die mit dem übereinstimmte, was ich 1896 von dem alten Kameljäger am unteren Kerija-darja darüber erfahren hatte.

In der gegenwärtigen Jahreszeit muß das Kamel alle acht Tage saufen, im Winter aber kann es zwei Wochen dursten. Doch kann es auch im Sommer das Wasser einen halben Monat entbehren, wenn es saftige Weide hat. Daß es den Durst im Winter nicht länger als 14 Tage ertragen kann, hat seinen Grund darin, daß das Futter dann vertrocknet ist. Die Tiere kennen die Lage der Quellen so genau, als richteten sie sich nach Karte und Kompaß. Die Jungen sind von ihren Müttern dorthin geführt worden, und die Reliefverhältnisse des Terrains verwachsen mit ihrem Bewußtsein. Auch stark salzhaltiges Wasser saufen sie mit großem Behagen. Zwischen Tamarisken und im Schilfe, wie auch überall, wo der Schütze Deckung findet, kann er gegen frischen Wind bis auf 30 Schritt an das Tier herankommen, und im allgemeinen schießt er nicht gern aus größerer Entfernung als 50 Schritt.

Der Geruch ist der feinste Sinn des Kamels, und es soll den Menschen in einer Entfernung von 20 Kilometer wittern können; wenn es merkt, daß etwas nicht geheuer ist, entflieht es mit Windesschnelle. Gleich seinen Vettern am Kerija-darja hegt es große Furcht vor dem Rauche von Lagerfeuern. Es flieht auch vor dem zahmen Kamele mit Packsattel, ja selbst, wenn dieser abgenommen ist, denn es wittert sogleich den fremden Geruch des zahmen Kamels. Dagegen war es bisweilen vorgekommen, daß junge, noch nicht zur Arbeit verwendete Kamele sich in wilde Herden hineinverirrt und dort Aufnahme gefunden hatten. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Abdu Rehims Bruder ein seinem Vater gehöriges Kamel in dem Glauben, es sei ein wildes, geschossen. Im großen und ganzen scheinen die Kamele des Kurruk-tag dieselben Eigenschaften zu haben wie die vom Kerija-darja. Sie vermeiden bewohnte Gegenden sowie Stellen, welche Menschen, wenn auch noch so selten, passieren. In Verbindung hiermit sei erwähnt, daß nach Prschewalskij wilde Kamele in der Kum-tag-Wüste östlich vom Sumpfe des Kara-koschun häufig vorkamen. Jetzt fehlen sie in dieser Wüste oder sind wenigstens sehr selten geworden, was seinen Grund in dem Austrocknen des Sees, wie auch darin haben kann, daß die noch vorhandenen Wasserflächen bewohnten Gegenden zu nahe liegen.

Die wilden Kamele nähern sich einem Platze, wo Jäger gelagert haben, für längere Zeit nicht wieder. Abdu Rehim glaubte, sie würden nicht eher als nach dem nächsten Regen wieder nach Jardang-bulak kommen oder dort wenigstens nicht eher weiden, als bis die Stelle reingewaschen und jede Spur unserer Feuer fortgeschwemmt worden sei. Im allgemeinen bleibt die Kamelherde bloß 2–3 Tage an einem Platze mit Weide und sucht dann einen anderen auf. Nach einer Quelle gehen sie nur, um zu trinken, und bleiben nie länger dort, selbst wenn die Weide noch so gut ist. Mein Gewährsmann behauptete, dem Kamele sage sein Instinkt, daß es bei den Quellen die größte Gefahr laufe, mit Menschen zusammenzutreffen. Wenn es solche gesehen oder gewittert hat, flieht es mehrere Tage ohne Aufenthalt, bewerkstelligt seinen Rückzug aber im ganzen mit großer Ruhe. Findet es auf der Flucht Weide, so hält es sich dort eine Weile auf und frißt sich satt, bevor es weiterläuft. Wenn die Nacht hereinbricht, legt es sich neben eine Tamariske, wo der Boden weich ist, und setzt seine Flucht erst fort, wenn es wieder hell ist. Es frißt alles mögliche aus dem Pflanzenreiche, am liebsten aber trockene, losgerissene, vom Winde verwehte Grasbüschel. Auch die Weideplätze findet es mit überraschender Sicherheit auf und begibt sich in gerader Linie vom einen zum anderen, selbst wenn sie mehrere Tagemärsche weit voneinander entfernt liegen und die Gegend keine Anhaltspunkte für die Orientierung zu bieten scheint.

Während der Brunst, die in die Monate Dezember, Januar und Februar fällt, kämpfen die Männchen förmliche Schlachten. Sie beißen sich, wo sie sich nur treffen. Der im Streite Unterliegende muß oft einsam und allein abziehen, während dem Sieger dann bis zu acht Weibchen zufallen können. Geraten zwei gleich starke Männchen aneinander, so trennen sie sich nicht eher, als bis eines oder beide kampfunfähig geworden sind. Sie richten einander mit den Zähnen gräßlich zu und ziehen sich blutig und zerbissen zurück; oft reißen sie einander ganze Fleischstücke aus dem Leibe, und selten trifft man ein ausgewachsenes Männchen, das nicht durch scheußliche Narben entstellt ist.

Oft stößt man auf einzelne Kamele, auch auf Paare; aber Herden von 4 oder 6 Tieren sind die Regel, während Herden von 12–15 selten sind; stets ist jedoch ein starkes Männchen der Führer. Das zahme Kamelweibchen geht ein Jahr lang trächtig, bei dem wilden soll es 14 Monate dauern. Man ist der Ansicht, daß das zahme jeden 18. Monat ein Junges gebären kann, und zwar zum ersten Male im Alter von 8 und zum letzten Male mit 15 Jahren. Das Junge wird 40 Tage gesäugt, ehe es Gras fressen lernt, setzt das Säugen aber noch über ein Jahr fort. Bevor es anderthalb Monate alt ist, kann es mit dem Maule kaum an die Erde kommen. Bei den wilden soll es ebenso sein.

Das zahme Kamel ist bis zum Alter von 20 Jahren arbeitsfähig. Das wilde soll 50 Jahre alt werden, was jedoch unsicher und unwahrscheinlich ist. Doch Abdu Rehim hatte einmal in den Muskeln eines alten Kamelmännchens eine mongolische Kugel gefunden, deren Form erkennen ließ, daß sie dort 40–50 Jahre gesessen haben mußte, denn solange bedienten sich die Mongolen schon nicht mehr solcher Kugeln. Seinen Beschreibungen nach schienen die Kamele der Berge schwerer zu schießen zu sein als die der Takla-makan. Tschernoff glaubte, dies könne darauf beruhen, daß die Jäger des Landes weniger reichliche Pulverladung in ihren Flinten haben als wir und daß ihre Waffen unvollkommener sind. Die Kugel dringt nicht tief genug ein und bleibt oft sitzen, ohne ein empfindliches Organ verletzt zu haben.

Zwischen Jardang-bulak und Chami kommt das wilde Kamel überall vor. Es geht nach Westen hin nie über den Weg zwischen Jing-pen und Turfan hinaus. Unser Lager Nr. 6 (am 13. März) kann als sein westlichster Verbreitungspunkt im Bette des Kurruk-darja betrachtet werden. Im Kurruk-tag findet man es am häufigsten im Tale von Altimisch-bulak und östlich von diesem. Es ist aber ein unruhiges Tier, das ein Nomadenleben im großen Stile führt.