Auch heute rasteten wir in einer absolut öden Gegend, aber wir hatten sieben Tulume (Schläuche von Ziegenleder) voll Eis mitgenommen, von denen zwei täglich draufgingen, wenn die Kamele nichts erhielten.

Am 15. März herrschte wieder starker Ostwind. Seine Geschwindigkeit betrug nur 7 Meter in der Sekunde, aber er machte sich bei −1,1 Grad um 7 Uhr morgens fühlbar und drang durch unsere dünnen Frühjahrsanzüge. Selbst wenn man den halben Tag zu Fuß geht, kann man nicht warm werden. Um 1 Uhr stieg die Temperatur nur auf +6,8 Grad. In Jing-pen hatten wir bei Westwind +21,4 Grad gehabt. Es ist wahrscheinlich, daß dieses Verhältnis mit der verschiedenen Erwärmung des Kontinents in enger Verbindung steht. Im Jahre 1897 hatte ich in der östlichen Mongolei um diese Jahreszeit noch einen bitterkalten Winter mit tiefem Schnee gehabt. In den zentralen Wüsten dagegen bildet sich ein barometrisches Minimum, das seine Saugkraft auf die Randgebiete ausübt. Diese Ungleichheit des Luftdrucks ist im Frühling am größten und gleicht sich im Sommer aus. Daher treten im Lopgebiete im Frühling heftige östliche und nordöstliche Stürme ein.

Abdu Rehim kannte eine Quelle in den niederen Bergen, die wir seiner Ansicht nach besuchen mußten. Wir verließen daher den Kurruk-darja bis auf weiteres und schlugen den Weg nach Nordosten ein. Nachdem wir einen niedrigen Bergrücken passiert hatten, erblickten wir eine ausgedehnte offene Arena. Im Norden derselben sah man merkwürdigerweise kaum etwas vom Gebirge, so niedrig sind die Hügel, die sich auf dieser Seite schwach abzeichnen. Mitten in diesem flachen Kesseltale finden wir die Oase Oi-köbruk, wo Kamisch wächst. Wasser gibt es jedoch nicht, und die Vegetation lebt von den Regenfluten, die sich dann und wann hier ansammeln.

Spuren von wilden Kamelen kamen jetzt in solcher Menge vor, daß wir ihnen kaum noch Aufmerksamkeit schenkten. An einer Stelle hatte vor ein paar Tagen ein großes Tier im Sande gelegen und sich dort behaglich eingewühlt. Wahrscheinlich waren alle diese Wanderer auf dem Wege von oder nach Jardang-bulak gewesen, dem einzigen Punkte der Gegend, wo Wasser offen zu Tage tritt.

Ein Kamm, bestehend aus einer grobkristallinischen Gesteinsart, durchzogen von Diabasgängen, alles stark verwittert, trennte uns noch von Jardang-bulak, und nachdem wir ein unfruchtbares Gebiet überschritten hatten, lagerten wir in dem Talgange dieser Quelle.

Hier wächst auf einem ganz kleinen Flecke üppiges Schilf. Es war der eine von den beiden Plätzen, wo wir Weide und Wasser finden sollten; daher beschlossen wir, den Tieren hier zwei Ruhetage zu gewähren. Drei andere ähnliche Quellen — doch ohne nennenswerte Vegetation — liegen ganz in der Nähe. Unsere Quelle heißt Atschik (die bittere). Das Wasser derselben rieselt in einer Erosionsfurche zwischen niedrigen Granitplatten hin und trägt eine dezimeterdicke Eisdecke, deren Oberfläche wilde Kamele und Antilopen, die hier zur Tränke gegangen sind, beschmutzt haben. Das Eis mußte daher gewaschen werden, ehe wir es verwenden konnten, aber sein Schmelzwasser war vorzüglich und hatte keinen Beigeschmack, obwohl das Aräometer in dem Quellwasser direkt am Ursprung 1,012 spezifisches Gewicht zeigte.

Abdu Rehim, unser Wegweiser, ist ein gewaltiger Kameltöter; er benutzte daher den ersten Rasttag zu einem Jagdausfluge. Er blieb vierzehn Stunden fort und erzählte bei seiner Rückkehr, daß er auf ein großes männliches Kamel gestoßen sei, welches er, nach der blutigen Spur zu urteilen, schwer verwundet habe. Der Jäger hatte das Wild bis weit über den Kurruk-darja hinaus verfolgt, und es war ihm dabei mehrmals gelungen, sich dem Tiere bis auf 300 Schritt zu nähern, welcher Abstand für asiatische Flinten jedoch zu groß ist. Schließlich war das Kamel südwärts nach den ersten Sanddünen gelaufen, wo es Abdu Rehim bald aus den Augen entschwand, und da es auch zu dämmern begann, hatte er umkehren müssen. Er sagte, daß die Kamele, wenn sie verwundet worden sind, stets südwärts nach der offenen Wüste laufen, und glaubte, daß sie sich auch dann, wenn sie den Tod auf natürliche Weise kommen fühlen, nach den Dünen begeben, um dort ihr Grab zu finden. Er glaubte dies, weil er in den Bergen des Kurruk-tag selten oder nie Kamelgerippe gefunden hatte. Vielleicht wissen sie, daß, wenn ihr Todeskampf lang wird, sie sicher sein können, ihn in der Sandwüste in Ruhe auszukämpfen, während sie im Gebirge Belästigungen leichter ausgesetzt sein würden.

Abdu Rehim hatte auch ganz frische Spuren einer Herde von sieben Kamelen gesehen, eines alten Männchen mit zwei Weibchen und vier Tailak (Jungen).

Besser glückte es Tschernoff. Frühmorgens hörte ich die Männer äußerst lebhaft, aber mit leiser Stimme davon reden, daß die Hunde angebunden werden müßten. Darauf wurde es ganz still, und dann krachten dicht beim Lager fünf Schüsse. Mit dem Winde hatte sich ein Kamel, ohne einen Hinterhalt zu ahnen, der Quelle genähert. Tschernoff und Chodai Kullu legten an, aber das Kamel machte kehrt und entfloh, nur leicht verwundet, in östlicher Richtung. Tschernoff verfolgte es; das Tier blieb bisweilen stehen und betrachtete ihn neugierig. Auf 500 Schritt Entfernung wurde ein letzter Schuß abgefeuert und traf aufs Blatt. Das Kamel lief langsam nach Süden, fiel ein paarmal, erhob sich wieder und brach schließlich, als die Jäger ihm schon ganz nahe waren, etwa 2 Kilometer vom Lager tot zusammen ([Abb. 79]).

Es war ein junges Weibchen. Es hatte eine sehr weiche, feine Wolle, die jetzt, zu Anfang der Zeit des Haarens, beinahe von selbst abfiel; die Männer sammelten sie, um Schnüre und Stricke daraus zu drehen. Darauf wurde das Tier zerlegt; sein Fleisch war uns sehr willkommen, da unser Vorrat an Schaffleisch, das in den letzten Tagen schon etwas verdorben gewesen war, jetzt gerade ein Ende genommen hatte. Die Hunde hielten von den Fleischresten und Eingeweiden einen Festschmaus, und die Füchse der Gegend werden sich gewiß auch noch eingestellt haben. Am Tage darauf kreiste ein Geier über dem Platze, wo das arme Tier den Tod gefunden hatte. Abdu Rehim glaubte, daß die wilden Kamele die Gegend, wo einer ihrer Kameraden gefallen war, noch lange scheuen würden. Zum Vergleich mit dem erbeuteten Kamele habe ich eines unserer zahmen Kamele mit abgebildet ([Abb. 80]). Dieses Tier hatte schon 1896 an meinem Zuge durch die Kerijawüste und zum Lop-nor teilgenommen; es starb 1901 im Innern von Tibet.