In der Dämmerung schien der Sturm des Tobens überdrüssig zu sein, er schien sich die Sache zu überlegen und Atem schöpfen zu wollen; die Luft klärte sich für ein paar Minuten auf. Es berührte uns ganz eigentümlich, als wir uns überzeugten, was für Irrtümer man beim Schätzen vertikaler und horizontaler Dimensionen begeht, wenn man überall von Nebel umgeben ist. Wir hatten in einer Talmulde zu lagern geglaubt und fanden nun, daß wir uns inmitten eines wenig kupierten Geländes befanden.
Da pfiff es schon wieder um die Ecken und heulte und sauste um meine Höhle, wo ich wie in Nacht und Nebel verschwand. An Kochen des Essens war nicht zu denken, und ich mußte mich mit Wasser und Brot und dem Inhalte einer Konservendose begnügen.
Maschka und Jolldasch rollten sich jeder in seiner Zeltecke zusammen. Als ich beim Scheine der Laterne in meinem Tagebuche schrieb, trocknete die Tinte sofort von dem darauf fallenden Sand, und die Feder kratzte und quietschte in den kleinen Dünen, die sich auf dem Blatte bildeten. Die ausgepackten Sachen waren nach einer halben Stunde total verschwunden. Es war nicht besonders angenehm, sich in diesem Gestöber von Sand, von dem auch das Bett voll war, entkleiden zu müssen, und es war in der schwülen, staubschweren Luft zum Ersticken.
Woher kamen wohl diese Milliarden von Kubikmetern Luft, und wo zogen sie hin? Welche Kräfte verursachten eine so revolutionäre Umwälzung in der Atmosphäre? Hatte dies seinen Grund darin, daß die westlichen Wüsten schon stärker von der Sonne erwärmt worden waren als die östlichen, welche daher Luft liefern mußten, um den durch die aufsteigende warme Luft entstandenen leeren Raum zu füllen? Oder war es eine lokale Erscheinung, ein Wind, der kaskadenartig vom Kamme des Kurruk-tag herabstürzte, um auf anderen, höheren Bahnen wieder dorthin zurückzukehren, nachdem er hier unten die Erdoberfläche nur gestreift hatte. Man konnte es nicht wissen; sicher aber ist, daß der Wind in diesen Gegenden die stärkste physische Kraft ist, die an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeitet.
14. März. Die Minimaltemperatur sank auf −7,1 Grad, und obgleich der Sturm bedeutend nachgelassen hatte, war es doch schneidend kalt; es war notwendig, ein ordentliches Feuer von Baumstämmen anzuzünden und dann eine tüchtige Strecke zu Fuß zu gehen — hatte ich doch meine Pelze zur Unzeit heimgeschickt.
Im Südosten des Lagers war das Bett des Kurruk-darja an ein paar Stellen noch feucht; dort wuchsen lebende Tamarisken und etwas Schilf, der Wald auf den Ufern aber war tot, teils noch auf der Wurzel stehend, teils schon umgefallen. Wir verirrten uns in einem wüsten Durcheinander von Lehmterrassen mit scharfen Kanten. Die Eingeborenen nennen sie „Jardang“, ein bezeichnender Name, dessen ich mich fernerhin auch bedienen werde. In einem solchen Terrain zu wandern, ist ermüdend und zeitraubend; man muß unausgesetzt hinauf und wieder hinunter von diesen Terrassen, die ursprünglich vom fließenden Wasser erodiert, dann aber vom Winde phantastisch und launenhaft geformt worden sind. Daher ist es nicht immer ganz leicht, ein fortlaufendes Flußbett zwischen diesen Jardang herauszufinden und zu verfolgen. Sie scheinen sich weit nach Süden hinzuziehen, wo nur ein paar isolierte Sanddünen aus der ebenen Wüste emporragen.
Weiterhin überschreiten wir wieder ein paar gut erhaltene Flußkrümmungen, deren Ufer dichter toter Wald begleitet. Die liegenden Stämme sind gewöhnlich dicker als die stehenden, die Wind und Wetter mehr ausgesetzt und der vernichtenden, feilenden Einwirkung des Flugsandes direkt preisgegeben sind. Sie stehen da wie balsamierte Mumien ehemaliger Bäume, und die Landschaft gleicht oft einem Stoppelfelde von riesigen Dimensionen. Nur längs des Laufes des Kurruk-darja tritt dieser tote Wald auf, der seinerzeit von dem trügerischen Wasser des Flusses gelebt hatte und abgestorben war, als dieses sich einen südlicheren Ablauf suchte und die neuen Seen Kara-buran und Kara-koschun bildete.
Unmittelbar zur Linken haben wir die äußersten Vorberge des Kurruk-tag. Ihre unterste Terrasse bot uns einen ebenen, bequemen Weg. Eine dominierende Bergpartie heißt Tschartschak-tag (der Berg der Müden), weil Tausende von chinesischen Soldaten, die von Turfan nach dem neuangelegten Tscharchlik kommandiert worden waren, hier gelagert und, nachdem sie ihren ganzen Proviant verzehrt, Uniform und Gewehr weggeworfen haben und nach Turfan durchgebrannt sein sollen.
Rechts zieht sich noch immer das Bett des Kurruk-darja hin, links ein anderes, dessen linke Uferterrasse außerordentlich scharf ausgeprägt ist. Wir gehen demnach auf einer langen, schmalen Erhöhung zwischen zwei Betten, von denen das linke älter ist als der Kurruk-darja; dies sah sogar Abdu Rehim ein, der wußte, daß es sich noch eine weite Strecke nach Osten erstreckte. Manchmal lichtet sich der tote Wald, und seine noch aufrechtstehenden Stämme haben von fern täuschende Ähnlichkeit mit Telegraphenstangen. In vor dem Winde geschützten Tälern sahen wir jetzt zum ersten Male Spuren von wilden Kamelen.
Unter den toten Bäumen kommen jetzt häufig Jiggde-Büsche (Ölweide, Elaeagnus hortensis) vor. Nach der ganz richtigen Auffassung der Eingeborenen bilden sie den besten Beweis für eine frühere Bewässerung, denn die Jiggde ist die erste unter Büschen und Bäumen, die eingeht, wenn die Bewässerung aufhört, und schon verdorrt, wenn das Wasser salzhaltig ist. Tograk (Pappeln) und Julgun (Tamarisken) sind weit zäher und leben noch lange Zeit auf den Wurzeln.