99. Brücke bei Tikkenlik. ([S. 250.])

100. Der Kalmak-ottogo-Arm. ([S. 250.])

Bevor uns der prächtige junge Abdu Rehim verläßt, seien noch ein paar Worte über seine Familie gesagt. Er ist ein Sohn des Pavans Ahmed, der seit 40 Jahren in Singer mit seinen vier Söhnen wohnt, die alle dort geboren und von denen drei verheiratet sind. Alle Bewohner des Dörfchens sind demnach Mitglieder der Familie Ahmeds. Der älteste Sohn ist Karaultschi, der vom Amban von Dural eingesetzte Stationswächter des Dorfes. Wenn in der Gegend etwas Unerlaubtes oder Verdächtiges geschieht, ist es seine Pflicht, darüber Bericht zu erstatten. Er ist Besitzer von 200 Schafen, die ein Mongole in der Gegend von Argan unter der Bedingung hütet, daß die Hälfte der im Jahre geborenen Lämmer dem Mongolen, die andere Hälfte aber Ahmed zufällt, welch letzterer auch noch so viel Wolle beansprucht, wie zur Herstellung von drei Kigis (Filzdecken) erforderlich ist. Den Rest darf der Mongole, der selbst große Herden besitzt, behalten.

Ferner ist Ahmed Besitzer von 27 Kamelen, mit denen er nicht selten Geschäfte macht, indem er neue ankauft, wenn sie billig sind, und sie teuer verkauft, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Schließlich hat er noch 2 Pferde und 10 Kühe. Er baut Weizen, Gerste, Melonen, Zwiebeln und andere Gemüse in Singer, wo der Boden besonders ergiebig sein soll, so daß sie dort jedes Jahr auf Ernte rechnen können, während man in anderen Gegenden die Äcker einige Jahre ruhen lassen muß. Die Leute sind von ihrem Dorfe entzückt und möchten mit keinem anderen tauschen.

Abdu Rehim war ein hübscher, munterer, kräftiger und zuverlässiger Mensch, und was ich an ihm besonders schätzte, war seine Wahrheitsliebe und die Zuverlässigkeit seiner Angaben. Konnte er eine gewünschte Auskunft nicht erteilen, so antwortete er, daß er es nicht wisse. Sonst pflegen die Muselmänner in einem solchen Falle rasch eine Geschichte zu erfinden. Er besorgte seine acht Kamele mit bewundernswerter Geschicklichkeit, war überall bei der Hand, belud und lud ab wie ein Sklave und fand den geraden Weg zwischen den Quellen wie ein wildes Kamel. Ihn zu sehen, wie er sich mit der schweren, plumpen Flinte auf der Schulter auf sein Reitkamel schwang, war ein wahres Vergnügen; er war geschmeidig und stark wie ein Tiger. Jeden Abend pflegte ich ihn in mein Zelt zu rufen, um ihn eine Stunde lang über seine Erfahrungen auszuhorchen. Ich versuchte, ihn noch länger an unsere Karawane zu fesseln, aber er sehnte sich nach seinem Heim in den Bergen zurück.

Beim Aufbruch am 18. März wurden sieben Ziegenfellschläuche und zwei Säcke mit Eis mitgenommen, sowie zwei Säcke Kamisch, um an Lagerplätzen ohne Weide sparsam an die Kamele verteilt zu werden. Unterwegs sahen wir Spuren von einem alten und einem jungen Kamele, und zwar so frische, daß die Tiere am selben Morgen dort gegangen sein mußten. Tschernoff brannte vor Eifer und verschwand, von Chodai Kullu begleitet, hinter den Hügeln. Abdu Rehim ritt wie gewöhnlich an der Spitze, seine Kamele anführend, ihm folgte Faisullah mit unseren vier Tieren; ich war der letzte. Ördek ging gewöhnlich zu Fuß.

Plötzlich machte der Vortrab Halt, und die Männer saßen ab. Sie hatten ein großes, liegendes Kamel wahrgenommen. Abdu Rehim kroch mit der Flinte auf dem Rücken am Boden entlang. Ich schlich mich zu ihm hin und beobachtete mit dem Fernglase eine Herde, die aus einem großen schwarzen Bughra (Männchen) und fünf helleren Kamelen bestand. Das Bughra hatte sich gerade erhoben und wendete den Kopf mit aufgeblähten Nüstern unruhig und aufmerksam nach unserer Seite. Drei von den anderen lagen wiederkäuend, und zwei weideten.

Während wir anderen in einer Entfernung von 800 Schritt auf einem gutversteckten Aussichtspunkte, von dem man allen Bewegungen der Herde folgen konnte, stehenblieben, schlich Abdu Rehim nach dem Platze, wohin auch Tschernoff durch die Spuren geleitet worden war. Doch der Wind kam gerade von hier, und das Männchen witterte offenbar Unrat. Es ging nach Westen, wo die Weibchen lagen, blieb stehen, schnüffelte, den Blick unverwandt nach unserer Seite gerichtet, in der Luft und ging dann weiter; die anderen, zwei ausgewachsene Weibchen und drei Jährlingsfüllen, merkten nichts.

Jetzt krachte ein Schuß. Er traf nicht, die Entfernung war zu groß; aber, erschreckt von dem Knall, ergriff das Bughra schleunigst die Flucht. Die Weibchen zögerten einen Augenblick, schnellten darauf wie Sprungfedern in die Höhe und schwenkten in so starkem Galopp ab, daß der Staub hinter ihnen aufwirbelte. Das Bughra lief allein, die anderen dicht aneinander gedrängt 100 Schritt rechts von ihm. Ich betrachtete die Schar durch das Fernglas, aber nach wenigen Minuten waren die großen Tiere zu kleinen schwarzen Punkten zusammengeschrumpft, und nachher sah ich nur noch die Staubwolke, die ihren Weg angab. Die Tiere flohen mit großer Schnelligkeit und ohne sich zu verschnaufen; sie waren in den Wind hineingekommen, der ihnen den Karawanengeruch zuführte, und hatten die Gefahr erkannt. Abdu Rehim glaubte, daß sie drei Tage in der Sandwüste bleiben würden, ehe sie sich auf einem weiten Umweg wieder in die Berge wagten.