Sehr weit waren wir auch am folgenden Morgen noch nicht gelangt, als die Schützen wieder anhielten und nach Süden zeigten, wo ein einsames Kamel philosophierend zwischen toten Tamariskenkegeln umherspazierte. Drei Flintenläufe wurden auf das Tier gerichtet, und drei Schüsse krachten, aber die Entfernung war zu groß, und das Kamel lief in wenig hastigem Trabe nach Nordosten; dabei kreuzte es unseren Weg, so daß wir es jetzt zur Linken hatten, wo es plötzlich stehenblieb und sich die Friedensstörer der Wüste betrachtete. Daß die Hunde auf das Kamel losstürmten, ließ es sich mit merkwürdiger Ruhe gefallen. Tschernoff schoß wieder, worauf das Tier zusammenzuckte, alle Beine spreizte, den Schwanz aufrichtete und ziemlich langsam, die Hunde auf den Fersen, nach Osten lief. Verwundet war es, das sah man an den spärlichen Blutspuren, aber die Verwundung schien nur leicht zu sein, und es entschwand uns bald aus dem Gesichte.
Wir hatten einen neuen Beweis von der unbegreiflichen Dummheit und Unvorsichtigkeit des wilden Kamels erhalten. Das jetzt in Frage kommende schien sich außerordentlich für unsere Kamele zu interessieren und stand nach der ersten Salve einige Augenblicke ganz still. Tschernoff verfolgte es zu Pferd und näherte sich ihm auf 50 Schritt, aber die Hunde verdarben ihm die Jagd. Das Kamel, eines jener einsamen Männchen, die von einem stärkeren Nebenbuhler besiegt worden sind, war wohl gerade an die Quelle gekommen, um zu saufen. Es hatte sicherlich nur eine ungefährliche Schramme erhalten.
Zur Linken haben wir noch immer die untere Terrasse und finden auf ihr unzählige tiefe Regenwasserrinnen. Zur Rechten schlängelt sich der Kurruk-darja mit seinem toten Walde und seinen Jarterrassen. Von dieser Gegend an sind Schneckengehäuse (Limnaea) außerordentlich häufig. Hier hat es also an den Seiten des früheren Flusses Uferseen gegeben. Diese Behauptung bedarf keines anderen Beweises als des Vorkommens von Süßwassermollusken, die sich nicht in schnell strömendem Flußwasser, sondern nur in stillen Seen und Lagunen mit reichlicher Vegetation aufhalten.
Dann überschreiten wir das Bett und gehen nach Südosten, um ein Bild von dem Aussehen der Wüste nach dieser Seite hin zu erhalten. Der harte Felsboden ist außerordentlich unangenehm und höckerig. Die Jardang werden niedriger, die Furchen zwischen ihnen sind nur einen Fuß tief eingeschnitten, aber die Kamele stolpern über diese ewigen Schwellen. Sand tritt auf, bildet aber keine Dünen. Ördek fand einige Scherben eines an starkem Feuer gebrannten Tongefäßes und eine Art von Schiefer. Noch aufrechtstehende Pappelstämme sind nicht ungewöhnlich, aber sie sind tot und grau, spröde und zerbrechlich. Sie sind stets dünn, als ob nur ihr innerstes Mark der Beschädigung durch die Atmosphärilien zu widerstehen vermöchte. Der Boden ist mit Limnaeaschalen bestreut. Tschidschegan (totes Kamisch), gestutzt wie die Borsten einer Scheuerbürste, bedeckt große Flächen; es sind die früheren, üppigen Felder auf den Ufern dieses Flusses und seiner Lagunen.
Es kam uns sehr unerwartet, daß wir in einer Bodensenkung ein Dutzend lebender Pappeln fanden, die allerdings kümmerlich aussahen, aber doch Wurzeln hatten, um ihren Lebenssaft aus dem Grundwasser zu saugen. Um sie herum kreuzten sich mehrere Kamelspuren, und man sah auch die Fährte eines Wolfes, der von Süden gekommen war, wohin auch ein paar Kamelspuren gingen. Abdu Rehim glaubte, daß es nach dieser Richtung hin Weide gebe oder daß dort ein See liege. Er hatte nie vom Awullu-köll gehört und ahnte gar nicht, wie recht er hatte.
Wir ziehen dann zwischen 3 Meter hohen, steil nach Westsüdwest abfallenden Dünen hindurch, die außerordentlich regelmäßig gebildet sind, eine hübsche Halbmondform haben und isoliert liegen. Im Süden dieses noch in den Windeln liegenden Übersandungsgürtels erscheinen höhere Dünen, zwischen denen jedoch noch immer toter Wald auftritt. Es war nicht unsere Absicht, uns jetzt in dieser Richtung noch weiter zu begeben, sondern wir kehrten nach Nordosten zurück und lagerten in einer wüsten Gegend, wo die Kamele, die hier in der Heimat ihrer wilden Verwandten stets angebunden wurden, Kamisch aus den Säcken erhielten.
Oft verlieren wir das alte Bett ganz, um uns dann nach stundenlangem Suchen plötzlich wieder am Rande einer Biegung zu befinden. Wahrscheinlich finden wir in dem gegenwärtigen Relief der Landschaft verschiedene hydrographische Epochen abgespiegelt. Die außerordentlich scharf markierte Terrasse am Fuße des untersten Sai ist eine Uferlinie, die seinerzeit von den Wellen eines sehr ansehnlichen Sees bespült worden ist. Dieser ist nach und nach flacher geworden und zusammengeschrumpft; die Schneckenschalen sind liegen geblieben und zeigen, welche Gegenden früher unter Wasser standen.
Die Wüste wird immer unfruchtbarer. Oft kreuzen wir nach Süden führende Kamelspuren; es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Kamel sich nach dem Awullu-köll, der selten von Lopleuten besucht wird, zu begeben pflegt. Und dann geht unser Zug wieder durch ein Stück Flußbett, das bewundernswert deutlich ist. Es ist 94 Meter breit, 6,5 Meter tief eingeschnitten und trägt auf seinen Ufern toten Wald. Es ist ein fossiler Fluß. Nimmt man ein Stück vom Tarim, läßt sein Wasser verschwinden und seinen Wald welken und verdorren, so wird das Resultat genau dasselbe sein, das wir hier vor uns hatten.
Wir rasteten in einer Bodensenkung.
Von diesem Lager folgten wir einem Kamelpfade, der jedoch wahrscheinlich nur einmal von einer Herde benutzt worden war, denn es liegt nicht in der Natur des wilden Kamels, sich an bestimmte Wege zu halten, sondern es pflegt im Gegenteil seine Sicherheit dadurch zu vergrößern, daß es sich davon ganz unabhängig macht. In dieser Beziehung ist es schlauer als der Tiger, der sich in Fallen fangen läßt, weil er stets alte Wege benutzt.