Die Landschaft verändert sich wenig. Die Berge sehen eher aus wie eine niedrige Hügelreihe mit eingekerbtem Kamme. Toter Wald ist spärlich, aufrechtstehende Stämme selten. Rechts ein Meer von Jardang mit Milliarden von Schneckenschalen. Ördek fand einen Tonkrug, Stücke einer großen Schüssel mit einem glasierten Rankenornament und ein Stück von einem großen Kupferkessel mit horizontal umgebogenem Rande. Hier hat ein Gehöft oder ein kleiner Weiler gelegen; jedenfalls zeigte der Fund, daß die Gegend bewohnt gewesen ist. Die Gefäße waren chinesische Arbeit.

Während des heutigen Tages hörte das Bett des Kurruk-darja ganz auf, und der Boden, den wir jetzt betraten, war ehemals vom Wasser des alten Lop-nor-Sees überschwemmt. Daher endigte der Wald hier, die Schnecken aber waren noch zahlreicher als früher. Die Jardang bildeten jetzt ein paar Meter breite und einen Meter hohe Rücken von ziemlich festem, horizontal geschichtetem gelbem Tone, deren Richtung Nordost-Südwest war und die einander bis ins Unendliche folgten. Furchen oder Rinnen von derselben Breite und Tiefe trennten sie voneinander. Die Richtung dieser eigentümlichen Bodenform läßt uns vermuten, daß sie ausschließlich ein Werk des vorherrschenden Nordostwindes ist, dessen Flugsand an dem leicht vergänglichen Tone beständig feilt und frißt. Alle Ränder und Seiten dieser langen Tafeln zeigen deutlich vom Winde abgeschliffene Flächen. Anhäufungen von Treibsand fehlen jedoch, weil der See erst vor relativ kurzer Zeit verschwunden ist. Marco Polos Behauptung, daß zur Durchquerung der Lopwüste ein Jahr erforderlich sei, ist nicht so übertrieben, wenn man bedenkt, daß dazumal Kara-buran und Kara-koschun noch nicht existierten und man also von der Takla-makan bis nach der Mandschurei von einer ununterbrochenen Wüste sprechen konnte.

Unweit des Lagers Nr. 12 wurden dicke, graublaue Scherben von einem großen Tongefäße mit kleinen Henkeln gefunden. Es war das dritte Mal, daß wir an diesen ausgetrockneten Wasserwegen Spuren von Menschen fanden. Der Boden ist hier und da mit Salzablagerungen bedeckt, an denen man sieht, daß der See, nachdem er seines Zuflusses beraubt worden war, allmählich salzig geworden ist. Daß die Salzschichten so selten sind, hat seinen Grund darin, daß der Wind die Oberschicht des Bodens beständig abhobelt.

Jetzt galt es, Altimisch-bulak (die sechzig Quellen) zu finden. Wir schlugen daher den Weg nach Nordnordost ein, die niedrigen Ausläufer und Hügel des Kurruk-tag ersteigend, von wo aus der Blick sich auf der absolut ebenen, aber rauhen Fläche der Wüste verliert. Nur zweimal während aller seiner Wanderungen in diesen Gegenden hatte Abdu Rehim fern im Süden einen schneebedeckten Kamm gesehen, aber er hatte nie etwas vom Astin-tag gehört.

Gegen Abend erhob sich ein heftiger Nordwind; der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und es war bei der herrschenden Finsternis nicht möglich, die Quelle zu finden, weshalb wir nach einem Marsche von 38 Kilometer in einer gänzlich unfruchtbaren Tonwüste lagerten. Seit fünf Tagen hatten wir keinen Tropfen Wasser gefunden, und das bißchen, das sich noch in den Schläuchen befand, war verdorben. Der Fleischvorrat war auch zu Ende, und die Bewirtung fiel an diesem Abend kärglich aus.

Der Wind hielt die ganze Nacht an; das Zelttuch war straffgespannt, es flatterte und riß an den Tauen, und ich hatte alle meine Papiere und Karten eingepackt, denn wenn der Wind das Zelt umstürzte, wären sie fortgeflogen und nicht wieder zu erlangen gewesen. Noch am Morgen betrug die Windstärke 11 Meter in der Sekunde.

Als ich bei Tagesanbruch aus dem Zelte trat, lag eine trostlose Landschaft vor mir. Im Nordosten erstreckt sich ein niedriger Rücken, im Südosten fällt das Terrain nach der Wüste ab, im übrigen sieht man in weiter Ferne unbedeutende Kämme und Landrücken; der Boden ist mit Schutt bedeckt, keine einzige Pflanze; alles ist verwittert, kahl und öde. Die Chinesen haben diese Landrücken auf ihren Karten nicht als Gebirge verzeichnet, nur der Hauptkamm weit hinten im Norden ist darauf angegeben.

Heute war es Melik Ahun, Abdu Rehims Bruder, der den Zug führte. Schweigend und ruhig thronte er auf seinem hohen Kamele an der Spitze, den ganzen Zug hinter sich, wie ein Lotse ein ganzes Geschwader leitet.

Nachdem wir einen Hügel passiert hatten, erblickten wir ein großes, offenes Feld, und in der Mitte desselben glänzte der Boden gelb — es war die gesegnete, herrliche Oase Altimisch-bulak!

Mit ihren durch ständiges Leben im Freien geschärften Augen hatten Abdu Rehim und Melik sogleich eine am Ostrande weidende Kamelherde erblickt — ich konnte die Tiere kaum mit dem Fernglase erkennen. Jetzt übernahm der erfahrene Kameljäger die Führung und gab der Karawane Anweisung, einen Umweg hinter einem niedrigen Bergrücken herum zu machen. Abdu Rehim und Tschernoff eilten nach dem Kamischfelde der Oase; ich folgte ihnen, um mir den Verlauf der Jagd als passiver Zuschauer anzusehen. Wir kreuzten das Bächlein der „sechzig Quellen“, wo, wie unser Wegweiser schon vor einem Monate richtig prophezeit hatte, noch große schöne Eisschollen lagen ([Abb. 81]) und gingen dann in das Schilf und die Tamarisken hinein.