Auch diese Herde bestand aus einem großen dunkeln Bughra und fünf hellen Kamelen; vielleicht war es dieselbe, die wir schon gesehen hatten. Das alte und eines der Jungen weideten eifrig, die übrigen lagen, die Köpfe uns zugewandt. Wir waren 300 Schritt von ihnen entfernt und der Wind kam gerade von ihnen, weshalb weder Gehör noch Geruch sie warnen konnte; für uns war es das Wichtigste, uns nicht sehen zu lassen. Eigentlich war es feige, sich auf diese Weise an die edeln Tiere heranzuschleichen und sie aus dem Hinterhalte zu überfallen.

Mich interessierte es am meisten, möglichst viel von ihren Bewegungen und Gewohnheiten im Freien zu sehen, aber ich wollte den Männern nicht das Schießen verbieten, denn dies würde in der Karawane Unzufriedenheit und Ärger erweckt haben, die verdrießliche Folgen haben konnten. Dazu kam, daß Abdu Rehim Kameljäger von Beruf war. Die Muselmänner besitzen keine Spur von Gefühl für die Leiden eines Tieres und hätten das Verbot sicherlich als einen gegen sie selbst gerichteten launenhaften Einfall aufgefaßt. Für einen Jäger mußte auch die Jagd auf ein solches Tier ein Fest sein, das sah man unseren Schützen an; sie sahen und hörten nichts anderes, wenn sie Kamele beschlichen, und ihre Augen strahlten vor leidenschaftlicher Freude. Ich aber seufzte erleichtert auf, wenn sie fehlten, denn meine Sympathien waren ganz auf seiten der Kamele. Diesmal stand es jedoch in den Sternen geschrieben, daß ein unschuldiges Leben erlöschen sollte.

Abdu Rehim bat uns, dort, wo wir uns befanden, zu warten, während er einen großen Umweg machte, um ungesehen an einer Lücke im Dickicht vorbeizukommen. Lautlos und unsichtbar wie ein Panther glitt er durch die Büsche; wir konnten weder sehen noch hören, wo er blieb. Mittlerweile hatte ich vortreffliche Gelegenheit, die Bewegungen der Tiere zu beobachten. Die beiden Weidenden gingen mit gesenktem Kopfe, erhoben ihn manchmal, wenn das Maul voll war, kauten langsam und kräftig, so daß das dürre Kamisch zwischen den Zähnen knisterte, und ließen den Blick über den offenen Horizont gleiten. Sie zeigten keine Spur von Unruhe und hatten keine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand.

Jetzt krachte Abdu Rehims Flinte, und fünf Kamele liefen in langsamem Trab auf unsere Büsche zu; doch wahrscheinlich hielten sie den Punkt für verdächtig, denn sie machten plötzlich kehrt und rannten in wildem Laufe bergauf, gerade gegen den Wind. Dies war eine ebenso kluge wie natürliche Strategie, denn gegen den Wind wittern sie die Gefahr, während in der entgegengesetzten Richtung alle möglichen Fallstricke verborgen sein können.

Das jüngere weidende Kamel hatte eine Kugel in den Bauch erhalten und bekam eine zweite in den Hals, als es sich erhob, um sich den anderen zuzugesellen.

Als wir es erreichten, lag es auf allen vier Knien und kaute an dem, was es noch zwischen den Zähnen hatte. Manchmal erhob es sich auf den Hinterfüßen, fiel dann aber, weil ihm die Vorderbeine den Dienst versagten, auf die Seite. Der Blick war ruhig und resigniert, ohne Furcht oder Verwunderung; nur wenn man ihm über die Nase strich, versuchte es zu beißen. Es glich auffallend den zahmen Kamelen aus Singer und hatte gerade angefangen, Wolle zu verlieren. Nachdem es von verschiedenen Seiten photographiert worden war ([Abb. 82]), öffnete ihm Abdu mit einem kräftigen Schnitte die Adern am Halse; das Blut spritzte in einem dicken Strahle heraus, es folgten einige Todeszuckungen, und dann ging dieser Sohn der Wüste, der noch vor ein paar Minuten so friedlich und ruhig in dieser einsamen Gegend geweidet, in die ewigen Weidegründe ein. Die anderen waren unseren Blicken schon entschwunden. Abdu Rehim war selig, seinen alten Vater nun mit einem großen Vorrate von Kamelfleisch überraschen zu können.

Das erlegte Kamel war ein etwa vierjähriges Männchen. Wie bei den zahmen, kann man bei den wilden Kamelen das Alter mit ziemlich großer Sicherheit am Aussehen der Vorderzähne erkennen. Daß es bei einer Herde weilte, in der ein Bughra das Szepter führte, läßt sich dadurch erklären, daß es ein für allemal durch einen scheußlichen Biß in den Nacken gezüchtigt worden und überdies noch so jung war. Sonst weiden Bughrakamele nur während des Sommers friedlich zusammen, in der Brunstzeit duldet keines ein anderes Männchen in seiner Nähe.

Die Kamele aus Singer wurden nachts angebunden und tags bewacht, sonst wären sie heimgelaufen. Ihr Ortssinn ist scharf entwickelt, und sie würden sich selbst dann dorthin finden, wenn man sie in eine ihnen ganz unbekannte, dreißig Tagereisen von Singer entfernte Gegend führte. Abdu versicherte, es seien die Kamele gewesen, die uns im Dunkeln an jenem Abend, als wir in der Steinwüste lagerten, direkt nach Altimisch-bulak geführt hätten, und sie würden sicher weitergegangen sein und die Quelle gefunden haben, wenn ich nicht Halt kommandiert hätte.

Der Reichtum an wilden Kamelen am Fuße des Kurruk-tag wechselt in verschiedenen Jahren sehr. Werden sie in der Gegend von Luktschin sehr von Jägern bedrängt, so begeben sie sich hierher und umgekehrt. In diesem Jahre waren sie zahlreich. Läßt man sie in Ruhe, so besuchen sie die Quellen alle drei Tage. Eine Herde von acht Kamelen kam von Süden her an die unterste Eisscholle, um Eis zu kauen. Die Männer kamen mit ihren Flinten erst dorthin, als die Tiere schon wieder fort waren.