Kader Ahun. Islam Bai. Musa.
6. Rast in der Oase Nagara-tschalldi. ([S. 15.])
7. Oase Nagara-tschalldi. ([S. 15.])
Die letzten Tagereisen nach Kaschgar führen durch eine recht einförmige Landschaft; die Berge nehmen an Höhe ab, bis ihre äußersten Vorposten sich in der Ebene verlieren. Am 13. August überschritten wir den Mäschrabdavan, auf dessen Höhe sich eine kleine Festung und drei mit Lappen behängte Masare (Heiligengräber) erheben. Ehe wir Kandschugan erreichten, überfiel uns ein so heftiger Platzregen, daß wir Halt machen und so schnell wie möglich die Zelte aufschlagen mußten. Es nützte uns jedoch nichts, denn sowohl wir wie die Sachen wurden gründlich durchnäßt; es klatschte unter den Stiefeln in dem Lehmboden, und als ich endlich ins Zelt kam, wo die triefenden Kisten durcheinander standen, fühlte ich bei der Kälte eine große Unlust, und der Pelz war gar nicht überflüssig; 12,6 Grad um 5½ Uhr nachmittags ist hier in dieser Jahreszeit etwas ganz Abnormes.
Am 15. ritten wir bis an das Dorf Min-joll, und am 16. traten wir die letzte Tagereise bis Kaschgar an. Beim Dorfe Kalta kamen mir der Generalkonsul Petrowskij und einige andere in Kaschgar wohnende Russen, von einer Kosakeneskorte geleitet, entgegen.
Zweites Kapitel.
Vorbereitungen zur Wüstenfahrt.
In Kaschgar blieb ich vom 17. August bis zum 5. September, um die Karawane, die mich durch die Wüsten des innersten Asiens begleiten sollte, endgültig auszurüsten. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß mein alter vortrefflicher Freund Generalkonsul Petrowskij ([Abb. 9]) mir auch diesmal in jeder Weise behilflich war. Er stellte mir seine reiche Erfahrung und seinen in Ostturkestan beinahe allmächtigen Einfluß vollständig zur Verfügung, und ohne seinen Beistand wäre vieles kaum ausführbar gewesen.
Die erste Angelegenheit, die wir in Angriff nahmen, war die Einwechslung meiner Reisekasse (11500 Rubel) in chinesisches Silbergeld. Eine Jamba galt damals in den Basaren Kaschgars 71 Rubel, aber der Markt ist so wenig umfangreich, daß ein Einkauf von 161 Jamben sich so fühlbar machte, daß der Wert einer Jamba in ein paar Tagen auf 72 Rubel stieg. Eine Jamba hat 50 Sär zu 16 Tenge, von denen jeder in 50 Pul zerfällt. Ein Sär entspricht 37 Gramm Silber und hat einen Wert von 3,09 Mark; es zerfällt auch in 10 Miskal von je 10 Pung zu 10 Li. Der Kurs unterliegt großen Schwankungen, und die Jamba wiegt selten genau 50 Sär, und da man auf chinesisches Geld angewiesen ist, muß man stets eine chinesische Wage zur Hand haben. In Ostturkestan sind kürzlich runde Silbermünzen von höchstens 8 Tenge Wert eingeführt worden, die neben den gewöhnlichen chinesischen Silberklümpchen — einer sehr unbequemen Geldsorte — im Lande gangbar sind. Ein alter geriebener Makler, Isa Hadschi, besorgte die Umwechslung und schaffte das Silbergeld an, und als die ganze Transaktion fertig war, stellte es sich heraus, daß es ihm gelungen war, uns nur um 36 Rubel zu bemogeln. Für mich war es aber doch ein außerordentlich gutes Geschäft, denn der Wert der Jamba stieg bald darauf schnell. Sich mit einer Reisekasse, die 300 Kilogramm wiegt, zu schleppen, ist gerade nicht angenehm, aber es bleibt einem keine Wahl. Die Jambastücke wurden auf die Kisten, die nicht täglich geöffnet zu werden brauchten, verteilt, und so konnte man doch wenigstens sicher sein, daß nicht alles Geld auf einmal gestohlen werden würde. Der Betrag reichte jedoch kaum für die halbe Reise aus, und ich mußte nachher mehr Silbergeld beschaffen.
Die andere Angelegenheit, die Islam Bai besorgte, waren verschiedene Einkäufe für die Ausrüstung und den Proviant. Auch eine Menge Chalate, Zeugstoffe, Tücher und Mützen wurden angeschafft, die zu Geschenken an die Eingeborenen bestimmt waren. Islam kaufte auch 14 außergewöhnlich schöne und große Kamele und ein Dromedar. Mit Ausnahme von zweien, die alle Strapazen überstanden, waren die Tiere dem Untergange geweiht, aber die Dienste, die sie mir treu und geduldig geleistet, waren hundertmal den Preis wert, den sie gekostet. Führer der Kamelkarawane wurde Nias Hadschi, der sich trotz seiner Wallfahrt zum Grabe des Propheten als ein Erzschelm erwies. Unter den übrigen Dienern, die vorläufig angestellt wurden, will ich besonders Turdu Bai aus Osch nennen, einen alten Weißbart, der es an Ausdauer mit jedem der jüngeren Leute aufnehmen konnte und an Treue und Tüchtigkeit alle die anderen Mohammedaner, Islam inbegriffen, übertraf; er war der einzige, der die ganze Reise mitmachte. Faisullah, ebenfalls ein russischer Untertan, gab Turdu Bai in den genannten guten Eigenschaften nur wenig nach, konnte mich aber nur anderthalb Jahre begleiten. Beide waren Spezialisten in der Behandlung der Kamele und gehörten daher später immer zum „Stabe“ der Kamelkarawanen. Ein Kaschgarjunge, Kader, wurde mitgenommen, weil er der arabischen Schrift kundig war.