Für die nächste Zukunft wurde der Reiseplan so bestimmt, daß die ganze Karawane nach Lailik am Jarkent-darja ziehen sollte. Dort mußte eine Teilung stattfinden. Ich selbst wollte mich mit einigen der Leute und einem kleinen Teile des Gepäcks von der Strömung den Jarkent-darja oder Tarim hinabtragen lassen, während die Hauptmasse der Karawane auf der großen Straße über Maral-baschi, Aksu und Korla ziehen sollte, um mit mir irgendwo im Lop-nor-Gebiete zusammenzutreffen, wo sich nach Verabredung auch die beiden burjatischen Kosaken Ende Dezember einfinden sollten. Petrowskij hielt es für gewagt, die ganze große Karawane und die bedeutende Silbermenge ohne Bedeckung durch ganz Ostturkestan zu schicken, und stellte mir aus dem Konsulatskonvoi die zwei semirjetschenskischen Kosaken Sirkin und Tschernoff ([Abb. 10]) bis zum Zusammentreffen mit den burjatischen Kosaken zur Verfügung, welches Anerbieten ich dankbarst annahm. Während der folgenden Jahre gaben mir diese beiden Männer täglich Beweise von einer Treue und Tüchtigkeit, die alle Diener, die ich je gehabt, in den Schatten stellte.
Mit dem Konsul traf ich noch das Übereinkommen, daß meine im Herbst und Winter in Kaschgar eintreffende Post viermal von Dschigiten nach der Lop-nor-Gegend zu bringen sei, wo es von ihrer eigenen Klugheit abhängen würde, mich aufzufinden. Der Kurier sollte seinen Lohn erst dann von mir erhalten, nachdem er die Post abgeliefert und seinen Auftrag redlich ausgeführt hatte. Der Plan mißlang nie, und man kann sich denken, wie angenehm es für mich war, auf diese Weise mit den Meinen und der Außenwelt, wenn auch selten, in Verbindung zu stehen.
So verflossen die Tage unter allerlei Arbeit, die durch Besuche und Einladungen zum Mittagessen unterbrochen wurde. Ziemlich oft war ich bei meinem alten Freunde, dem englischen politischen Agenten Macartney, zu Gaste, dessen früher einsames Heim jetzt von einer jungen Gattin verschönt wurde. Es freute mich, den alten Eremiten Pater Hendriks, sowie Herrn und Frau Högberg wiederzusehen, die zur schwedischen Missionsstation zwei neue Mitglieder zugezogen hatten. Chan Dao Tai und Tsen Daloi gehörten zu meinen alten Bekannten, aber Tso Daloi war eine neue Erscheinung; er versah uns mit zwei Durgas, die dafür zu sorgen hatten, daß die Dorfbevölkerung der Karawane alles lieferte, was sie brauchte, natürlich gegen angemessene Vergütung. Auch einen „Kunstgenuß“ hatte ich, da auf dem Markte ein asiatischer „Blondin“ vor dem massenhaft herbeigeströmten Publikum seine Künste auf dem Seile zeigte ([Abb. 11]).
Ich war nicht der einzige Reisende, der sich in diesen Tagen in Chinas westlichster Stadt befand; am 21. August langte nämlich Oberst McSwiney dort an, in dessen Gesellschaft ich im Jahre 1895 bei der Pamirgrenzkommission so manchen frohen Tag verlebt hatte. Am Tage darauf trafen zwei französische Reisende ein, Herr St. Yves und ein junger Leutnant, die nach einigen Tagen über Pamir wieder heimkehrten.
Als alle Einkäufe besorgt waren, wurden die Lasten noch einmal geordnet, abgewogen und dann an einer Art Holzleitern befestigt, deren Oberenden paarweise aneinander gebunden waren, so daß sie leicht auf das liegende Kamel gehoben und ihm wieder abgenommen werden konnten.
Nachdem ich von meinen Freunden in Kaschgar Abschied genommen, brach ich am 5. September gegen 2 Uhr nachmittags auf ([Abb. 12]). Jetzt begann die eigentliche Reise und die große, lange Einsamkeit. Noch eine Umarmung, ein letztes Lebewohl, dann ziehen wir bei dem dumpfen, bedeutungsvollen Klange der Glocken, die gleich dem Ticken des Sekundenpendels den Gang der Zeit und die uns dem Ziele zuführenden Schritte angeben, an der westlichen Stadtmauer entlang nach Kum-därwase, wo ich von den Europäern Abschied nahm. Wir hatten gerade die Brücke erreicht, unter der sich das in Farbe und Dicke an eine Hagebuttensuppe erinnernde Wasser des Kisil-su hinwälzte, als der Himmel sich im Nordwesten verdunkelte und schwere, dichte Regenvorhänge sich von den Bergen an ausbreiteten; der Tag war heiß und schwül gewesen und hatte nichts Gutes verkündet. Da kamen die ersten heftigen Windstöße, und zugleich begann ein Platzregen von ungeheurer Gewalt. Auf dem sonst lebhaften Wege sah man nur ab und zu einen Wanderer, weil die Menschen schleunigst in den nächsten Gehöften und Serais Schutz gesucht hatten. Diese waren jedoch für unsere große Karawane zu klein, und es blieb uns also keine andere Wahl, als unseren Weg fortzusetzen. Das Unwetter hielt mit unverminderter Kraft anderthalb Stunden an; ein Blitz nach dem anderen durchzuckte den Himmel in grellem Zickzack von blendendem blauweißem Feuer, und die Donnerschläge krachten mit entsetzlichem Gepolter, stärker als ich es je zuvor gehört. Die Kamele und Pferde nahmen jedoch die Sache ruhig auf, und langsam schritten wir nach Süden zwischen den Weiden hin und trösteten uns damit, daß wir nicht nasser werden konnten, als wir schon waren.
War der Regen unangenehm gewesen, so waren seine Folgen noch schlimmer. Lange Strecken weit lag der Weg unter Wasser, und der lehmhaltige Boden von feinem Staube war so glatt, daß es den Kamelen mit ihren flachen, weichen Fußschwielen schwer wurde, sich auf den Beinen zu halten; sie glitten aus, stolperten, glitschten, und immer wieder wurde der Marsch dadurch aufgehalten, daß ein Kamel gefallen war. Oft fallen sie so nachdrücklich, daß sie alle viere von sich strecken, als hätte ihnen ein unsichtbarer Riese ein Bein gestellt, und dabei poltert die schwere Bürde zu Boden, daß der Schlamm hoch aufspritzt. Von allen Seiten hört man schreien und rufen, die Karawane macht Halt, die Männer eilen herbei, um das Kamel wieder aufzurichten oder es erst von der Last zu befreien und dann wieder zu beladen; die Folge davon ist, daß wir in dem heimtückischen Schlamme wie die Schnecken vorwärtskommen. Am schlimmsten ist es da, wo der Weg uneben ist oder kleine Hügel bildet; dort müssen mit Spaten Tritte in die Erde gegraben werden.
Die erste Tagereise von Kaschgar, die eigentlich eine Kleinigkeit hätte sein müssen, war also durchaus nicht leicht. Nie hatte ich diese Stadt unter ungünstigeren Umständen verlassen. Es war, als hätte eine höhere Macht unseren Aufbruch den unbekannten Gefahren entgegen mit himmlischen donnernden Kanonenschüssen salutieren und uns mit einem überwältigenden Knalleffekt daran erinnern wollen, daß man nicht ungestraft unter Ostturkestans Pappeln wandelt. Für die Zukunft aber sollte ich einen wirklichen Platzregen so bald nicht wiedersehen — als er das nächste Mal eintrat, war es in der Nähe von Lhasa, nach zwei Jahren!
Inzwischen wurde es dunkel, und in den Basargäßchen waren die Papierlaternen schon angezündet. Gleich hinter der chinesischen Stadt war die Straße beinahe eine Stunde weit vollständig überschwemmt, und wie in einem seichten Flußbette plätscherten wir zwischen Gärten, Feldern und Lehmmauern dahin. Die Alleen waren nur als schwarze Schattenrisse zu erkennen, aber der Regen hatte aufgehört, der Weg war jetzt besser, und die Kamele konnten festen Fuß fassen. Es war jedoch schon spät, als wir in unserem provisorischen Lager im Dorfe Musulman-natschuk zur Ruhe kamen, nachdem wir des Silbergeldes halber bei dem Gepäck Nachtwachen aufgestellt hatten.
Den Weg nach Lailik kannte ich zum größeren Teile von 1895 her und will ihn daher nur sehr kurz beschreiben. Der Tagemarsch am 6. September führte uns durch eine ziemlich spärlich bewohnte, aber recht gut angebaute Gegend. Von Chan-arik an war der Weg durch eine üppige Allee von Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln begrenzt, die dichten, tiefen Schatten spendeten. Die Pappeln werden geköpft, um nicht in die Höhe zu wachsen, und bilden am oberen Teile des Stammes ein massiges Bündel aufwärtsstrebender Zweige. Auf weite Strecken hin vermag kein Sonnenstrahl durch das dichte Grün zu dringen, unter dessen kühlem Gewölbe es sich außerordentlich angenehm reitet. Der Weg glich an solchen Stellen einem Tunnel, durch welchen die Kamele, an einen Zug von lauter Güterwagen erinnernd, mit ruhigem, gleichmäßigem Gange hinschreiten und sich von dem grünen Hintergrund malerisch abheben. Es liegt etwas Feierliches über dem Marsche einer solchen Karawane dem Tode entgegen, der die meisten Kamele mit Gewißheit irgendwo in den Wüsten des fernen Ostens oder in den Berggegenden Tibets erwartet. Die Glocken läuten ihre abgemessene melancholische Melodie, welche unwillkürlich an eine Beerdigung erinnert; doch mit philosophischem Blick und ruhiger Haltung messen die prächtigen Tiere den Weg mit langen, langsamen Schritten unter ihren im Verhältnis zu ihren Kräften nicht schweren Lasten. Die Silberkamele tragen die schwersten Lasten, besonders ein Matador, dem allein 40 Jamben zuerteilt worden sind. Die Lasten sind ausgeglichen, und Unterbrechungen des Marsches kommen nicht mehr vor; nur hin und wieder muß, ohne daß das Kamel deshalb stehen zu bleiben braucht, eine Leiter etwas nach der einen oder anderen Seite hinübergerückt werden. Die Kamele haben starken Appetit und brandschatzen Weiden und Pappeln im Vorbeigehen, oft auf Kosten des Nasenstrickes. Wenn dieser zu hart angespannt wird, reißt er in der Mitte an seinem schwachen Punkte, wo seine beiden Hälften mit einer dünneren Schnur zusammengebunden sind, welch letztere reißt, ehe die Nase des Tieres hat Schaden nehmen können.