Jeder Mann unserer Gesellschaft hat seinen bestimmten Platz im Zuge und seine bestimmte Aufgabe bei der Aufrechterhaltung der Ordnung. Voran reiten die beiden Durgas aus Kaschgar, dann kommt Faisullah auf dem ersten Kamele, an dessen Seite Nias Hadschi ein Pferd reitet; auf dem sechsten Kamele hockt der junge Kader, und hinter dem siebenten reitet Islam. Die zweite Abteilung wird von Turdu Bai geführt, in ihrem „Kielwasser“ reitet Musa. Die Kosaken decken die Flanken; ich reite gewöhnlich hinterdrein. So geht es vorwärts durch Gärten und Dörfer, zwischen Mais- und Weizenfeldern hindurch, über Kanäle mit oder ohne Brücken ([Abb. 13]), über öde Steppen und kleine Sandfelder, wo vereinzelte, gleichsam verirrte Dünenindividuen von ungefähr 3 Meter Höhe ihre steilen Abhänge nach Osten kehren ([Abb. 14]). Im Dorfe Jupoga, unserer nächsten Raststelle, suchte man in mehreren Bassins das kostbare Wasser des großen Kanals Chan-arik aufzufangen.
Am 8. September erhielten die Tiere ihren ersten Ruhetag; ihre Packsättel waren seit Kaschgar nicht abgenommen worden, und man muß genau nachsehen, damit auf dem Rücken oder an den Seiten der Höcker, wo der mit Stroh gestopfte Sattel oder ein Teil der Last dicht anliegen und drücken kann, keine Scheuerwunden entstehen.
Nach einer ganz sternenklaren Nacht erscheint die Morgenluft beinahe kalt; die Minimaltemperaturen sind in beständigem Fallen begriffen, aber die Tageswärme steigt allmählich, je mehr wir uns von den gut bewässerten Vegetationsgebieten und den Bergen entfernen. Unterwegs hatten die Dorfbewohner mehrmals Dastarchane aufgetischt in Gestalt von Zucker- und Wassermelonen, in der Hoffnung auf ein anständiges Trinkgeld, eine Artigkeit, die auf die Dauer recht lästig wird.
Das Dorf ist bald zu Ende; dann folgt die hügelige Steppe, wo wir zahlreichen Landleuten begegnen, die den Ertrag ihrer Äcker und Gärten auf Eseln, Kühen und Pferden nach dem Markte in Jupoga bringen. Dann und wann wird die Steppe von einer unfruchtbaren Dünenreihe durchkreuzt; dazwischen sieht man Schafherden, Mais- und Baumwollfelder, trockene, jämmerliche Kanäle, die nur selten von der letzten Flut aus dem Chan-arik noch am Boden feucht sind. Rechts vom Wege zieht sich ein Gürtel hübsch blühender Tamarisken hin, eine wehmütige Erinnerung an das Heidekraut unserer Wälder. Die staubige Landstraße geht allmählich in einen Pfad über und zeigt damit an, daß der Verkehr nach Osten hin abnimmt. Am Rande von Terem finden wir wieder den langen Bewässerungskanal Chan-arik mit 4 Meter breitem, gänzlich trockenem Sandboden und kleinen Brücken, die verraten, daß hier von Zeit zu Zeit auch Wasser fließt. Um den langen Wüstenmarsch des nächsten Tages, den ich schon von früher her kannte, abzukürzen, ritten wir durch das ganze Dorf und lagerten uns bei dem letzten nach der Wüste zu liegenden Gehöfte.
Am 10. September machte ich, für eine Zeit von mehreren Monaten, die letzte Reise zu Lande. Die Temperatur fiel während der Nacht auf 8,3 Grad, was einem nach einem Tage von über 30 Grad im Schatten grimmig kalt vorkommt. Als ich aufstand, war der größere Teil der Karawane schon marschfertig. Der Tag war heiß, der Marsch lang und ermüdend, und die Wassermelonen, die wir mitgenommen hatten, fanden reißenden Absatz. Steppen- und Wüstengürtel wechseln ab, die Dünen sind bald schwach mit Tamarisken bewachsen, bald völlig nackt; die ersteren heißen „Kara-kum“, die letzteren „Ak-kum“, was schwarzer und weißer Sand bedeutet ([Abb. 15]). Die Nachbarschaft des Flusses macht sich schließlich bemerkbar, indem kleine Gruppen von Pappeln (Tograk) auftreten und nach und nach immer frischer und laubreicher werden, je mehr wir uns der großen Wasserstraße nähern.
Bei der Poststation Lenger wurden wir von einigen neugierigen Chinesen begafft und in der Dämmerung erreichten wir die breite mächtige Flut des Jarkent-darja. Der Fluß war hier in Arme geteilt, von denen der linke, an dessen Ufer wir hinzogen, viel zu seicht war. Wir zogen daher noch eine Weile in der Dunkelheit nach Norden weiter; von den Tritten der Kamele knisterte und krachte es in den trockenen Zweigen des Unterholzes und des Gesträuches. Das Terrain wurde jedoch nicht besser, und als sich das silberne Horn des Mondes im Walde versteckte, machten wir aufs Geratewohl Halt und schlugen, ziemlich müde von der dreizehnstündigen Reise, am Ufer unser Lager auf.
Endlich hatten wir den Fluß erreicht. Nun begann eine neue Abteilung der Reise und dazu eine Reisemethode, die ich bisher noch nicht erprobt hatte.
8. Durch die Furt des Kisil-su. ([S. 16.])