9. Nikolai Fedorowitsch Petrowskij,
Wirklicher Staatsrat, kaiserlich russischer Generalkonsul in Kaschgar. ([S. 18.])
10. Die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff. ([S. 19.])
Drittes Kapitel.
Die Schiffswerft in Lailik.
Jetzt folgte eine knappe Woche für die Vorbereitungen zu der langen Flußreise. Islam hatte in Merket eine längere Unterhandlung mit Beks und Kemitschi (Fährleuten). Ich hatte gefürchtet, daß die Chinesen Mißtrauen gegen mein Vorhaben hegen würden und daß die Erfahrungen der Wüstenreise des Jahres 1895, deren Ausgangspunkt Merket ebenfalls gewesen, die Dorfbewohner abschrecken würden, uns beim Aufbrechen zu helfen. Denn damals war der Bek zum Dao Tai gerufen, verhört und getadelt worden, weil er mir nicht einen zuverlässigen Führer mitgegeben. Nun aber hatte Merket einen neuen Bek erhalten, dem der Dao Tai Befehl erteilt hatte, uns weiterzuhelfen und uns wie vornehme Leute zu behandeln. Islam kehrte denn auch bald mit dem Bescheid zurück, daß ein Fährmann uns sein Fahrzeug für 1½ Jamba zu verkaufen bereit sei.
Mit dem Kosaken Sirkin unternahm ich eine Probefahrt in dem englischen Segeltuchboote auf dem kleinen, abgeschnürten Flußarme, an dessen Ufer unser Lager aufgeschlagen war. Auch von Mast und Segel machten wir Gebrauch. Bei der schwachen Brise kam die vortreffliche kleine Jolle gut vorwärts; sie schien ein ziemlich sicheres Boot zu sein. Bei einem kleinen Nebenarme führten wir das Boot nach dem Hauptflusse hinaus, wo es ruhig und elegant, aber ziemlich schnell dahinglitt. Nur unbedeutende, langsam tanzende Wasserringel waren auf der Oberfläche des Flusses zu sehen und von Stromschnellen war nichts zu hören. Es war ein Genuß, sich so forttragen zu lassen, ein Vorgefühl des Behagens, womit die Flußfahrt später auf Hunderte von Meilen hin verknüpft sein sollte. Die Vereinigungsstelle des Seitenarms mit dem Hauptflusse schien noch fern zu sein, und wir hielten es für an der Zeit umzukehren. So schleppten wir denn das Boot in dem weichen, zähen Lehm bis an unseren Seitenarm. Doch auch in diesem herrschte eine Strömung, die kräftig genug war, um das Flußaufwärtsrudern zu schwer zu machen. Sirkin ging daher an Land und holte einen Mann und zwei Pferde. Mitten im Wasser reitend, zog er das Boot an einem Stricke nach. Manchmal blieb das Pferd in dem zähen Lehme beinahe stecken, und die Tiefe war stellenweise bedenklich groß. Einmal erreichte das Pferd den Grund nicht mehr; es wurde von der Strömung fortgerissen und war nahe daran sich zu überschlagen; der Reiter sprang ab und schwamm auf das Boot zu, das ich ihm entgegensteuerte. Doch ihm erschwerte die Kleidung die Bewegungen, und gerade als er nach dem Ruder griff, das ich ihm hinhielt, versank er ganz im Wasser. Endlich gewann er jedoch Halt am Bootrande und hätte die kleine Jolle beinahe umgerissen, als er sich hineinschwang. Alles ging so schnell vor sich, daß ich kaum dazu kam, mich zu beunruhigen. Doch was hätte es für ein Unglück geben können, wenn mein Kosak einen Starrkrampf bekommen hätte oder des Schwimmens unkundig gewesen wäre! Am Ufer war das Pferd, das seinen eigenen Weg geschwommen war, nahe daran, in dem zähen Schlamme umzukommen, aber es arbeitete sich ebenfalls wieder heraus. Sirkin war nach dem Bade ganz matt und angegriffen, aber seine kleine Schwimmtour hatte so einladend ausgesehen, daß ich mich entkleidete und ein erfrischendes Bad nahm.
Unser Versuch, wieder nach dem Lager zu kommen, war also gescheitert; glücklicherweise waren aber einige unserer Leute am Ufer flußabwärts gegangen, um uns zu suchen. Sie mußten uns vom Ufer aus an einer langen Leine ziehen, während ich das Boot mit dem einen Ruder in der Stromrinne hielt.
Das Lager bot bei unserer Ankunft ein lebhaftes Bild dar. Die Zelte waren von einer ganzen Volksversammlung von Besuchern umgeben ([Abb. 16]). Ich fand dort viele alte Freunde von 1895 wieder, Lailiks On-baschi (Bezirkshauptmann, eigentlich Chef von 10 Mann) und Örtängtschis (Gastwirte), verschiedene Bewohner von Merket und Frauen in langen Hemden von dünnem, rotem Zeuge mit ihren Kindern auf dem Arme.
Nachdem die Unterhaltung sich eine gute Weile um jene unglückliche Wüstenreise gedreht, wurden die Flußreise und die Fährfrage Gegenstand einer Diskussion. Um die Sache abmachen zu können, ritt ich mit einem großen Gefolge nach der Fährstelle zwischen Lailik und Merket, wo die von Islam vorgeschlagene Fähre lag. Ich fand sie vorzüglich, von kernfesten, ungehobelten Planken, die von mächtigen eisernen Krampen zusammengehalten wurden, neu erbaut und ganz dicht. Sie kam mir nur ein bißchen groß und schwer vor, was hier oben gewiß vorteilhaft ist. Doch wer konnte wissen, ob der Fluß überall gleich tief und wasserreich wäre, und viel wahrscheinlicher war es, daß es schwierig sein könnte, diesen schweren Koloß wieder flott zu machen, wenn er mit Unterwasserbänken in allzu innige Berührung gekommen wäre. Die Frage wurde mit den Lailiker Fährleuten von allen Gesichtspunkten aus erörtert; die meisten rieten uns, das „Schiff“ zu nehmen, wie es war.
Der Beschluß, der gefaßt und schon am folgenden Morgen ins Werk gesetzt wurde, bestand darin, das Schiff nach einem Punkte am rechten Ufer, unserem Lager gerade gegenüber, zu bringen ([Abb. 17]). Wir mußten eine Schiffswerft anlegen, wo eine Ausrüstung und Rekonstruktion mit wirklichem Vorteil stattfinden konnte. Bei unserem Lager auf dem linken Ufer ließ sich dies nicht machen, denn dort floß nur ein Seitenarm, der vom Hauptflusse durch eine tiefliegende, feuchte Schlammzunge, hinter der das Wasser zunächst seicht war, getrennt war. Auch das rechte Ufer war insofern ungeeignet, als es infolge der Erosion des Flusses eine anderthalb Meter hohe steil abgeschnittene Wand bildete. Häkim Bek aus Merket bot neunzig Landleute auf, die mit ihren Spaten einen nicht allzusteilen Abhang herstellten, auf den Bretter gelegt wurden; auf dieser Unterlage wurde die Fähre unter Gesang und Geschrei mit vereinten Kräften aufs Trockene gezogen. Der Bek, dessen Adern reicher an chinesischem als an muhammedanischem Blute waren, stand die ganze Zeit über mitten auf der Fähre; sie wurde dadurch gerade nicht leichter, aber er imponierte durch seine hohe Gegenwart, hielt eine lange Rute in der Hand, klatschte und schlug nach allen Seiten und kommandierte wie ein Zirkusdirektor. Die Kinder des Wüstenrandes verdoppelten ihre Kräfte, und der schwere Prahm wurde ruckweise auf ebenen Boden gezogen, wo er zwischen den Hagedornbüschen auf einigen Querbalken ruhte.