Als wir soweit gekommen waren, überlegten wir eine Weile, denn jetzt sollte der Beschluß gefaßt werden, der für den Ausgang der ganzen Reise wichtig sein konnte. Ein Mann erzählte nämlich, daß der größere Teil der an Lailik vorüberströmenden Wassermasse sich in einem breiten, seichten Arme in die kleinen Seen von Maral-baschi ergieße, deren Wasser durch Kanäle auf die Felder dieser Oase geleitet werden. Das eigentliche Bett des Jarkent-darja dagegen habe einen östlicheren Lauf nach Tschahrbag zu und sollte nur wenig Wasser in einem schmalen Bette mit großem Gefälle haben. Infolge dieser Aufklärungen wurde für den Anfang beschlossen, die oberste Planke an den beiden Längsseiten und die entsprechenden Teile vorn und hinten zu entfernen, wo dann mittelst der eisernen Zapfen neue Querhölzer festgemacht werden sollten. Für den Fall, daß wir infolge zu geringer Wassermenge die große Fähre würden im Stiche lassen müssen, wurde eine kleine Reservefähre gebaut. Zu dieser wollten wir im Notfalle unsere Zuflucht nehmen, damit wir die Flußreise nach dem Lop-nor, die ich um jeden Preis ausführen wollte, nicht abzubrechen brauchten.
Um jeden Augenblick vom Lager nach der Werft hinüberkommen zu können, mieteten wir eine der Fähren, die die Verbindung zwischen den Ufern auf dem Wege von Lailik nach Merket aufrechthalten. Ich befand mich meistens bei der Werft, um die Arbeit zu überwachen und die Fähre so zu bekommen, wie ich sie wünschte, bequem und gemütlich, wie mein schwimmendes Heim für lange Monate sein mußte.
Die Werft entwickelte sich allmählich zu einer Werkstatt, wo frisch gearbeitet wurde ([Abb. 19]). Schreiner aus Merket und sachverständige Leute aus Jarkent versammelten sich hier mit ihren Werkzeugen und verdienten so gut wie kaum je zuvor. Eine Schmiede mit einer kleinen, aus Ziegelsteinen aufgemauerten Esse und einem Blasebalge wurde zwischen den Büschen angelegt, und die Funken sprühten von den eisernen Krampen, die gerade gehämmert wurden. Der Bek war allgegenwärtig und führte mit milder Hand das Regiment über die, welche an der Arche zimmerten.
Aus dünnen Planken von trockenem, starkem Pappelholz sollte das Vorderdeck der Fähre gebaut werden, eine Plattform, auf der mein Zelt aufgeschlagen werden sollte und von deren vorderem Teile aus ich einen freien Ausblick auf den Fluß haben würde.
Hinter dem Vorderdeck wurde aus Stangen und Zweigen das Gerippe einer würfelförmigen Kajüte erbaut, die ich anfänglich zum Schlafzimmer für mich bestimmte; sie mußte in den kalten Herbstnächten leichter warm zu halten sein als das Zelt ([Abb. 18]). Sie erhielt jedoch schon während des Ganges der Arbeit eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen, indem sie als photographische Dunkelkammer eingerichtet wurde. Drei kleine, mit Scheiben versehene längliche Fensterrahmen wurden in die Wände der Kajüte eingesetzt. In den einen Rahmen, mitten in der Wand, die an das Zelt grenzte, kamen dunkelrote Glasscheiben. Wenn ich nachts an diesem Fenster mit Entwickeln beschäftigt war, wurde draußen ein Stearinlicht davor, d. h. in das Zelt hinein, gestellt; vor Zug und Wind wurde die Flamme teils durch das Zelttuch, teils mittelst einer Holzkiste, die es wie ein Schilderhaus umgab, geschützt.
Die beiden anderen Fenster mit weißem Glase wurden an der Außenwand und an der Hinterwand angebracht; wenn man aufrecht stand, hatte man bei Tag durch sie die Aussicht auf den Fluß und das rechte Ufer; sie waren aber so eingerichtet, daß sie beim Entwickeln vollständig bedeckt werden konnten. An der Hinterwand lief eine niedrige Bank entlang, auf der vier ziemlich große, eigens zu photographischen Zwecken gekaufte Zuber mit reinem Wasser standen. Was das Waschen der Platten anbetraf, so wurde folgende praktische Einrichtung getroffen. Auf der vorderen Backbordecke des Kajütendaches wurde auf eine verstärkte Plattform ein Bottich gestellt, von dessen Boden ein Gummischlauch in die Kajüte hinabführte und in einen Samowar mündete, unter dessen Hahn ich die Platten bequem abspülen konnte. Wenn der Samowar gefüllt war, wurde der Zufluß mittelst einer Klemme am Schlauche abgesperrt, und wenn der Bottich leer wurde, brauchte ich nur der Wache zuzurufen, ihn wieder zu füllen. Das Flußwasser, das stets trübgrau von Schlamm und Staub ist, war natürlich für photographische Zwecke unbrauchbar, doch ganz kristallklares Wasser zu finden, war keine Kunst; es gab solches längs des ganzen Weges flußabwärts in kleinen, abgeschnürten Uferlagunen. Dagegen konnte das gebrauchte Waschwasser nicht entfernt werden; es überschwemmte nach meinen Arbeitsnächten den Boden der Fähre und machte am nächsten Morgen ein Ausschöpfen notwendig. Mich selbst belästigte der feuchte Boden der Kajüte gar nicht, denn ich hielt mich meistens im Zelte auf, dessen Fußboden einen Meter über dem Boden der Fähre schwebte.
Als das Holzgerippe der Kajüte fertig war, wurde es mit einer doppelten Schicht von schwarzen Filzmatten, die festgenagelt wurden, bekleidet; auch die Türöffnung konnte mit an ihrem oberen Teile befestigten Filzvorhängen verdeckt werden. Noch in der Mitte des September war die Hitze in der schwarzen Kajüte bei Tag unerträglich; es dauerte aber nicht lange, bis der Herbst dafür sorgte, daß dieser Unannehmlichkeit abgeholfen wurde. Bei Tage hatte ich dort selten zu tun, es sei denn, um zum Trocknen aufgestellte Platten zu überwachen oder Instrumente und andere im Laboratorium verwahrte Sachen zu holen.
In der Mitte des Schiffes, hinter der Kajüte, wurden etwas Proviant, ein paar Sättel und die Sachen der Leute aufgestapelt; für meine Diener war reichlich Platz im Achter der Fähre, wo eine kleine, runde Herdplatte von Lehm aufgemauert wurde, die Küche. Da es im Spätherbst und noch mehr im Anfang des Winters sehr kalt wurde, zündeten die Männer dort ordentliche Scheiterhaufen an.
So kleideten sich denn nach und nach meine Pläne in die Gestalt der Wirklichkeit, und schneller, als ich es zu hoffen gewagt, lag das stolze Drachenschiff fertig auf seinem Bette und sehnte sich, in sein Element zurückkehren zu dürfen. Während seiner Instandsetzung waren wir auf anderen Gebieten auch nicht untätig gewesen. In der Schmiede schmiedete Sirkin ein Paar fester Anker oder richtiger Dregganker mit sechs Armen, die uns später oft von großem Nutzen waren; namentlich war der kleinere Anker, der für die englische Jolle bestimmt war, jedesmal nötig, wenn die Geschwindigkeit des Wassers mitten im Flusse gemessen wurde und das Boot also still liegen mußte. Die kleinere Fähre wurde auch bald fertig. Ziemlich beunruhigend war es, zu sehen, wie der Wasserstand mit jedem Tage, der dahinging, ein paar Finger breit fiel; wir beeilten uns aber desto mehr und hofften, daß, wenn es uns nur gelänge, glücklich an den schmalen Stellen bei Maral-baschi vorbeizukommen, wir auch bis ans Ende des Flusses gelangen würden.
Während der letzten zwei Tage in Lailik wurden alle Vorbereitungen abgeschlossen. Das Gepäck wurde geordnet, und es handelte sich jetzt darum, nur das Allernotwendigste mitzunehmen, das jedoch drei große Kisten füllte. Als alles fertig war, erhielten die Schmiede und Schreiner, die uns behilflich gewesen, reichlichen Lohn; der Bek aber war zugegen und sah zu, daß keine unberechtigten Forderungen gestellt wurden. Am 15. September liefen beide Fähren von Stapel; mit der größeren machte ich eine kleine Probefahrt, die in jeder Hinsicht befriedigend ausfiel. Es war ein Festtag für die Dörfler der ganzen Gegend, die sich bei der Werft massenweise versammelten, um dem feierlichen Stapellaufe beizuwohnen. Alle brachten „Geschenke“ in natura mit, Schafe, Hühner, Eier und Brot, Melonen, Trauben und Aprikosen; auf diese Weise wurden wir auf mehrere Tage verproviantiert. Abends veranstaltete ich den Vornehmeren des Dorfes und unseren Arbeitern ein Gastmahl; es gab Reispudding und Schaffleisch, Tee und Obst, und während der Mahlzeit hatten wir Tafelmusik von unserem großen Symphonion. In der Dunkelheit wurden zwischen den Zelten Papierlaternen aufgehängt, und nun ertönten die bizarren Töne der Nagara (Trommel), Dutar (zweisaitige Gitarre) und anderer Saitenspiele schwermütig durch die klare, stille Nacht und riefen meine alten Erinnerungen aus dieser Gegend wieder ins Leben. Auch 1895 hatte ich eine bedeutungsvolle Reise mit Lailik und Merket als Ausgangspunkt angetreten. Doch wie verschieden waren die beiden Reisen. Damals waren wir nach dem unheimlichen, mörderischen Wüstenmeere aufgebrochen, jetzt schlugen wir eine Richtung ein, wo wir wenigstens nicht an Wasser Mangel leiden würden. Und dieselben Spielleute weihten auch die neue Reise ein, und Tänzerinnen in langen weißen Hemden, die dicken schwarzen Zöpfe über den Rücken herabhängend, mit kleinen Zipfelmützen und nackten Füßen tanzten zum Takte der Musik ihren stoßweisen, langsamen Kreistanz. Sie wurden am Tage darauf photographiert, nahmen sich aber im Tageslicht weniger vorteilhaft aus als bei dem verschönernden Lichte der Lampions ([Abb. 20]).