Noch ein Tag wurde Lailik geopfert wegen verschiedener Messungen und zur Feststellung einiger Werte, die uns späterhin von Nutzen sein konnten. Mit Bandmaßen wurde längs des rechten Ufers, dessen scharf abgeschnittener Rand 2½ Meter über der Wasserfläche lag, eine Basislinie von 1250 Meter Länge abgesteckt. Um diese Strecke zu treiben, brauchte die Fähre 26 Minuten, die kleine Jolle 22 Minuten 17 Sekunden; der Unterschied beruhte darauf, daß sich die Fähre nicht während der ganzen Zeit in der stärksten Strömung halten ließ, in deren Sauggebiete man jedoch die kleine Jolle leicht festhalten konnte. Die Strömung betrug also auf dieser Strecke zirka 50 Meter in der Minute oder etwas über 80 Zentimeter in der Sekunde. Um die gemessene Wegstrecke in gewöhnlichem Marschtempo zurückzulegen, brauchte ich 13 Minuten 45 Sekunden und machte im Durchschnitt 1613 Schritte; also waren 64 von meinen Schritten 50 Meter. Die Wassermenge des Flusses betrug hier bis zu 98,2 Kubikmeter in der Sekunde, die Maximaltiefe war 2,74 Meter (ganz dicht am rechten Ufer), das Bett war 134,70 Meter breit, und die größte Stromgeschwindigkeit betrug 0,893 Meter in der Sekunde. Für die Karte nahm ich als Norm an, daß 1 Minute Drift 50 Meter Weglänge und 1 Millimeter auf der Karte entspräche; es versteht sich aber von selbst, daß die Drift später bedeutend variierte, was auf die berechneten Entfernungen jedoch nicht einwirkte, da ich auf der ganzen Fahrt täglich mehrmals die Stromgeschwindigkeit maß.
Der Orientierung halber teile ich auch die wichtigsten Dimensionen der Fähre mit. Sie war 11,51 Meter lang, 2,37 Meter breit und 0,83 Meter hoch, wovon 0,23 Meter unter der Wasserlinie lagen, wenn das Schiff volle Last hatte und bemannt war. Bei 20 Zentimeter Wassertiefe mußten wir also festfahren, was auch täglich geschah. Die Reservefähre war 6 Meter lang und 1 Meter breit. —
Der 17. September war der große Tag der Abreise, und in früher Morgenstunde wurde die Karawane beladen. Die Kosaken und Nias Hadschi erhielten Auftrag, sie über Aksu und Korla nach Argan am untersten Laufe des Tarim zu führen, wo sie nach dritthalb Monaten eintreffen mußten und wo es uns nicht schwer werden konnte, durch Kuriere voneinander Nachrichten zu erhalten. Sie hatten Empfehlungsbriefe von Generalkonsul Petrowskij an die Aksakale (Konsularagenten) der beiden genannten Städte und ein paar gewaltige Pässe vom Dao Tai mit und wurden von ein paar chinesischen Untertanen, gewöhnlich muhammedanischen Beks oder Gendarmen, von Stadt zu Stadt eskortiert. Sirkin erhielt den Auftrag, ein kurzgefaßtes Tagebuch zu führen; er und Tschernoff bekamen ein Geldgeschenk und sollten, solange sie die Karawane eskortierten, ganz freie Station haben, so daß sie bei der Rückkehr nach Kaschgar ihren stehengebliebenen Lohn ohne Abzug einstreichen konnten.
Die Kamele befanden sich in bestem Wohlsein und hatten sich in dem jungen Walde fettgegrast. Auf dem Wege nach Lop sollten sie mit der größten Sorgfalt gepflegt und nicht überanstrengt werden; wir waren der Ansicht, daß sie beim Eintreten des Winters in wenigstens ebenso guter Verfassung wie jetzt sein und den Feldzügen in den Sandwüsten ohne Schwierigkeit entgegengehen könnten. Nias Hadschi erhielt 4½ Jamben zum Unterhalt der ganzen Karawane und zum Einkaufen großer Vorräte an Reis, Mehl und anderen Dingen, deren wir später bedürfen würden. Sirkin sollte über die Ausgaben der Karawane Buch führen. Als alles fertig war, nahmen sie Abschied, schwangen sich auf den Sattel und verschwanden langsam im Unterholz, bis das Glockengeläute nach einer Weile in der Ferne erstarb.
Mich begleiteten nur Islam, Koch, Bedienter und Faktotum in einer Person, und Kader, der eigentlich ein muhammedanischer Schreiber war, meistens aber als Islams Laufbursche fungierte. Die Besatzung der Flottille bestand aus vier mit langen, starken Stangen bewaffneten Männern (Sutschi, Wassermännern oder Kemitschi, Boots- oder Fährmänner). Einer hatte seinen Platz im Vorderschiffe, zwei im Achter der großen Fähre. Von ihnen wurde ununterbrochenes Aufpassen verlangt, denn an Stellen mit starker Strömung und scharfen Ecken zeigte die Fähre Neigung, gegen den stark unterwaschenen Uferwall zu stoßen, und dann mußte rechtzeitig von den Stangen Gebrauch gemacht werden. Der vierte Kemitschi führte die kleine Fähre und ging an der Spitze der Flottille, um die Tiefe zu untersuchen und uns vor seichten Stellen zu warnen; diese Fähre war vollgeladen mit Proviant, Mehl, Reissäcken und Früchten. Die Fährleute, die sich die ganze Zeit über vortrefflich führten, hatten 10 Sär (30 Mark) im Monat und alles frei, doch war es nicht leicht, sie zu überreden, mit nach Lop zu kommen; sie hegten eine kindische Furcht vor diesen fernen Gegenden, von denen sie noch nie hatten reden hören.
11. Ein Seiltänzer in Kaschgar. ([S. 20.])
12. Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar. ([S. 20.])
Von links nach rechts: die beiden Kosaken Tschernoff und Sirkin, der junge Kader, der Verfasser und Islam Bai.
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