Nun wurde die letzte Hand an die Ausrüstung und Möblierung der Fähre gelegt, das Gepäck an Bord gebracht und das Küchengeschirr in der Nähe des Herdes auf dem Achterdeck geordnet. Das Zelt wurde auf der Plattform aufgeschlagen, seine herabhängenden Säume an den Außenrändern des Bretterfußbodens festgenagelt und im Inneren ein in munteren Farben gehaltener Teppich ausgebreitet. Das Möblement wurde so eingerichtet, daß das Feldbett an die Backbordlängsseite gestellt wurde und an seinem Fußende eine der Kisten stand; die beiden anderen standen auf der Steuerbordseite und dienten auch als Tische, auf denen stets eine Menge Instrumente, Karten und andere Dinge in malerischer Unordnung umherlagen. Am vorderen Rande der Plattform, in der Zeltöffnung selbst, hatte ich meinen aus der Proberöhrenkiste bestehenden Arbeitstisch, dessen Untergestell ein Koffer mit Winterkleidern bildete. Das Futteral des großen photographischen Apparates diente mir als Arbeitsstuhl. Öffnete ich die hintere Zelttür, so hatte ich freien Zutritt zum Kajütendach, auf dem allerlei Sachen, die nicht vom Wind fortgeweht werden konnten, wie Segel und Ruder, Strommesser u. dgl., aufbewahrt wurden. Hier war auch das Wetterhäuschen aufgestellt. Es umschloß den Baro- und Thermographen, die Maximal- und Minimalthermometer, das Psychrometer und drei Aneroide. Der Windmesser stand obendrauf; doch was er während der Flußreise mitzuteilen hatte, war von geringer Bedeutung, denn das Flußtal war durch Wälder und hohe Ufer geschützt, die den Wind zum großen Vorteile für den ungestörten Gang des Schiffes abhielten. Was Baro- und Thermograph auf vierzehntägigen Streifen aufzeichneten, war von größerem Interesse: man sah deutlich, wie das Barogramm das langsame Abfallen des Flusses nach Osten angab, während die gezähnte Linie des Thermogrammes immer niedriger wurde, je weiter der Herbst vorschritt und je mehr der Winter herannahte.
Die Fähre lag dem linken Ufer so nahe, als es die hier angehäufte Sandbank erlaubte. Doch um dorthin zu gelangen, mußte man eine ziemliche Strecke in dem seichten Wasser waten. Mit aufgekrempelten Kleidern zog eine ganze Karawane von Dörflern und Kindern zum letzten Lebewohl hinaus und bestürmte uns noch einmal mit Geschenken, die eiligst bezahlt wurden ([Abb. 21]).
Das Bild, das sich dem Blicke an Bord darbot, war so ansprechend und urgemütlich, daß ich die, welche im Wasser stehen blieben und uns lautlos die große Wasserstraße hinunterziehen sahen, beinahe bedauerte. Sie hatten den Vorbereitungen mit skeptischer Miene zugesehen und waren erstaunt darüber, wie gut sich schließlich alles gestaltet hatte. Es war Punkt 2 Uhr, als ich Befehl zum Aufbruch gab. Die Fährleute stießen das Schiff mit ihren langen Stangen in die Stromrinne hinaus, die Ufer glitten vorbei, und nach der ersten Biegung verschwanden die erinnerungsreichen Gegenden von Lailik und Merket.
Ich ließ mich sofort am Schreibtische nieder, wo ich monatelang wie festgenietet sitzen sollte; hier hatte ich meine Kommandobrücke und meinen Observationsplatz ([Abb. 23]). Ein Stück weißes Papier lag bereit; das erste Kartenblatt, Kompaß, Uhr, Diopter, Zirkel, Feder, Messer, Gummi, Fernglas usw., alles war zur Hand, und der Tisch stand so weit vor in der Zeltöffnung, daß ich sowohl nach vorn wie nach den Seiten freie Aussicht auf die Landschaft hatte. Jolldasch und Dowlet fühlten sich vom ersten Augenblick an völlig heimisch; während der heißen Stunden des Tages lagen sie keuchend unter Deck, in der Dämmerung aber kamen sie hervor und leisteten mir im Zelte Gesellschaft.
Wenn der Leser sich wundert, weshalb ich eigentlich diese Flußreise unternahm, und fragt, welchen Gewinn in geographischer Hinsicht ich von ihr erwartete, so antworte ich, daß dies erstens der einzige Weg durch ganz Ostturkestan war, den ich noch nicht kannte, und daß zweitens bisher noch nie eine Karte vom Laufe des Tarim aufgenommen worden war. Von Maral-baschi bis Jarkent waren Pjewzoff, ich und noch ein paar andere Reisende auf dem Karawanenwege am Flusse hingezogen, zwischen Schah-jar und Karaul waren Carey und Dalgleish und später auch ich durch die Uferwälder gegangen, und längs des untersten Teiles des Laufes war zuerst Prschewalskij, dann Prinz Heinrich von Orléans und Bonvalot, Pjewzoff, Littledale und zuletzt ich entlang gewandert. Aber die Wege und Stege, die dem Flusse folgen, berühren nur hin und wieder seine Krümmungen: die Wege sind, als wären sie zwischen den äußersten Kurven der Flußbiegungen auf einem der Ufer gezogen worden. Durch sie erhält man keinen Begriff von dem Verlaufe, dem Aussehen und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Flusses. Unsere Kenntnis des Tarim war bisher auf derartige flüchtige Beobachtungen von geringem Werte gegründet gewesen. Als ich schließlich meine große Karte vom Tarim fertig hatte, fand ich, wie unähnlich ihr das bisherige Bild des Flusses war. Es war dies eine geographische Eroberung, die der Monate, die ihr geopfert worden, wohl wert war. Nie ist die Karte eines außereuropäischen Flusses so genau aufgenommen worden. Und wie interessant war es, das ganze Leben des Flusses so eingehend zu studieren, sein Steigen und Fallen, sein von verschiedenen Ursachen herrührendes Pulsieren, seine launenhaften Formationen und sein wechselndes Aussehen in verschiedenem Terrain! Nicht allein, daß ich so in täglicher, ununterbrochener Arbeit Material zu einer außerordentlich eingehenden Monographie über den größten Fluß des innersten Asien sammelte und einen Weg wählte, dem bisher noch nie jemand gefolgt war, sondern ich machte auch eine so idyllische, so angenehme Reise wie noch nie. Wenn man gewohnt ist, zu Pferd zu reisen oder die Gegenden von dem Rücken eines sich wiegenden Kameles aus zu betrachten, ist es ein Genuß sondergleichen, sich von der Strömung eines ruhigen, friedlichen Flusses befördern zu lassen, die ganze Zeit an seinem Arbeitstische im Schatten zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen, die sich selbst aufrollt wie ein ständig wechselndes Panorama, dem man wie von seiner abonnierten Theaterloge aus folgt und zusieht. Und es war ein großer Genuß, die ganze Zeit zu Hause zu sein, sein Arbeitszimmer, seine Schlafstube und seine Instrumente Tag und Nacht bei sich zu haben und sein Haus wie eine Schnecke durch das ganze innerste Asien mitzunehmen.
Meiner Ansicht nach hatte ich es weit besser und gemütlicher als auf einem europäischen oder amerikanischen Flußdampfer. Denn erstens war ich allein und brauchte mich vor niemand zu genieren. Wenn es mir zu heiß wurde, konnte ich mich entkleiden und vom Schreibtische direkt ins Wasser springen, was auf einem europäischen Dampfer nicht üblich ist, und ich konnte bleiben, wo und wie lange ich wollte, wenn wir an einer Stelle vorbeiglitten, die in irgendeiner Beziehung einladend aussah. Meine Mahlzeiten wurden mir am Schreibtische serviert, wann es mir paßte, und wenn sie auch weniger lukullisch waren als die europäischen, so haben mir diese dagegen selten so gut geschmeckt wie die an Bord meiner eigenen Fähre. Frisches Wasser und eine Luft, die der balsamische Duft der Pappeln alle Augenblicke erfüllte, hatten wir reichlich zur Verfügung. Ich hatte Bilder von denen, welche ich liebte und für die ich betete, in meiner Nähe aufgestellt und begegnete täglich ihren Blicken, die mich auf meiner einsamen Wanderung mit ihrer Liebe und guten Wünschen begleiteten, und es war herrlich, sich außer Hörweite der Verleumdung und der eingebildeten Klugheit zu wissen, welche der Unternehmungslust ebenso treu und sicher folgen wie die Delphine im Kielwasser eines Schiffes. Auf den provisorischen Tischen, die jedoch ihren Zweck vollständig erfüllten, lagen Bücher; ich hatte aber selten Zeit, darin zu lesen, denn jede Minute war von Arbeiten, die getan werden mußten, in Anspruch genommen. Und diese Arbeiten interessierten mich in solchem Grade, daß der Fluß doppelt so lang hätte sein können.
Viertes Kapitel.
Zweitausend Kilometer auf dem Tarim.
Unwiderstehlich trug die langsam und schwer dahingleitende Wassermasse unser Schiff auf ihrem breiten Rücken vorwärts; daß wir ebenso schnell wie die Strömung trieben, sah man leicht an den Treibholzstücken auf dem Flusse, die uns stundenlang begleiteten. Es war warm und still. Nur dann und wann ertönte das Gurgeln eines Wasserwirbels oder das Rauschen des Wassers gegen einen an einer Sandbank hängengebliebenen Baumzweig; ab und zu wurde die Stille von den Stangen unterbrochen, wenn die Fährleute, vom Avisomann Kasim gewarnt, sie ins Wasser stießen, um einer Untiefe auszuweichen.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als auch schon Gruppen von Landleuten und Frauen mit ihren Melonen, Schafen und anderen Dingen die Ufer garnierten. Aber dies lockte uns nicht mehr; wir wollten nicht bleiben und brauchten keine Verstärkung unserer mehr als reichlichen Verproviantierung. Der Tarim macht die tollsten Krümmungen; nacheinander treiben wir nach Nordwesten, Südosten, Norden, Nordwesten und Nordosten. Schon lange Strecken vorher sieht man an den Grenzlinien des Waldes, wo sich der Flußlauf seinen Weg im Terrain gesucht hat. Bei Kalmak-jilgasi hatten sich eine Menge Leute versammelt. Da wir auch hier nicht hielten, liefen sie uns mit ihren Gaben nach, wateten schließlich an einer seichten Stelle in den Fluß ([Abb. 22]), kletterten auf die Fähre und legten ihre Waren auf dem Vorderdeck neben meinem Arbeitstische nieder. Es stellte sich heraus, daß es Frauen, Kinder und Verwandte unserer Bootsleute waren, die uns so überlistet hatten. Es gab keinen anderen Ausweg als anzunehmen, sich zu bedanken und zu bezahlen, was ich um so freigebiger tat, als ich es war, der die vier Männer ihren Familien entrissen hatte.
Nach halbstündiger Fahrt saßen wir zum ersten Male fest, aber der Stoß war so schwach, daß man das Stillstehen der Fähre kaum bemerkt haben würde, wenn man nicht gesehen hätte, wie das Wasser auf beiden Seiten an uns vorbeiströmte. Die Leute sprangen ins Wasser und machten die Fähre ohne Schwierigkeit durch Schieben wieder flott. Bei jedem Festsitzen benutzte ich die Gelegenheit zum Messen der Stromgeschwindigkeit. In den konkaven Kurven ist die Uferterrasse bis zu 3 Meter hoch, und oft fallen große Lehm- und Sandklumpen plumpsend herunter. Noch bedurfte es keines Führers; die Fährleute kannten mehrere Tagereisen stromab den Namen jeder Uferstrecke und jeder Waldpartie. Die Namen sind stets in einer oder der anderen Beziehung bezeichnend und lehrreich. So heißt eine von einer scharfen Biegung gebildete Halbinsel Araltschi, weil sie beinahe einer Insel gleicht; eine Waldgegend Tonkuslik, weil dort Wildschweine vorkommen; ein schmaler Teil des Flusses Kalmak-jilgasi (Mongolenpassage), weil in alten Zeiten Mongolen an den Ufern gewohnt haben sollen. Bei einer nach ihrem Erbauer Muhammed Ili-lenger genannten Poststation an dem großen Karawanenwege, der uns hier bei einer Biegung nach links nahe ist, hat der Fluß vor zwei Jahren auf eine kurze Strecke seinen Lauf verändert; das alte Bette heißt Eski-darja (der alte Fluß). Solche Launenhaftigkeiten des Flußbettes wurden oft beobachtet und stets auf der Karte eingetragen. In den verlassenen Betten bleiben gewöhnlich kleine, klare Wasseransammlungen (Köll = See) stehen.