Abends wurde man von dem starken Sonnenlicht in den westlichen Biegungen und der glänzenden Straße, die auf der Wasserfläche zitterte, etwas belästigt, ging es aber nach Norden oder Osten, so war die Beleuchtung herrlich.
Die Proviantfähre gewährte mit all ihrem Gemüse und ihren Melonen einen ländlichen Anblick; dort gackerten Hühner und krähte ein Hahn — ihre Aufgabe war, mich mit frischen Eiern zum Frühstück zu versehen. Einige Schafe hatten ihre Freistatt auf der großen Fähre in einem kleinen Gehege auf dem Achterdeck, wo sie in schönster Ruhe ihr Futter verzehrten. Doch ihre Tage waren gezählt; das erste wurde in Gasanglik geschlachtet, wo wir die Nacht blieben.
Wenn die Tagereise zu Ende ist, muß zuerst die Fähre festgemacht werden, damit sie während der Nacht nicht ins Treiben gerät ([Abb. 24]). Die Leute bringen am Ufer ihr Lager in Ordnung, um ein Feuer herum, auf dem bald die Teekannen summen und das Abendessen bereitet wird. Ihre Betten bestehen aus einer Unterlage von Filzmatten (Kigis) und das Deckbett bildet der Schafpelz (Pustun). Ich saß lange an meinem Schreibtisch und arbeitete in der stillen Nacht. Die Ruhe wurde nur unterbrochen durch Sandrutsche an den Biegungen, wo die Erosion ihre Minierarbeit ausführt. Manchmal klatscht es auf, als wäre ein Krokodil ins Wasser gegangen, doch solche Tiere gibt es im Tarim glücklicherweise nicht. Die Mücken waren lästig, bald aber würde ihnen die Nachtluft zu kalt für ihr Spiel. Der Mond goß sein Silberlicht über die breite Wasserstraße aus, die sich im Norden wie eine Gasse öffnete.
18. September. Der erste Morgen an Bord war frisch und kühl. Ich schlief stets in meinem Zelte, und es war schön, nicht vor Skorpionen, die an den Ufern ziemlich häufig sind, auf der Hut sein zu müssen. Eine Folge der Strömungsverhältnisse am Lagerplatze war, daß sich im Laufe der Nacht eine Menge Sand und Schlamm um die Fähre herum anhäufte und die Männer eine gute Weile arbeiten mußten, um sie loszumachen. Währenddessen trank ich meinen Morgentee; erst um 9 Uhr waren wir flott und glitten wieder den großen Fluß hinab, der hier jedoch noch recht einförmig war. Nur wenn man an den steilen Ufern (Jar oder Kasch = Strandterrasse, vgl. Jarkent, Kaschgar) vorbeistreicht, die mit jungen Pappeln, Gesträuch und jungen Hagedornhecken bekleidet sind, deren Wurzeln aus dem Uferwalle herauswachsen und ins Wasser hinabhängen, kann man manchmal recht hübsche Partien passieren.
Unsere Kemitschi sind ausgezeichnete Leute, die sich vorzüglich anlassen. Sie heißen Kasim Ahun, Naser Ahun, Alim Ahun und Palta; ein fünfter Mann, Kasim-on-baschi, begleitete uns nur die ersten Tage, um im Anfang mitzuhelfen. Alle sind ebenso mit dem Manövrieren der Fähre wie mit den Eigentümlichkeiten des Flusses vertraut und können es in den meisten Fällen schon der Form der Ufer und dem Kochen und Ringeln des Wassers auf der Oberfläche ansehen, wo es tief oder seicht ist. Oft werden die Sandbänke mitten im Flusse durch Treibholz, Pappelstämme, Reisigbündel und Schilfgarben, die in Drift geraten und hängengeblieben sind, angegeben. Liegt eine tückische Sandbank dicht unter der Oberfläche, so verrät sie sich doch gewöhnlich dadurch, daß das Wasser über ihr ruhig ist und dann gleich unterhalb der Bank eine Stromgasse bildet.
Ich unterscheide in der Folge zwischen konkavem und konvexem Ufer; das konkave ist dasjenige, welches direkt der von der Zentrifugalkraft bestimmten Erosionskraft der Wassermasse ausgesetzt ist und wo die 2 oder 3 Meter hohe Uferwand da lotrecht abgeschnitten ist, wo die Hauptmasse des Wassers strömt, wo wir also die größte Tiefe und die stärkste Geschwindigkeit finden. Das konvexe Ufer hingegen tritt in einer Biegung auf, sei es nach rechts oder nach links, und wird von den Eingeborenen fälschlich „Aral“ oder „Araltschi“ (Insel) genannt. Es ist eine flache, halbmondförmige, scharf markierte oder stumpfe Anhäufung von Schlamm, den seichtes, langsamfließendes Wasser hier während der Hochwasserperiode abgesetzt hat. Hätten wir die Reise anderthalb Monate früher angetreten, so wären diese Schlamminseln überschwemmt gewesen, der Weg wäre etwas kürzer und die Geschwindigkeit größer geworden. Schon jetzt war der Fluß so bedeutend gefallen, daß die noch vorhandene Wassermenge nur die eigentliche Erosionsfurche des Flusses füllte, die überall dicht an den konkaven Ufern hinläuft, d. h. zu alleräußerst in allen Krümmungen nach rechts und links, wodurch die Länge des Weges größer wird und das Abschneiden der äußersten Biegungen unmöglich gemacht ist. Für eine genaue Kartenaufnahme des Tarim war jedoch dieser Umstand ein Vorteil, denn die seichten Stellen lagen nun offen da, und man bekam einen deutlichen Begriff von der Plastik des Bettes.
In den Gegenden, wo wir uns jetzt befanden, war der Lauf des Flusses noch einigermaßen gerade, und ich machte in 25 Minuten nur eine Peilung. Aber bald änderten sich die Verhältnisse, und die Pausen zwischen den Peilungen überstiegen selten 3 oder 4 Minuten. Ich konnte kaum die Aufzeichnungen abschließen, bis wieder eine Peilung gemacht werden mußte, und die Kompaßnadel schwankte von einer Zahl zur anderen.
Der Fluß fällt nicht regelmäßig, sondern ruckweise, so daß um die Schlamminseln und die Halbinseln herum scharf markierte Erosionsränder entstehen. Doch sowie der Schlamm getrocknet ist, fällt er ab und man hört ihn überall ins Wasser plumpsen.
Eine vorspringende Landspitze heißt „Tumschuk“. Unterhalb einer solchen entsteht gewöhnlich eine Unterwasserbank, die bei noch niedrigerem Wasserstande freigelegt ist. Für uns waren solche Stellen die schlimmsten. Fuhren wir trotz aller Anstrengungen der Leute fest, so sprangen sie sofort ins Wasser und schoben uns flott. Das Aufgrundstoßen war bei dem weichen Boden so unmerkbar, daß ich gewöhnlich erst dann etwas davon gewahr wurde, wenn die Männer riefen „Laiga tegdi“ (ist auf den Lehm geraten), „Toktadi“ (ist stehengeblieben) oder „Turdi“ (hat sich festgefahren), „Tüschdi“ (ist abgeglitten, eigentlich fiel). „Mangdi“ oder „Mangadi“ (es geht) sind Ausrufe, welche verkünden, daß wir die Fahrt wieder aufgenommen haben. Stieß das Vorderteil auf, so drehte sich die Fähre im Kreise herum und der Kopf wurde einem so schwindlig wie in einem Karussell. Die Landschaft veränderte ihr Aussehen in einem Augenblick, und die Sonne schien verrückt geworden zu sein; eben hatten wir sie im Rücken, und nun stand sie vor dem Vorderschiffe.
Die Erscheinungen im Flusse, welche ständig wiederkehren, bezeichnen die Eingeborenen mit besonderen Namen. Kleine Strömungsanzeichen über einer Untiefe heißen „Kainagan-su“ (kochendes Wasser) oder „Kainagan-lai“ (kochender Schlamm). Wenn der Fluß sich teilt, spricht man einfach von dem linken und rechten Flußarme; ist der eine kleiner, heißt er „Kitschik-darja“ (kleiner Flußarm) oder „Partscha-darja“ (Flußteil); eine Sackgasse heißt „Bikar-darja“ und ein verlassener Arm „Eski“- oder „Kona-darja“, und wenn er eine isolierte Wasseransammlung enthält, „Köll“. Wenn der Fluß sich teilte, schwebten wir gewöhnlich in der größten Ungewißheit darüber, welchen Arm wir wählen sollten, und wir machten dann nicht selten Halt, um die Stelle mit der Jolle genauer zu untersuchen und zu peilen.