Einen Augenblick überlegten wir die Situation. Die Lopleute stimmten dafür, zu bleiben, wo wir waren; darauf konnte ich aber durchaus nicht eingehen, nicht weil wir nicht genügend Proviant hatten und ich die Nacht lieber in meiner bequemen Hütte zugebracht hätte, sondern einzig und allein, weil die Chronometer zur bestimmten Zeit aufgezogen werden mußten. Kirgui Pavan war gar nicht dafür, bei einem von Osten kommenden Sturme am Westufer zu liegen. Er war außerordentlich vorsichtig und klug, hatte aber nie Angst, und wenn Gefahr vorhanden war, verlor er nie seine Kaltblütigkeit. Jetzt machte er seine Berechnungen und schlug dann vor, wir sollten versuchen, die Mündung des schmalen Kanales zu erreichen, der den Beglik-köll vom Flusse aus mit Wasser versieht und der so lang ist, daß wir am Morgen zwei gute Stunden gebraucht hatten, um ihn zurückzulegen. Doch von seiner Mündung trennte uns die größte Partie des Sees mit einem breiten Fjord, der sich westwärts in den See hineinzieht.
Nach dem Ostufer hinüberzugehen, wo wir unter den Dünen Schutz gehabt hätten, wäre das beste gewesen; aber obwohl der See noch so gut wie ganz ruhig dalag, rieten doch alle davon ab, denn die Entfernung war zu groß und es wäre uns nicht gelungen, noch hinüberzukommen. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als die Fjordmündung zu kreuzen und dann am nördlichen Seeufer, wo wir zwischen kleinen Holmen und Inseln Schutz finden würden, entlang zu rudern.
Die Männer ruderten mit solcher Kraft, daß ich erwartete, die Ruder zerspringen zu hören; diese standen so straff gespannt im Wasser wie Pfeilbogen, als wir über das stille Wasser hinsausten, und der Schaum spritzte büschelförmig vom Bug der Kähne auf ([Abb. 105]). Wir machten fast 9 Kilometer in der Stunde. Die Leute waren fürchterlich ängstlich und unausgesetzt riefen sie mit dumpfer, hohler Stimme: „ja Allah!“ Noch war die Atmosphäre still, aber deutlich fühlte man, daß eine fürchterliche Revolution bevorstand, und man sah, wie der Sturm an Boden gewann.
„Jetzt ist er schon auf den äußersten Dünen“, sagte Kirgui Pavan in demselben Augenblick, als sich ihre Konturen auflösten und wie auf einer Schiefertafel ausgelöscht wurden; im Nu verschwand die ganze Dünenwand, der ganze Strand in dickem, gelbgrauem Nebel. „Rudert, rudert, Kinder, es gibt einen Gott.“ fügte er, die Leute anfeuernd, hinzu. „Chodaim var“ (es gibt einen Gott) war in allen kritischen Fällen sein stehender, beruhigender Wahlspruch.
Jetzt kamen die ersten Windstöße aus Ostnordost, dann hörte man das Brausen, als der schwarze Sturm auf das Wasser niederschlug, welches zischte und spritzte und in wenigen Minuten mit hohen, dunkeln, rollenden Wogen in völligem Aufruhr war. Je näher der Sturm kam, desto angestrengter wurde gerudert, und die Geschwindigkeit betrug jetzt bis an das Nordufer sicherlich 10 Kilometer. „Wir kommen nicht mehr hin,“ riefen sie, „ja Allah!“
Ich steckte die wenigen mitgenommenen Instrumente zu mir, zog mir Schuhe und Strümpfe aus und war auf alles gefaßt. „Jetzt ist er hier!“ schrien unsere Ruderer, die alle auf den Knien lagen, die Ruder fester fassend, und die Ruderschläge folgten so dicht aufeinander, als würden die Arme der Ruderer mit Dampf getrieben.
Gerade als der Sturm uns erreichte und die leichten Boote umgerissen hätte, wenn wir uns nicht rechtzeitig luvwärts gebeugt hätten, wurden wir in dicken Nebel gehüllt, der aus lauter feinem Staube bestand. Jetzt verhüllte er auch das westliche und nördliche Ufer, und recht ernste Gefühle bemächtigten sich unserer, als wir nichts weiter sahen als tobende Wellen, zwischen denen die Kähne wie Strohhalme verschwanden.
Kirgui Pavan aber und seine Ruderer kannten einen feinen Kniff, der darin bestand, bei jeder heranstürmenden hohen Welle die Kähne ein bißchen gegen den Wind zu kehren; auf diese Weise nahmen wir nicht so sehr viel Wasser ein, obwohl wir alle von dem aufspritzenden Gischt völlig durchnäßt wurden.
Wir waren noch im letzten Augenblick vom Westufer aufgebrochen; ein paar Minuten später und die Kähne wären untergegangen. Schön war es, als wir endlich die am Nordufer stehenden Tamarisken wie dunkle Flecke durch den Nebelschleier schimmern sahen, und bald darauf befanden wir uns im Schutze eines vorzüglichen Wellenbrechers, einer langen, schmalen Halbinsel.
Sirkin und Nasar Bek hatten sich unsertwegen sehr beunruhigt, und letzterer begab sich selbst mit zwei großen Kähnen von Jekkenlik nach dem Beglik-köll, um uns Entsatz zu bringen. Wir trafen ihn und seine Begleiter in der Nähe der Kanalmündung, und sie waren freudig überrascht, uns wohlbehalten auf dem Rückwege zu sehen. Er hatte Betten, warme Kleidungsstücke und Proviant mitgebracht, eine vollständige Ausrüstung, die Sirkin für den Fall, daß wir am Abend nicht zurückkehren könnten, zurechtgemacht hatte.