In Verbindung hiermit möge man es nicht für vermessen halten, wenn ich sage, daß so lange wir unseren Wohnplatz im Loplande aufgeschlagen hatten, dort Ordnung und Ruhe herrschten; ich duldete keine Ungerechtigkeiten gegen die arme, aber redliche Bevölkerung. Es wurde auch eine Gewohnheit, daß die, denen ein Unrecht zugefügt worden und die nicht die Kraft und die Mittel besaßen, sich ihr Recht zu verschaffen, sich mit Bittschriften um Hilfe und Beistand an mich wandten, und Tura-sallgan-ui ist daher seinerzeit auch der Sitz eines „Landgerichts“ gewesen, das unserem Lager mit Übergehung von Dural, Kara-schahr und Tscharchlik, wo chinesische Ambane regieren, den Anstrich einer Metropole des Landes gab. Bei schwereren Fällen pflegte ich an die Ambane zu schreiben und sie daran zu erinnern, daß es ihnen schlimm gehen würde, wenn sie meinen Wünschen nicht nachkämen; leichtere Rechtsstreitigkeiten aber konnten wir selbst schlichten. Die Lopbevölkerung wird tatsächlich mehr von ihren Beken und Ambanen als von Bremsen und Mücken gepeinigt.

Wir bekamen jetzt recht viele Passagiere, unter anderen auch einen Mann, der nach Kum-tschappgan wollte und es für bequem hielt, auf diese Weise dorthin zu gelangen; er mußte aber als gewöhnlicher Matrose gegen freie Station an Bord dienen. Ein Geschwader von neun Kähnen war aufgeboten worden, um uns einen Weg über die Seen, die wir heute zu passieren hatten, zu bahnen und uns durch ihre verwickelten Schilflabyrinthe zu führen. Bei Keppek-ui begann dieses Gewirr von neugebildeten Seen, die voller Kamisch waren, in dem wir nur mit Schwierigkeit vorwärtskamen. Alle überflüssigen Passagiere mußten in die Kähne steigen, und alle Fischer und Ruderer, die das Geschwader bemannten, begaben sich ins Wasser, zogen aus Leibeskräften und preßten die Fähre zwischen den kompakten Schilfbeständen hindurch. Über die Seen Kurban-dschajiri und Süssük-köll ging es dagegen gut, dank dem nachschiebenden Winde und unseren Leuten, welche die Stangen mit Rudern vertauschten und die Fähre über ziemlich offenes Wasser ruderten.

Auf der anderen Seite mußten wir uns wieder durch einen Korridor zwängen, wo das 4 Meter hohe Schilf einer dichten Hecke glich. Das war ein Geschrei und Lärm in diesem Hohlwege, wo wir drauf und dran waren, wie in einer Mausefalle steckenzubleiben, ohne vorwärts oder rückwärts zu können; wir hatten allen Grund zu fürchten, daß dies der unglückselige Punkt sei, an dem wir die Fähre zurücklassen mußten!

Solange wir festsaßen, hatten wir es schön in dem kühlen Schatten. Dagegen bildeten die durch die Luft schwärmenden Bremsen (Kökkön) eine wirkliche Landplage. Unaufhörliches Brummen ertönt in den Ohren; sie setzen sich klatschend auf das Kartenblatt, lassen sich in meiner Kajüte häuslich nieder und stechen und quälen uns wie böse Geister. Ich hätte mich freilich mit dem Moskitonetze schützen können, schämte mich aber vor den Leuten, die nackt im Wasser gingen und sich gar nicht beklagten. Bei Sonnenuntergang verschwinden diese scheußlichen Insekten, aber nur, um Mücken und Moskitos Platz zu machen. In dieser Jahreszeit hat man im Loplande weder Tag noch Nacht vor den Insekten auch nur eine Stunde Ruhe.

In den See Tuwadaku-köll war nicht leicht hineinzukommen. Die Passage war gerade 1½ Meter zu schmal, dazu seicht und winkelig; aber dies war der einzige Weg, der sich uns bot ([Abb. 106]). Etwa 20 Leute arbeiteten ein paar Stunden mit Spaten an der Vertiefung des Kanals und hieben das Schilf auf beiden Seiten fort; auf diese Weise drang die Fähre Fuß für Fuß vor. Um die Arbeit zu erleichtern, steckten wir nach und nach das Schilf in Brand, wodurch kolossale Feuersäulen und Rauchwolken von dem See aufstiegen. Dieses Verfahren ist jedoch manchmal recht unangenehm und konnte nur auf der Leeseite der Fähre vorgenommen werden. Man begab sich sozusagen mit Hab und Gut auf einen brennenden See hinaus; wäre uns das Feuer zu nahe gekommen, so hätte der Oberbau der Fähre ebenso hell gebrannt wie das Schilf.

Bei dem Dorfe Jekkenlik, das auf einer Insel inmitten des gleichnamigen Sees liegt und von zwei Familien bewohnt wird, ließen wir nach einem sehr anstrengenden Tage die Anker fallen.

Die Exkursion, die wir am 25. Mai nach dem Beglik-köll unternahmen, wurde eine ziemlich muntere Fahrt. Früh am Morgen war die Luft außergewöhnlich frisch, obwohl das Minimumthermometer nicht unter +16 Grad heruntergegangen war; es ist merkwürdig, wie schnell sich der Körper an die verschiedenen Temperaturen gewöhnt; im Winter war es uns bei −10 Grad oft warm vorgekommen. Die Atmosphäre war vollkommen ruhig, und der Jekkenlik-köll lag spiegelblank, als wir nach dem Dorfe Kattik-arik hinüber ruderten. Dieses besteht aus zwei Sattmen mit drei Familien, die uns freundlich begrüßten und uns halfen, die Kähne über eine schmale Landenge nach dem alten, jedoch noch mit stillstehendem, klarem Wasser gefüllten Bette des Jarkent-darja zu schleppen.

Der Abwechslung halber hatte ich Schagdur mitgenommen. Er war im Ablesen der Tiefen und Geschwindigkeiten schon ebenso geschickt wie Sirkin; nur eine Eigenschaft machte ihn für diese abenteuerlichen Seefahrten ungeeignet, und diese bestand darin, daß er nicht schwimmen konnte.

Still und ruhig lag der Beglik-köll da, und man ahnte kaum, daß dieser Wasserspiegel von den Mächten des Himmels zu schäumenden Wogen aufgepeitscht werden könne. Es tat mir beinahe leid, die Spiegelbilder, die sich naturgetreu wie Photographien auf der Wasserfläche zeigten, zerstören zu müssen. Heißer denn je brannte die Sonne. Ich mußte meinen weißen Anzug unaufhörlich mit Wasser bespritzen, um es einigermaßen kühl zu haben. Der ganze Tag wurde diesem See gewidmet, und dennoch kamen wir nicht mehr dazu, die Messungen auf ein paar Fjorden ganz zum Abschlusse zu bringen. Einer von ihnen wurde von einem Dünenkamme aus in die Karte eingetragen. Der Sand war glühend heiß, er brannte durch die Schuhsohlen, und es war daher schön, eine Weile auf der Kahnreling zu sitzen, mit den Füßen im Wasser zu plätschern und eine Pfeife Virginia zu rauchen.

Wir hatten dort noch nicht lange gesessen, als mein alter Freund Kirgui Pavan, auch Kurban genannt, auf die hohen, steilen Dünen des uns gerade gegenüberliegenden östlichen Ufers zeigte und mit fragendem Tone „Kara-buran“ (schwarzer Sturm) sagte. Dort sah man eine dunkle, ein wenig schräge Säule mit einem Kapitäl aus helleren Wolken am Horizont aufsteigen. Ähnliche Säulen tauchten nach und nach in langen Reihen auf beiden Seiten der ersten auf, Händen und Fingern vergleichbar; sie zogen sich allmählich zu einer zusammenhängenden Wand mit gezähnten Konturen zusammen, die immer höher wurde. Wir schwebten nicht länger über das, was uns bevorstand, in Ungewißheit.