Am 20. Mai machte ich eine Fahrt nach dem See Karunalik-köll, die in jeder Hinsicht glücklich ausfiel und von herrlichem Wetter begünstigt wurde. Die Lotungen konnten daher kreuz und quer über den See auf planmäßig ausgewählten Linien gemacht werden. Schon im Einlaufskanal wurde eine interessante Beobachtung gemacht. Nicht weniger als 2,3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde strömten vom Flusse in den See, der also um diese Zeit den Tarim um eine Wassermenge von 200000 Kubikmeter im Tage brandschatzte. So vielen Wassers bedarf es, um den See auf gleiches Niveau mit dem Flusse zu bringen. Man bekommt dadurch einen Begriff davon, wieviel Wasser selbst in einem so kleinen See durch Verdunstung und Einsickern in den Sand verloren geht.
Der See besteht aus zwei elliptischen Becken und gleicht an Gestalt einer Acht, welches Relief sich bei diesen eigentümlichen Wüstenseen wie auch bei den trockenen Bajirmulden oft wiederholt. Man findet daher bei ihnen ständig dieselben Bezeichnungen wie „Bolta“, d. h. Abschnürung oder schmale Passage zwischen den beiden Becken des Sees, „Kakkmar“ oder Buchten an den Seiten von „Modschuk“, welcher Name vorspringende Landspitzen oder Zungen bedeutet usw. Die größten Depressionen liegen wie bei den Bajiren an den steil abfallenden Dünen im Osten. Die meisten, wenn nicht alle Pappeln stehen auch am östlichen Ufer, oft im ärgsten Sande, so daß man sich wundern muß, daß sie nicht davon erstickt werden. Ihr Schicksal ist aber doch besiegelt, denn die Dünenmasse wälzt sich unter dem Drucke der Oststürme unausgesetzt westwärts. Tamarisken und Ölweiden kommen vereinzelt vor, und auf dem Westufer steht viel Schilf, obgleich nur auf dem Trockenen.
Die Höhe des nächsten dominierenden Dünenkammes wurde mit dem Nivellierspiegel gemessen; sie belief sich auf 89,5 Meter. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß ich mit dem Spiegel die Höhe einiger anderen naheliegenden Dünen auf 10 bis 15 Meter mehr schätzen konnte, so daß diese Dünen auf dem rechten Ufer des Tarim also eine Höhe von zirka 100 Meter erreichen ([Abb. 103], [104]).
Nachdem wir abends mit der Fähre noch bis an den Einlauf des Ullug-köll (großer See) gefahren waren, lagerten wir und bestimmten den folgenden Tag zu einem Ausfluge dorthin. Gleich mehreren anderen Seen auf dem rechten Tarimufer hat auch dieser in seinem südlichsten Teile zwei durch eine gewaltige Sanddüne getrennte Buchten.
Fische sind sehr reichlich vorhanden, aber regelmäßiger Fischfang wird erst dann betrieben, wenn der Fluß so weit gefallen ist, daß der See abgeschnürt wird und zusammenschrumpft. Dann sollen die Fische fetter werden und wohlschmeckender sein. Sie werden auf andere Weise gefangen als in den schilfreichen Seen, wo man in jedem Tschappgan Netze auslegt. Hier fängt man sie mit einem Schleppnetze, das bis zu 80 Meter lang ist und von zwei Kähnen in seichtem Wasser gerudert wird. Man bildet erst einen Halbkreis, dann aber schwenkt das eine Boot in diesen hinein wie in eine Spirale, während andere Ruderer die Fische mit den Rudern in diesen Schneckengang hineinjagen, wo sie dann in dem Schleppnetze hängenbleiben, mit diesem aufgenommen und mit einem Knüttel totgeschlagen werden.
An den Ufern ist das Tierleben durch Rehe und Wildschweine vertreten, die sich dort jedoch nur sporadisch zeigen. Adler, Seeschwalben und einige kleine Sumpfvögel waren die einzigen Vögel, die wir sahen. Enten und Gänse würden hier vergeblich nach Nahrung suchen.
Diese ganze Reihe von Seen, die am rechten Ufer des Tarim wie Blätter an einem Zweige hängen, sind Schmarotzer, Auswüchse an dem Leibe des Flusses; sie erhalten von ihm ihre Lebenskraft und würden sterben und verschwinden, wenn der Fluß eine andere Richtung einschlüge. Im Herbst sind sie zur Hälfte ausgetrocknet und müssen wieder gefüllt werden. Der Fluß wird also jährlich ungeheuerer Wassermengen beraubt, die sonst dem Kara-koschun zugute kommen und der Karte ein ganz anderes Aussehen geben würden. Man kann sich daher denken, daß, als die Seenreihe noch nicht vorhanden war, die Lopseen viel größer gewesen sein müssen als jetzt, und ihre Zunahme ist eine der Ursachen des langsamen Verschwindens der unteren äußersten Seen.
Am 22. Mai sollte eine lange Fahrt flußabwärts gemacht werden, aber schon gegen 11 Uhr jagte uns ein toller Südwest in eine Bucht hinein, in der wir fast den ganzen Tag bleiben mußten. Erst um 6 Uhr konnten wir weiterfahren. In den ziemlich gerade nach Osten laufenden Teilen des Flusses ging es mit reißender Geschwindigkeit vorwärts, denn der Wind half, und wir legten 1,52 Meter in der Sekunde zurück, was von der Schnelligkeit, mit welcher die Kähne gewöhnlich gerudert werden, nicht weit entfernt ist. Es war ein Genuß, die Ufer wieder vorbeieilen zu sehen, und es ging so geschwind, daß ich mit dem Kompaß und der Uhr aufpassen mußte, um nicht mit der Karte im Rückstand zu bleiben. Sirkin war mir eine unschätzbare Hilfe; er führte Tiefenmessungen aus, maß die Stromgeschwindigkeit und von Zeit zu Zeit auch die Geschwindigkeit der Fähre.
Das Leben an Bord war ebenso ruhig und friedlich wie im Herbst; alle taten ihre Pflicht. Die Kosaken, die damals noch nicht bei mir gewesen waren, fanden diese Fahrt höchst vergnüglich. Sie saßen plaudernd vor ihrer Kajüte oder umkreisten zu Kahn die Fähre, gingen an Land, um in den Buchten Wildenten zu schießen und belustigten sich nach beendeter Tagereise mit Fischfang. Wir leben beinahe ausschließlich von Fischen und Enten, doch konnten wir von den Hirten an den Ufern auch Schafe und Milch bekommen. Schagdur war mein Koch und Kammerdiener. Ördek, der Kapitän, kommandierte ein wenig geräuschvoll, versah aber sein Amt in vortrefflicher Weise. An den Lagerplätzen schliefen die Muselmänner an Land, die Kosaken und ich an Bord. Jeden Abend wurden die jungen Hunde gebadet, zum großen Vergnügen der Zuschauer, aber zum Entsetzen für die kleinen Sündenböcke selber.
Am 23. Mai machten wir eine außergewöhnlich lange Fahrt. Gerade als wir am Abend mit dem Messen des Flusses beschäftigt waren, erschienen Nasar Bek, Kirgui Pavan und Temir Schang-ja in ihren Kähnen. Der letzte wurde sogleich fortgewiesen, weil er ein ausgemachter Schuft war, der durch seine dressierten Spießgesellen Chalmet Aksakal um eine Partie Zeugstoffe und andere Waren hatte bestehlen lassen und der überdies die Bevölkerung seines Distrikts gewohnheitsmäßig aussog. All sein Bitten half ihm nichts; ich zeigte ihn beim Amban von Tscharchlik an, der ihm seine Amtstracht und sein Amt entzog.